Ex-Neonazi Felix Benneckenstein stellt sich kritischen Schülerfragen

Der braunen Ideologie den Rücken kehren

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Journalist Tobias Haberl im Gespräch mit Nazi-Aussteiger Felix Benneckenstein. Am Mikrofon ist Margot Simoneit vom Fürstenfeldbrucker Bündnis „Fürstenfeldbruck ist bunt – nicht braun“.

Felix Benneckenstein, jung, intelligent und ein Ex-Nazi. Als Aussteiger aus der Neonazi-Szene stellte sich der 32-jährige am Dienstag, 17. Juli, jungen Heranwachsenden, um ihnen von seinem Leben zu berichten – seinen Erfahrungen als erfolgreicher Liedermacher, Leugner des Holocaust und Verbreiter brauner Ideologie. Vor etwa zehn Jahren setzte ein Umdenken bei ihm ein, nachdem er über neun Jahre fester Bestandteil der Nazi-Szene war.

Germering - Melancholische Musik ertönt, Bilder werden auf der Leinwand gezeigt und Geschichtslehrerin Birgit Bayer beginnt den Einstieg in die Veranstaltung mit den Worten „Auschwitz – Nie wieder“. Das wird keine leichte Kost für die 15 und 16-jährigen Schüler der zehnten Klasse. „Mir ist es wichtig, für das Thema zu sensibilisieren“, erklärt sie und zieht aktuelle Vergleiche zu Trumps „America First-Politik, zu Machthabern wie Putin und Erdogan und dem NSU-Prozess, bei dem am 11. Juli in München das Urteil gegen Beate Zschäpe gefallen ist. Benneckenstein stammt aus einer gutbürgerlichen und liberalen Familie. Der Opa ein ehemaliger amerikanischer GI Soldat, die Mutter hat Epilepsie und der Bruder leidet am Down-Syndrom. Er besuchte das Gymnasium und war „ein ganz normales Kind“ bis er durch „Nazimucke“ und seine Clique in Erding immer weiter nach rechts abdriftete. 

Auf die "schiefe Bahn" geraten

Anfangs habe er die Texte und die braune Ideologie noch hinterfragt, sich Broschüren besorgt und Nazis befragt, da er wissen wollte, was genau dahintersteckte. Heute, so sagt er, sieht er genau darin seinen Fehler. Wäre die Aufklärung über die Nazizeit in der Schule erfolgreich bei ihm gewesen, hätte er nie zu solchen Mitteln gegriffen. „Besonders Infostände von Nazis sind verheerend für Jugendliche“, sagt Benneckenstein. Dort würde man in eine andere Welt gezogen, mit einer ganz anderen Wahrheit konfrontiert – ein Wir-Gefühl würde vermittelt. „Viele Fakten prasselten auf mich ein und ich lernte auch augenscheinlich intelligente Leute kennen und traf einige Täter-Zeugen der damaligen Zeit“, erzählt Benneckensein weiter. Er vertraute nicht mehr auf das, was ihm in der Schule erzählt wurde und das war für ihn der Ausgangspunkt die Schule abzubrechen. Irgendwann war er dann mittendrin und ein fester Teil der Erdinger Naziszene. Er selber sah sich nie als Nazi, er war „ein Freiheitskämpfer für eine unterdrückte Wahrheit“. Als Jugendlicher rebellierte er zunächst gegen all die Autoritäten, die sich ihm in den Weg stellten – Eltern, Lehrer. Irgendwann war der Staat an der Reihe. Im Alter von 14 Jahren war der Hass auf den Staat so groß, dass er ein Ventil suchte. „Ich habe die Dinge nur noch schwarz oder weiß gesehen“, erzählt Benneckenstein im Gespräch mit Journalist Tobias Haberl, der gemeinsam mit Margot Simoneit vom 2014 gegründeten Bündnis „Fürstenfeldbruck ist bunt – nicht braun“ in das Germeringer Carl-Spitzweg-Gymnasium eingeladen wurde, um sich dort den Fragen der Schüler zu stellen. 

Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage

Seit Beginn des Schuljahres 2015/16 gehört die Schule zum Schulnetzwerk „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“. Ein Projekt von und für Schüler, das sich für Zivilcourage einsetzt und an mittlerweile fast 3.000 Schulen bundesweit verbreitet ist. Die dafür zuständige Lehrkraft am Carl-Spitzweg-Gymnasium, Anne Halfmann, war es auch, die Felix Benneckenstein für ein Interview an der Schule gewinnen konnte. Nach dem Ausstieg, so sagt Benneckenstein, sei ihm klar geworden, wie wichtig die Aufklärung über Nationalsozialismus und Neonazis besonders bei jungen Leuten ist, dies habe ihm in seiner Jugend komplett gefehlt. Befinde man sich erst in einem neuen Umfeld, baue sich eine gefühlte Wahrheit auf, man vertraue der neuen Familie, den Menschen um sich und dem was sie verkörpern. Inwiefern sein Alltag als Nazi aussah möchte der Journalist Tobias Haberl von ihm wissen. „Ich missionierte die Leute und gehörte zum elitären Partyvolk der Szene. Ich habe Musik gemacht, um Anerkennung zu erhalten und um mit meinen Texten andere Menschen von ihrem alten Umfeld zu isolieren und sie in meiner Wahrnehmung aufzuklären“, antwortet Benneckenstein. 

Der typische Nazi: Springerstiefel und Glatze

Dicke Springerstiefel und eine rasierte Glatze, diese äußerlichen Merkmale machen es einem leicht, einen Nazi auf einen Blick zu erkennen, doch so einfach sei es heutzutage nicht mehr, so Benneckenstein. Viele Neonazis sehen wie du und ich aus. Er wurde beispielsweise von jemandem überzeugt, der eher wie ein Revoluzzer aussah – mit einem T-Shirt des Guerillaführers Che Guevara und einem Palästinenserschal. Benneckenstein berichtet zudem von einer 102-jährigen Zeitzeugin, die stolz eine Hitlerbüste auf ihrem Wohnzimmertisch stehen hatte. Bei der Schülerfrage, welche Taten er als Nazi begangen habe, wird es einen Moment still, Benneckenstein wählt seine Worte genau. Er habe Menschen bedroht und eingeschüchtert. Am meisten schäme er sich heute aber dafür „sich jeden Morgen aufs Neue dafür entschieden zu haben ein Nazi zu bleiben.“ Über drei Jahre habe sein Ausstieg aus der Szene letztendlich gedauert, „viele kleine Nadelstiche führten dazu, nicht ein spezielles Ereignis“, versucht er sich zu erklären. Das ginge nicht einfach von heute auf morgen. Außerdem sei er glücklich gewesen, da er seine heutige Frau Heidi kennenlernte, ebenfalls Teil der Naziwelt und mit ihr gemeinsam den Entschluss fasste, der braunen Ideologie den Rücken zu kehren. „Dein ganzes Leben, deine Freunde, alles dreht sich um den Rechtsextremismus. Wenn man aussteigt, ist man ganz alleine.“ 

Ein neues Leben

Diese Zeiten sind jetzt vorbei, heute ist er verheiratet, Vater eines 16 Monate alten Sohnes und hilft anderen Aussteigern bei ihrem Schritt in ein neues Leben. Er dient als Ansprechpartner und auch als Aushängeschild des Programms „Exit“, was nicht immer so einfach ist. „Nach dem Ausstieg muss man bei Null anfangen. Man hat keinerlei Schutz nach außen“, erklärt er. Er selber habe sich langsam wieder seiner Familie angenähert, wieder einen engeren Kontakt zu seinen Eltern und seinem Bruder aufgebaut. Alleine, so vermutet er, wäre er wahrscheinlich abgestürzt – mit einer Nazi-Vergangenheit und ohne Schulabschluss. Außerdem birgt ein Ausstieg auch immer große Gefahren, gerade wenn man mit der Thematik in die Öffentlichkeit tritt, so wie er und seine Frau es tun. Rachegelüste und Unverständnis der „alten Freunde“ verfolgen ihn teilweise bis heute. Eine tote Ratte habe er einmal in seinem Briefkasten vorgefunden. Auch wenn er es manchmal leid sei, immer wieder die gleichen Geschichten an Schulen zu erzählen, so sei ihm seine heutige Vorbildfunktion dennoch bewusst. Es scheint, als habe er sein Schicksal akzeptiert, auch wenn der Weg, den er gegangen ist, kein einfacher war.

Claudia Becker

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