Der Rehbock als Sündenbock

Neues Jagdgesetz in der Kritik – Jäger aus dem Landkreis beziehen Position

Ein Rehbock steht im Wald und blickt in Richtung des Fotografen.
+
Laut Brucker Jägerschaft wird das Reh zum Sündenbock gemacht.
  • vonMaximilian Geiger
    schließen

Landkreis Fürstenfeldbruck – Die Brucker Jäger fordern aufgrund des anstehendes Vegetationsgutachtens eine gemeinsame Abschussplanung des Rehwildes mit den Waldbesitzern.

Der geschlossene Nadelwald, praktisch mag er sein, vielleicht, aber doch nur auf dem Papiere. Er ist leichter zu bewirtschaften, bequemer in Bargeld umzusetzen, aber wie er der Wildbahn schadet, wie sehr er den Boden aushagert, wie durch ihn Raupengefahr und Borkenkäferfraß künstlich herangehegt werden, das wird nicht bedacht.“ Dies wurde etwa 1919 von Jäger Hermann Löns geschrieben, als es weder Naturschutz noch Klimawandel gab. Und doch scheint die Zeit oder auch die wissenschaftliche Erkenntnis trotz lang bekannter Hinweise nur langsam fortgeschritten zu sein.

Der Entwurf des neuen Jagdgesetzes sieht die Verjüngung des Waldes im Wesentlichen ohne Schutzmaßnahmen vor. Das heißt, dass auch künstliche Verjüngungen im Sinne einer Anpflanzung bisher nicht vorhandener Baumarten ungeschützt wachsen müssen. Der Sprecher der Kreisgruppe Pöllmann sagt dazu: „Den Verbiss baumschulgedüngter Douglasien oder anderer Baumarten im monokulturellen Fichtenertragswald auszuschließen, würde eine Reduktion des Rehwildes auf Null bedingen. Das ist Unfug. Wenn ich zwischen einen Teller voll Zwieback einige Pralinen lege, ist der Effekt vorhersehbar. Es gibt nicht erst einen Lebensraum und dann das Wild, sondern ein natürliches Zusammenspiel der verschiedenen Pflanzen- und Tierarten und eine einfache Logik zwischen Nahrungsangebot- und Nachfrage.“

Hoffnung auf verantwortungsvollen Umgang mit den Vegetationsgutachten

Hoffnung setzt die Kreisgruppe auf einen verantwortungsvollen Umgang der Behörden mit den in diesem Jahr turnusgemäß aufzunehmenden Vegetationsgutachten. „Die Gutachten zählen den Verbiss an Naturverjüngungen an drei bis vier bestimmten Punkten und vergleichen ihn mit den Werten von vor drei Jahren. Die Erstaussage rot (prozentual schlechter) oder grün allein ist natürlich wissenschaftlich fragwürdig hinsichtlich einer möglichen Entwicklung des gesamten jeweiligen Bereiches. Ebenso die Feststellung von zum Beispiel nicht vorhandener Buchenverjüngung im dunklen Fichtenwirtschaftswald. Auf Basis dieser Zählungen hingegen eine konstruktive Diskussion mit den Grundbesitzern über jagdliche Schwerpunkte zur Verstärkung waldbaulicher Aktivitäten zu führen, ist absolut sinnvoll“, so Pöllmann weiter. Die Sichtbarkeit des Wildes habe zusätzlich durch den corona-bedingten Freizeitdruck in den letzten Ecken sämtlicher Wälder und Grünflächen extrem abgenommen. „Der Stress für das Wild hat dadurch stark zugenommen. Das Verständnis auf den normalen Wegen zu bleiben, ist leider oft nicht vorhanden und Appelle werden gerne ignoriert. Deutlich erschwerte Jagdbedingungen sind die Folge. Das muss bei der Abschussplanung berücksichtigt werden“, schildert Pöllmann.

Aktuell wird nicht nur Fichten, sondern auch Buchen und Eichen mangelnde Zukunftsfähigkeit attestiert. Ob die Zukunft unserer Wälder etwas mit Libanozeder, Esskastanie, Japanischen Zirkaven oder Colorado Tannen zu tun haben wird, bleibe laut Pöllmann noch festzustellen.

Tatsache sei: der Zustand des von Menschenhand geprägten, aber für den Planeten so wichtigen Waldes wird zu 80 Prozent von dem zu schnellen Anstieg der Temperatur gefährdet. Etwa 40 Prozent der in Bayern vorkommenden Pflanzen- und Tierarten stehen auf der roten Liste der gefährdeten Arten. „Es wäre schade, wenn man versucht, die Jägerschaft zu zwingen, unverhältnismäßig einzugreifen und durch das langjährige Ignorieren der Entwicklung das Reh zum Sündenbock zu machen. Bisher wurden Abschusspläne noch nie gesenkt. Der Verbiss ist hingegen eine Größe, die sich über die letzten Jahrzehnte reduziert hat“, sagt der Vorsitzende der Brucker Jägerschaft von Hößlin. Die Jägerschaft verstehe sich grundsätzlich als vehementer Anwalt eines gesunden Artenreichtums.

red

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Kommentare