Dattel und Olive - Ali-Nihat Koc zu Gast bei den Brucker Zeitgesprächen

Selten war der Gemeindesaal der ev. Gnadenkirche so dicht gefüllt wie zum Thema „Wie kann die Integration türkischstämmiger Mitbürger besser gestaltet werden?“ Ali-Nihat Koc, Referent und Sprecher der gemeinnützigen „Begegnungstube Medina“, brachte viele Ideen und Vorschläge mit, er lebt seit 1970 in Bayern.

Der studierte Flugzeugbau-Ingenieur ist desweiteren muslimischer Vorsitzender des „Koordinationsrates des christlich-islamischen Dialogs“ (KCID) auf Bundesebene: Hier laufen die Aktivitäten von über 1000 Mitgliedern in bisher 18 Vereinen zusammen. In seiner Analyse haben die Terroranschläge vom 11. September 2001, der Karikaturenstreit um den Propheten Mohammed und manchmal auch nur die Fremdheit der kulturellen Unterschiede zu Unsicherheit oder diffuser Angst bei christlichen Bürgern geführt. Auf der anderen Seite fühlten sich Muslime angegriffen durch ausländerfeindliche Übergriffe, durch die misstrauische Beobachtung islamischer Einrichtungen und die offensichtliche Diffamierung muslimischer Bürger bei Integrationstests. Dem setzt der ehrenamtlich tätige Kreis um den agilen Koc in Nürnberg und auch schon anderswo ein umfangreiches Miteinander und Kennenlern-Programm untereinander entgegen, denn „gefragt sind positive Erfahrungen“- und nicht, was angeblich trennt. Wolfgang Dobersch vom Brucker Zeitgespräche-Team hatte vor diesen Ausführungen die einleitende Kommentierung und die abschließende Diskussionsleitung übernommen. Bezeichnend für das Auftreten des ‚türkischstämmigen Franken’ sind sein akzentfreies Deutsch und sein Bemühen, auf keinen Fall anzuecken. „Ich freue mich über alle, die heute gekommen sind, auch ohne Amt und Auftrag. Ich wünsche mir einen Abend, der uns alle etwas weiterbringt.“ Die Bemühungen um die Dialogarbeit in der Nürnberger „Begegnungsstube Medina e.V.“ umfassen ca. 100 Mitglieder, davon 40 Frauen. Ali-Nihat Koc, seit der Schulzeit mit Ausländerfeindlichkeiten konfrontiert, investierte in seine Ausgleichsbemühungen bereits 15 seiner Lebensjahre, erfuhr nach eigener Aussage dabei „wunderbare Freundschaften, selbst mit Pfarrern und Pastorinnen“. Zu den Insignien der Begegnungsstube gehören als verbindendes Symbol die Friedenstaube und zwei Zweige: Der von der Dattel für den Propheten Mohammed, der von der Olive für Jesus-Christus. Ein Abrahamskonzert in einer christlichen Kirche weist auf den Stammvater von drei Weltreligionen hin; in Coburg findet hierzu ein „Symposium der Weltreligionen“ statt. In Nürnberg gründete man mit den Juden eine jüdisch-islamische Gesellschaft. Regelmäßige Veranstaltungen in der fränkischen Metropole sind im Herbst die „Islamwochen“, im Frühjahr die „Dialogwochen“. Prominente Besucher oder Referenten waren bereits der ehemalige bayer. Innenminister Günter Beckstein, der Nahost-Experte Dr. Friedrich Schreiber, der amerikanische Generalkonsul und der britische Botschafter, der türkische Kulturminister. Zum gegenseitigen Kennenlernen gehörten und gehören Moschee- und Kirchenführungen, gemeinsames Singen und Theaterspielen, Workshops zu „Koran und Bibel“ (Was kenne ich davon?), Fastenessen im Altenheim und für Obdachlose, Solidarisierung und Teilnahme im AEG-Streikzelt, Projekttage für junge Menschen: So für Nicht-Muslime mit der Problembewältigung, „Einen Tag lang ein Muslim zu sein“. Zu regelmässig wiederkehrenden Gedenken gehört auch die Erinnerung an die Terroranschläge vom 11. September, wobei Koc das Schweigen der europäischen Medien zu der Distanzierung aufrechter Muslime von den Anschlägen beklagt. Dazu stuft er das europäische Reiz- und Dauerthema „Kopftuchtragen“ als hausgemacht ein, „inner-islamisch haben wir damit überhaupt kein Problem!“ Der ehemalige Rektor der FFB-Nordschule, Harry Baumann, lobte in der Diskussion die Schulfreundschaften und den Zusammenhalt gerade auch bei den türkischen Jungen während der Schulzeit. Danach zöge man sich aber wieder in die eigenen, landsmännischen Cliquen zurück. Die Sprache wäre der Kernpunkt aller Auseinandersetzungen. „Was wird von der türkischen Seite zu diesem Punkt beigetragen?“ Der Referent sah hier deutsche und staatliche Versäumnisse und als hauptsächliches Integrationshindernis für türkische Jugendliche, dass sie noch immer nicht als gesellschaftlich vollwertig anerkannt würden. Es existierten noch immer Ausgrenzungen. Dennoch: „Es ist ganz wichtig, dass daraus keine Feindschaften entstehen.“ Eher unbeantwortet blieben Zuhörer-Fragen und Anmerkungen wie „Was machen wir im Alltag, wenn wir zusammenkommen - und nicht mit dem Herrn Innenminister?“ Oder: „Für mich ist Integration mehr als nur Freundschaften!“ Silvia Piott vom Brucker Projekt „Sozialen Stadt“ nannte in einem bewegenden Schlussbeitrag die „Kleinen Begegnungen“ als wirkungsvollsten Beitrag zum Zusammenleben. Da klang es dann doch schon etwas eigen, als der Referent des Abends recht munter bekannte: „Erleben Sie mal türkische Familien privat. Der Mann hat da nicht viel zu sagen …“

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