Facebook - Segen oder Fluch? - Privatdozent Dr. Zeilinger von der Uni Erlangen-Nürnberg analysierte im Brucker Zeitgespräch

Gelegentlich gab es bei einem durchaus ernsten Thema wie „Facebook“ auch für den Referenten Dr. Thomas Zeilinger etwas zum Schmunzeln … Foto: Günter Schäftlein

Im gut und auch von Jüngeren besuchten Gemeindesaal der evang. Erlöserkirche stand ein neues Phänomen zur Debatte: Das im Internet seit 2004 erfolgreiche ‚soziale Netzwerk’ Facebook („Gesichtsbuch“ oder auch „Zeige Dein Gesicht“) ist das größte weltweit. „Es eröffnen sich bisher ungeahnte Räume der Kommunikation.“

Der detaillierte, mit Text- und Grafikfolien unterlegte Vortrag von Dr. Thomas Zeilinger urteilt ausgewogen über eine fast unvorstellbare technische Größenordnung im kommunikativen Umgang miteinander: „Wie kein anderes dieser Netzwerke zeigt es die Dynamik, die dem Medium Internet innewohnt … Sie eröffnen neue Freiheiten, schaffen aber auch neue Abhängigkeiten.“ Wer in diesem Ozean von 700 Millionen Netzwerknutzern mitschwimmt, ist sicher „in“. Wer nicht mitschwimmen mag, wird möglicherweise von Jüngeren belächelt. Wer - soziologisch betrachtet - zwischen 14 und 29 Jahren dazukommt, fühlt sich im Netz zuhause, ist mit dem PC groß geworden. Wer ab 30 Jahre einsteigt, muß sich erst einarbeiten, ist eher informativ interessiert, weniger kommunikativ. Und auch die Ermittlungen im Netzwerk Facebook fallen altersmäßig unterschiedlich aus: Nach einer AGOF-Studie von 2010 beträgt der Anteil zu „Flirten/Kontakte“ bei den Jüngeren 52%, bei 50 Jahre und älter nur noch 14%. Facebook wird heute weltweit als „Kontaktadresse“ von Unternehmen ebenso wahrgenommen wie von Organisationen: Ob Autobauer, Kirche, Telefonseelsorge, Presseorgan (obwohl ein Widerspruch insich) oder Kulturinstitution. Der Kommerz nutzt das eindeutig auf jüngere Menschen ausgerichtete Netzwerk zur Kundenbindung also Marketinggründen, aber auch zur Mitarbeitergewinnung. Facebook nutzen bedeutet aus der Anonymität herauszutreten, sein Gesicht, sein Wesen, seine Interessen und Stärken, seinen Umgang zu zeigen, zu offenbaren. „Das Problem dabei ist, dass man nur noch vorgegebenen Mustern folgt. Die Individuen, die Menschen verschwinden hinter dem Internet.“ Und: Durch das ständige Suchen und Weiterspringen im Netzwerk würde Oberfläche statt Tiefe erreicht. Der US-Amerikaner Nicolaus Carr hätte bereits in seinem Buch „Veränderungen des Denkens“ auf diese Entwicklungen hingewiesen. Eigene Uni-Beobachtungen von Thomas Zeilinger besagen, dass die Aufmerksamkeit bei Studenten geringer geworden ist. Wie sieht so ein eigenes Facebook-Portal aus? Es berücksichtigt zunächst Hauptmeldungen/Neuigkeiten, bevorstehende Veranstaltungen. Dann auf der Profilseite das Selbstporträt mit entsprechenden Aktivitäten („Gartenparty mit Freunden“). Das Verbrauchertest-Organ Stiftung Warentest (4/2010) bescheinigt dem sozialen Netzwerk Facebook „erhebliche Mängel und Schwachstellen in allen Bereichen“. Die Allgemeinen Geschäftsbedingungen seien unzureichend. Das beträfe u.a. die Lizenz für die überantworteten Inhalte: „Für Inhalte wie Fotos, Videos erteilst du uns Anwendungsrechte …“ Wodurch sich das Netzwerk konsequenterweise als Inhaber der Inhalte sehen kann. Eltern sollten ihre Kinder über mögliche Gefahren hierbei aufklären und bei der eigenen Profilerstellung zur Seite stehen. Dr. Zeilinger rät dazu, im Umgang mit Facebook „sich selbst einzuschränken … als Erziehungsaufgabe.“ Das sei insbesondere wichtig bei Fotomarkierungen oder Partyeinladungen. Ein Leitfaden zum Schutz der Privatsphäre wäre unter www.klicksafe.de erreichbar. Wie wichtig Grundinformationen zur neuen Internetwelt sind, beweist die Zunahme der Online-Internetnutzung zwischen 2001 und 2010: Sie stieg weltweit von 37 auf 75,8 Prozent. Und Facebook als kommunikative, soziale Plattform ist inzwischen daran beteiligt mit einem zum Börsengang geschätzten Wert von 50 Mrd. Dollar. Insgesamt bleibt die Zuhörer-Feststellung, dass man nicht weltweit kommunizieren muß, um auf Probleme zu stoßen.

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