Der ehemalige Vier-Sterne-General Dr. Klaus Reinhardt sprach in Fursty über die Zusammenführung von Bundeswehr und NVA

Der Leiter der Sektion München vom Freundeskreis Luftwaffe, Heinz Gerrits, überreichte General a.D. Dr. Klaus Reinhardt ein Buch sowie ein Modell eines Doppeldeckers. Zur Erinnerung an seinen Auftritt beim Freundeskreis Luftwaffe. Foto: Dieter Metzler

Auf Einladung des Freundeskreises Luftwaffe referierte der ehemalige Vier-Sterne-General Dr. Klaus Reinhardt am 13. September im Saal des Offizierkasinos im Brucker Fliegerhorst über die „Zusammenführung von Bundeswehr und NVA“. Am 3. Oktober 1990 fand die deutsche Wiedervereinigung statt. Während dieser historisch einzigartige Vorgang somit jedes Jahr ins Bewusstsein der Deutschen gerufen wird und die Vorgänge eigentlich auch gut dokumentiert sind, wissen die wenigsten aber, was aus der damaligen Nationalen Volksarmee (NVA) der DDR geworden ist. Wurde sie mit der Bundeswehr seinerzeit vereinigt, oder wurde die NVA teilweise in die Bundeswehr übernommen oder wurde sie gar gänzlich aufgelöst?

So erhielten die gut 60 Zuhörer von kompetenter Seite eine Antwort auf diese Fragen. Reinhardt war damals der Chefplaner der Bundeswehr und in dieser Funktion der verantwortliche General für die Zusammenführung von Bundeswehr und NVA schlechthin. „Ich möchte nicht, dass Sie heimgehen und weinen“, sagte Reinhardt eingangs seines Vortrags quasi als Entschuldigung, dass er kurzfristig sein Thema abgeändert hatte. Ursprünglich wollte er über die europäische Sicherheitspolitik und die Vernetzung der Nato-Staaten in Europa referieren. Was allerdings derzeit die aktuelle europäische Verteidigungspolitik betreffe, das sei zum Weinen, so Reinhardt. „Was da im Augenblick abläuft, das ist zum Weinen“, so der einstige Adjutant von Verteidigungsminister Manfred Wörner. Danach lud er die Zuhörer zu einer spannenden Zeitreise ein, die 22 Jahre zurückliegt und mit dem Fall der Mauer am 9. November 1989 begann. Bei der Zusammenführung der NVA mit der Bundeswehr stellte vor allem die kurze zeitliche Vorgabe die verantwortliche Generalität der Bundeswehr vor eine große Herausforderung, berichtete Reinhardt. So hatte der damalige Verteidigungsminister Stoltenberg ihnen ganze 14 Tage Zeit zur Schaffung von Rahmenbedingungen eingeräumt. Ursprünglich war eine Konföderation bis zum Jahre 1996 geplant. Bis dahin sollten beide Armeen nebeneinander existieren. Ein „Zusammenwachsen“ der NVA und der Bundeswehr, wie es der damalige Minister für Abrüstung und Verteidigung der DDR, Rainer Eppelmann im August empfohlen hatte, kam aber niemals infrage, so Reinhardt. Es hätte in der Frage der Tradition und der Inneren Führung zu Kompromissen zwischen NVA und Bundeswehr kommen müssen. „Das hätte zu einer Verwässerung unseres Systems geführt“, befürchtete Reinhardt. Am 2. Oktober 1990 wurde die NVA offiziell aufgelöst. Vor der Auflösung wurden alle Generäle, Admirale, alle Politoffiziere, alle Soldaten über 55 Jahre und alle weiblichen Soldaten verabschiedet. Die verbleibenden Armee-Angehörigen hatten die Wahl, in die Bundeswehr einzutreten. Davon machten 90.000 Soldaten und 47.000 zivile Mitarbeiter, verteilt auf 1.500 Truppenteilen und 2.000 Liegenschaften Gebrauch. Sie standen ab dem 3. Oktober unter der Befehls- und Kommandogewalt des Bundesministers der Verteidigung. Ab diesem Tag wurden alle Kommandobehörden im Osten übernommen, die entsprechenden Kommandeure der NVA durch Bundeswehr-Offiziere abgelöst. Nachdem die Frage, welche Kräfte und in welcher Stärke die Bundeswehr im Osten aufbauen solle, durch die 2+4-Verträge vorgegeben war, richtete man sich danach, welches alte Bundesland etwa die Größe der neuen Bundesländer habe. Nachdem Nordrhein-Westfalen in etwa die gleiche Größenordnung an Menschen hat wie die neuen Bundesländer, und in NRW rd. 50.000 Soldaten stationiert waren, erhielt auch der Osten 50.000 Mann. Nachdem im Osten eine Unmenge von Munition und Material lagerte, habe man zunächst nur die Gewehr AK 47 übernommen, damit die Soldaten eine Waffe hatten. Ansonsten wurde alles verschrottet bzw. verschenkt, um nicht von einer russischen Versorgungskette anhängig zu sein. Die einzige Konzession, die man damals machte, war die MIG-29, die von der Luftwaffe als das beste Jagdflugzeug anerkannt war. „Wir können nicht erst sagen, wir brauchen einen neuen Jäger, die Russen haben das beste Flugzeug und dann nehmen wir es nicht“, berichtete Reinhardt. Inzwischen sind die MIG-29, die damals nach Laage verlegt wurden, aber auch verkauft bzw. verschenkt worden. Ein Riesenproblem, was man sich heute gar nicht vorstellen kann, war die Frage, welche Uniform die Armee tragen solle. Letztlich entschied man sich dazu, dass jeder, der im Osten Dienst verrichtete, egal welcher Dienstgrad, welche Truppengattung, welche Teilstreitkraft, oliv trug, um jegliche Stigmatisierung im vorneherein zu verhindern.

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