Vor der EM – Evangelische Kirche warnt vor alarmierender Situation in osteuropäischen Ländern – Existenzangst, Armut, Flucht in die Prostitution

Leben und ev. Kirche in Mittel-Ost-Europa (v.li.) Sonja Lischka (ev. Bildungswerk), Dekan Stefan Reimers (Moderation), Referent Heinz Dunkenberger-Kellermann. Foto: Günter Schäftlein

Nicht nur die diesjährige Fußball-EM in Polen und der Ukraine rückt beide Länder in der Wahrnehmung näher: Die evang. Aktion „Fastenopfer 2012“ bringt Menschen von dort ganz nah an Fürstenfeldbruck heran. Mit einem „Bayernweiten Eröffnungswochenende und intern. Gästen" in der Gnaden- und Erlöserkirche sowie dem Graf-Rasso-Gymnasium am 24.-26. Februar. Vorab erläuterte Heinz Dunkenberger-Kellermann, vom Ökumene-Referat im evang.-luth. Landeskirchenamt München, im jüngsten Zeitgespräch der Erlöserkirche die aktuellen Zahlen, Lebens- und Glaubensbedingungen von und für Menschen in den post-kommunistischen früheren Ostblockländern: „Unter besonderer Berücksichtigung der dortigen evang. Kirchen.“

Seine persönlichen Besuchseindrücke resümieren „Einige wenige haben sich im großen Stil bereichert und viele sind heute arm. Diese Situation verstärkt sich, je östlicher man kommt.“ Beispiel: In den aufgelösten Kolchosen/Kombinaten wurde jedem Mitarbeiter ein Anteilsschein ausgehändigt. Die ehemaligen Chefs sammelten die mit der Zusage ein, wieder Arbeit zu vergeben - und waren so in kürzester Zeit Besitzer einer Riesenanlage. Viele Menschen in der Ukraine brauchen zwei oder drei Arbeitsstellen, „denn mit einem einzigen Gehalt lässt sich kaum überleben.“ Auch nicht von Renten: „Alte Frauen sitzen an Straßenecken und verdienen sich irgendetwas dazu.“ In der Ukraine - so der Referent - sollte man tunlichst vermeiden, krank oder operiert zu werden. „Zwar hat jeder den Anspruch, kostenlos behandelt oder sogar operiert zu werden. Nur: Die Warteliste ist ewig lang und wer drankommen will, muß schmieren.“ Medikamente oder zeitnahe OP’s gebe es nur gegen sofortige Bezahlung. Und: Wenn man ins Krankenhaus muß, sollte man Verwandte am gleichen Ort haben, die einem das Essen mitbringen. Im Krankenhaus gebe es in der Regel keine Versorgung. Für perspektivlose junge Frauen sei die Prostitution in Westeuropa, der Türkei oder in Arabien ein alternatives Angebot. „Die Armut in Ungarn, Bosnien-Herzegowina oder Tschechien ist verdeckter, insbesondere bei den Frauen. Denn selbst, wenn sie arm sind, kleiden sie sich gut, um ihre Würde nicht zu verlieren.“ In den zentralen Wohnlagen der Hauptstädte ginge die Angst um, die Miete nicht mehr bezahlen zu können: „Die Preise steigen ständig und keiner weiß, ob er morgen noch seinen Job hat.“ Am schlechten Beispiel in Ungarn würde man gerade europäisch miterleben, wie schwierig Offenheit und eine Demokratisierung in einem post-kommunistischen System zu integrieren sind. Mit einem EU-Beitritt verbinde man zu schnell den wirtschaftlichen Aufschwung: „Wenn der persönliche, wirtschaftliche Aufschwung ausbleibt, zählt man zu den Verlierern, lebt hinter einer neuen Mauer!“ Die Kirchen im kommunistiaschen Ostblock wurden über 40 Jahre lang behindert, unterdrückt und eigentlich nur in der Beschränkung auf den Gottesdienst erlaubt. Heute leben in Ungarn wieder 400.000 Angehörige der evang. Kirche, der stärkste Mittel-Ost-Pfeiler. Die 134 lutherischen Gemeinden und 132 Filialkirchen im römisch-kath. geprägten Polen umfassen rund 70.000 Mitglieder in den ehemals schlesisch-preußisch ausgerichteten Diözesen Teschen, Breslau, Kattowitz, Pommern, Masuren und werden von 165 Geistlichen betreut. Tschechien ist heute zu 70% ein atheistischer Staat „und die Kirchen haben es richtig schwer, sich wieder im gesellschaftlichen Leben zu etablieren.“ Die Deutsche Evang.-Luth. Kirche in der Ukraine (DELKU) ist mit ihren nur 40 Gemeinden im größten rein europäischen Staat in einer ähnlich misslichen Lage als Minderheitskirche und ständig auf der Suche nach geeigneten Gottesdiensträumen. Obwohl sie in zurückliegenden Zeiten dort bedeutende Gotteshäuser - in Charkow, in Kiew/St. Katharinenkirche, in Odessa/St. Paulskirche - aber auch Schulen, Altersheime, Waisen- und Pastorenhäuser errichteten. Die heute in der Ukraine jeweils hälftig tätigen bayerischen/ukrainischen Pastoren wurden alle im mittelfränkischen Neuendettelsau auf die Missions- und Diasporaarbeit vorbereitet. Uland Spahlinger, Bischof in Odessa, stammt aus Bayern. Aufgrund der Städtepartnerschaften Nürnberg-Charkow, München-Kiew und Regensburg-Odessa brachten sich auch evang. Gemeinden in diese Verbindungen ein. Die mit dem Vortragsthema verbundene „Aktion Fastenopfer 2012“ und das „Bayernweite Eröffnungswochenende mit intern. Gästen in Fürstenfeldbruck“ am 24., 25. und 26. Februar beinhaltet im Spendenergebnis die Unterstützung von Begegnungsstätten der Jugend: Im polnisch-masurischen Sorkwity (derzeit leider geschlossen wegen maroder Sanitäranlagen) und ukrainischen Krim-Ort Kertsch (notwendige Überdachung der Sommerlager-Freiluftküche). Die Evang.-Luth Kirche in Bayern mit Landesbischof Dr. Heinrich Bedford-Strohm bitten um eine großherzige Unterstützung der Bemühungen, den Menschen und damit Gottes Schöpfung wieder in den Mittelpunkt zu stellen. Den Festgottesdienst am So., 26..02., werden auch die Bischöfe Jerzy Samiec aus Polen und Uland Spahlinger aus der Ukraine mitgestalten. Das Programm zu den drei Veranstaltungstagen in FFB liegt beim Evang.-Luth Dekanat FFB, Albrecht-Dürer-Straße 26, auf. Mail: erloeserkirche@dekanat-ffb.de oder www.bayern-evangelische.de

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