Entnazifizierung schonte NS-Täter im Landkreis Fürstenfeldbruck - Peter Bierl berichtete über seine Forschungsergebnisse in Puchheim

Als vor einigen Jahren anlässlich einer Straßenbenennung in Grafrath der damals amtierende Bürgermeister den prominenten ehemaligen NS-Lokalpolitiker Fritz Behrendt unzutreffend als den „Oskar Schindler von Grafrath“ verteidigte, reichte es dem SZ-Redakteur Peter Bierl, 47, endgültig: Er begann nachzuforschen. Herausgekommen ist dabei eine gründliche historische Recherche über die Mängel der politischen Aufarbeitung der NS-Täter im Landkreis in den damaligen Entnazifizierungsverfahren. Im Puchheimer Bürgertreff berichtete Bierl jetzt anhand einiger Fallbeispiele über die Farce der „Entnazifizierung und Nachkriegskarrieren in Brucker Landkreis“.

Bierl untersuchte in den vergangenen Jahren über 70 lokale NS-Politiker-Karrieren und musste feststellen: Weitgehend blieben die NS-Täter und ihre Verbrechen in den Nachkriegsverfahren im Landkreis fast ungesühnt. Die Mehrzahl der Brucker Obernazis wurde spätestens im zweiten oder dritten Verfahren „weiß gewaschen“, erhielt volkstümlich so genannte „Persilscheine“. Ihnen wurde in den Spruchkammern bei der Entnazifizierung meist der Status als politische verirrte und verführte Mitläufer zuerkannt. Manche konnten sich sogar als NS-Widerständler verkaufen und im Nachkriegsdeutschland weiter an ihrer politischen Karriere basteln. Das allererste offizielle Spruchkammerverfahren im damals besetzten Deutschland fand am 20.Mai 1946 gegen drei SA-Männer im Brucker Amtsgericht statt. Sie hatten im Juli 1933 mehrere Arbeiter aus ihren Wohnungen geholt, in einen Wald verschleppt und dort zusammen geschlagen. Im ersten Urteil der Spruchammer erhielten zwei der SA-Leute vier Jahre Arbeitslager. Der dritte bekam zwei Jahre. Wegen Formfehlern wurde das Verfahren erneut aufgerollt. Jetzt machten die SA-Leute „Erinnerungslücken“ geltend. Belastende Zeugenaussagen wurden heruntergespielt. Nachermittlungen und weitere Recherchen fanden nicht mehr statt. Die Täter kamen billig davon: Sie wurden zu Mitläufern heruntergestuft. Durch die Weihnachtsamnestie 1948 kamen sie schließlich straffrei davon. Dieses Weißwäscher-Verfahren zur Entnazifizierung galt offensichtlich auch im Landkreis. Der Brucker Lehrer Georg Gruber trat früh der NSDAP bei und machte Karriere: Er wurde unter anderem Kreisschulungsleiter und Ortsgruppenleiter. Gruber galt im Urteil der Zeitgenossen als der „führende NS-Propagandist und Sprecher der Nazis im Landkreis“ und wurde zunächst als „minderbelastet“ eingestuft. Schon das eigentlich eine maßlose Untertreibung! Nach seinem Einspruch gegen sein Spruchkammerverfahren galt er nur noch als Mitläufer und erhielt für seine jahrelange öffentliche NS-Hetze gerade mal lockere 100 Mark als Geldstrafe. Zu seinem 90. Geburtstag wurde er als hochgeachteter Landkreispolitiker und Demokrat durch den damaligen Brucker CSU-Bürgermeister Max Steer öffentlich geehrt. Die politische Weißwaschung gelang auch dem Bezirksarzt und damaligen Leiter des Brucker Gesundheitsamtes Hans Steiger. Er trat erst 1940 der NSDAP bei und erklärte im Entnazifizierungsverfahren über sich selbst: „Jahre lang war ich im Widerstand.“ Sogar ein SPD-Parteigenosse attestierte Steiger später: „Er war als Amtsarzt zwar nicht der beste, aber Nazi war er keiner.“ Peter Bierl ergänzte dazu: „Aber er funktionierte wie ein echter Nazi“ und begründete seine Position: Im Laufe seiner NS-Amtsarzt-Karriere habe Steiger mindestens 150 Anträge auf Zwangssterilisation auf den Weg gebracht, von denen 119 nachweisbar auch durchgeführt wurden. Steiger hatte seine widerliche Tätigkeit damit gerechtfertigt: „Ich musste ja die Gesetze umsetzen.“ Dafür wurde auch ihm der Status als „Mitläufer“ zuerkannt. Die Spruchkammer hatte sich auch in diesem Fall nicht die Mühe einer genauen Recherche gemacht. Auch in Puchheim gab es, glaubt man ernsthaft den Spruchkammerverfahren, „keine wirklichen Nazis“. Eine weitere „Besonderheit“: Hier waren bei Ankunft der Amerikaner die „Akten aus der NS-Zeit nicht mehr auffindbar“, waren also zuvor offensichtlich beiseite geschafft worden. So erklärt es sich, dass der spätestens 1933 der NSDAP beigetretene Georg Schießl von 1933 bis 1937 als Bürgermeister amtierte. Er wurde aus nicht mehr nachvollziehbaren Gründen abgesetzt. Die Spruchkammer interessierte sich jedoch nicht für die aus der Bevölkerung vorgebrachten Vorwürfe und stufte auch Altnazi Schießl vom „Schuldigen“ zum „Mitläufer“ herunter. Zunächst sollte er eine Geldstrafe von 300 Mark bezahlen, profitierte aber 1948 von der „Weihnachtsamnestie“. Der zweite NS-Bürgermeister von Puchheim und NS-Ortsgruppenleiter Josef Steindl konnte sich sogar als jemand darstellen der sich „in einer Zwangslage befunden“ habe und „funktionieren musste, weil er selbst sonst dran gewesen wäre“. Auch ihm passierte nichts. Referent Peter Bierl erklärte den Weißwaschgang in den Entnazifizierungsverfahren und die Herabstufung der schuldigen NS-Täter zu „Mitläufern“ oder gar „Nicht Belasteten“ unter anderem mit Sach- und Formfehlern, fehlender Gründlichkeit der Recherchen, fast nie eingeholten Zeugenaussagen von Opfern sowie gegenseitigen Entlastungen der ehemaligen Nazis und aberwitzigen „Entschuldigungsgründen“, insgesamt also mit dem fehlenden Willen und Mut zur wirklichen Aufklärung der Nazi-Verbrechen: „Die Verfahren zur Entnazifizierung waren insgesamt eine Farce“, beurteilte Bierl wohl zutreffend den damaligen „Zeitgeist“.

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