Brand in Mehrfamilienhaus

Nach dem Brand vor dem Nichts

+
Das Haus wird gerade entrümpelt, die Wohnungen komplett saniert - denn nach dem Brand in der Hubertusstraße kann hier zunächst keiner mehr leben. 

Fürstenfeldbruck – Ein Bagger fährt in die Einfahrt des Mehrfamilienhauses an der Hubertusstraße und parkt mit seiner breiten Schaufel direkt vor einem verrußten Fenster des Erdgeschosses. Ein Mann wirft Müll von der Wohnung in die Schaufel. Müll der vor dem Brand am 16. Januar noch Einrichtung war.

Erna Dürr, die 87-jährige Bewohnerin dieser Wohnung, wollte an jenem Tag gegen 20 Uhr ihren alten Röhrenfernseher anschalten, um die Nachrichten zu schauen. Anstatt die Nachrichten zu sehen, hörte sie einen Knall. Der Fernseher explodierte. Durch die Explosion gerieten die Gardinen in Brand, das Feuer breitete sich aus, es entstand wahnsinnig viel Rauch. Dieser stieg in die anderen Geschosse und nahm mit, was er bekommen konnte. Doch die geistig fitte Frau reagierte schnell. „Ich schaltete den Strom aus, rief die Feuerwehr und das BRK“, erzählt sie. Mit verkohltem Gesicht und nur mit Nachthemd bekleidet warnte sie noch ihre Nachbarn. „Das wichtigste war mir, das keiner umkommt.“ Wäre jemand gestorben, hätte sie sich das nie verziehen, obwohl sie nichts für die Explosion konnte. 

Wolfgang Müller, Amt für Renten und Soziales: „Die Bewohner haben alles verloren"

Nachbarin Karin Ziegler mit Hund Lilly.

Die Polizei berichteten am Tag danach von drei Bewohnern mit schweren Rauchvergiftungen und fünf weiteren leicht Verletzten. Fünf Feuerwehren waren vor Ort, um die 17 Personen im Haus zu betreuen, das Feuer zu löschen und den Rauch unter Kontrolle zu bekommen. Wolfgang Müller vom Amt für Renten und Soziales sagt:„Die Bewohner haben alles verloren, vor allem die Seniorin traf es hart. Ihre Wohnung muss von Grund auf saniert werden. Da steht nichts mehr.“ Durch die starke Rauchentwicklung müssten auch der Mann im ersten Stock und das Geschwister-Paar aus Jugoslawien im zweiten Stock ihre Einrichtung komplett erneuern. „Der Rauch hat sich überall festgefressen, den Geruch kriegt man nicht mehr los“, weiß er. 

20 Jahre lebte "Erni" in der Wohnung

Das weiß auch Karin Ziegler. Die 57-jährige Mutter ist Anwohnerin des Gewerbemischgebietes. „Ich ging gerade mit Hund Lilly spazieren, als ich einen lauten Knall hörte“, beschreibt sie ihre Erlebnisse des Abends. Nach dem Knall sah sie weiße Wolken. „Es kam mir vor wie ein Traum“. Sie habe sich jedoch nicht getraut in die Richtung der Wolken zu laufen, also lief sie zurück nach Hause. Dort schilderte die Mutter ihren Kindern das Erlebte. Sie riefen zur Sicherheit die Feuerwehr an. Die Familie vermutete erst ein Feuer bei der benachbarten Firma, weil es dort erst zwei Wochen zuvor brannte. Auch der Satz „na hoffentlich brennt es bei der Erni nicht“ fiel. Erni – so wurde die alte Dame von allen genannt. „Die Erni ist eine herzensliebe, lustige, kleine und zierliche Dame“, beschreibt Ziegler ihre Nachbarin schräg gegenüber. Familie Ziegler wohnt seit etwa 14 Jahren dort und kennt Erni vom Spazierengehen. „Für ihr Alter ist sie noch viel unterwegs“, sagt Karin Ziegler. Nachdem sie von ihrer Freundin erfahren hat, dass es nicht in der Firma brennt, kam schnell Gewissheit. „Meine Kinder und ich haben gleich gesagt, dass man der Erni helfen muss.“ Das sei ihr vor allem dann nochmal bewusst geworden, als sie am nächsten Tag mit Hündin Lilly am verkohlten Haus vorbei spazierte. „Da war mir klar, Erni hat alles verloren.“ Und das hat sie: Von den Herztabletten über alle wichtigen Dokumente bis hin zum massiven Eichenschrank ist nichts mehr da außer Asche. Immerhin lebte Erna Dürr 20 Jahre in der Wohnung. „Mein neuer Ausweis und Krankenkarte habe ich schon beantragt“, erzählt sie. Sie sei jetzt noch mehr unterwegs als sonst, denn sie muss von einem Amt zum nächsten. Karin Ziegler hat überlegt, wie man der Dame schnell helfen kann. Sie hat sich beim Kreisbote gemeldet und nachgefragt. Nach Telefonaten mit Wolfgang Müller und der Wochenzeitung ist nun klar: Es gibt ein Spendenkonto.

Erna Dürr ist auf der Suche nach einer neuen Wohnung

 „Die Dame sowie das Geschwister-Paar haben beide jeweils ein Sparbuch bei der Sparkasse eingerichtet, auf das nun unkompliziert und sicher Spenden überwiesen werden können“, erklärt Müller. Mit den Spenden könnten sie sich Kleidung und Einrichtung kaufen. Erna Dürr geht es gesundheitlich gut, bis auf die Rückenschmerzen, die sie hin und wieder begleiten. Die Brandwunden im Gesicht sind verschwunden, die Rauchvergiftung überstanden, die Haare wieder rot aber kurz. „Ich bin eine starke Frau“, sagt sie. Das kann ihre Tochter Renate Knop nur bestätigen.

Erna Dürr (rechts) mit ihrer Tochter Renate Knop.

Bei ihr in ihrem Apartment in Fürstenfeldbruck lebt die Rentnerin gerade. Eine Notlösung, die nicht auf Dauer funktionieren wird. Ist das Schrankbett heruntergeklappt, wird es eng. Deshalb ist der rüstigen Senioren das Wichtigste eine neue, bezahlbare Wohnung zu finden. Mutter mit Tochter sind schon eifrig dabei ihre Kontakte und das Internet zu nutzen. Landrat Thomas Karmasin hat Erna Dürr schon versprochen, sich umzuhören. Die beiden kennen sich vom Reservisten- und Veteranenverein. Von ihren Freunden aus dem BRK erhielt sie Kleiderspenden, die ihr vorerst helfen im Winter nicht zu frieren. Nun hofft Mutter wie Tochter auf Spenden für den Rest.

Spendenkonten bei der Sparkasse

Die Spendenkonten lauten: Erna Dürr: DE52 7005 3070 0032 0137 57 Edit Köteles (Betroffene Bewohnerin im zweiten Stock): DE08 7005 3070 3040 5648 03 

Miriam Kohr

Auch interessant

Meistgelesen

10.000 Besucher bei Oldtimertagen mit 900 Fahrzeugen
10.000 Besucher bei Oldtimertagen mit 900 Fahrzeugen
Wie Religion den Alltag prägt
Wie Religion den Alltag prägt
Die vielen Gesichter von Demenz
Die vielen Gesichter von Demenz
Mann mit Kind auf offener Straße überfallen
Mann mit Kind auf offener Straße überfallen

Kommentare