Strenger Takt bei der Germeringer Tafel

80 Ehrenamtliche der Tafel versorgen rund 1.000 Personen

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Jeden Dienstagmorgen warten viele Menschen vor dem Zenja-Haus in der Planegger Straße auf den Beginn der Essensausgabe.

Innerhalb der letzten Wochen ist das Modell der Tafel immer mehr in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Nach den überwiegend negativen Schlagzeilen, möchte die Germeringer Tafel von vielen positiven Eindrücken berichten und als Vorbild dienen.

Germering - Jeden Dienstagmorgen kurz vor sieben erwacht das stille Südost-Eck am „Zenja Haus” zu hektischem Leben. Für vier, fünf Stunden wird der überdachte Umlauf des Germeringer Sozial-Zentrums an der Planegger Straße zu einem Meer von Menschen. Es sind vor allem Frauen aus aller Welt, manche mit Babys auf dem Rücken oder Kleinkindern an der Hand. Sie drängen sich zwischen Gemüsekisten und warten lautstark, aber geduldig auf den Einlass in ihr „Schlaraffenland“, genannt: die Tafel.

Die Tafel Germering versorgt jede Woche rund 1.000 Menschen

Leo Club sammelt für die Germeringer Tafel

Der Leo Club Germering Veranstaltet am Samstag, 24. März, 9 bis 15 Uhr vor dem AEZ in den Germeringer-Einkaufs-Passagen seine "Ein Teil mehr im Einkaufswagen tut nicht weh" Aktion zu Gunsten der Germeringer Tafel. 

Als Teil der bundesweiten sozial-ökologischen Bewegung, die vor 25 Jahren in Hamburg gestartet wurde und mittlerweile im ganzen Land 800 selbständige Ableger gebildet hat, versorgt Germerings Tafel rund tausend Personen. Sie ist die größte Ausgabestelle im Landkreis und arbeitet mit 80 freiwilligen Helfern unter dem organisatorischen Dach des städtischen Sozialdienstes.

Mitten im Gewühl wacht gut gelaunt Tafel-Chef Jürgen Quest am Laptop über die Zu- und Abgänge seiner „Kunden”. Der Toningenieur im Ruhestand hat das Ausgabesystem aufwändig neu und so präzise organisiert, dass Konflikte zwischen deutschen und ausländischen Hilfsempfängern, wie etwa in Essen, ausgeschlossen werden sollen. Zwar weist Quests Statistik auch für die Germeringer Tafel einen wachsenden Anteil von Ausländern aus, derzeit sind es rund 70 Prozent, doch der strenge Takt der Ausgabezeiten verhindert unbeherrschbaren Massenandrang und damit verbundenen Ärger.

Strenge Taktung der Essensausgabe

Alle Einkaufsberechtigten sind nach ihren Anfangsbuchstaben in zwei Gruppen unterteilt: A mit K und L bis Z. Jede Gruppe darf in zweiwöchigem Turnus, also zweimal im Monat, bei der Tafel erscheinen. Um zu verhindern, dass alle Interessenten an „ihrem” Dienstagmorgen gleichzeitig auf der Matte stehen, wurde auch der Vormittag unterteilt. Jedem Ausweis ist ein bestimmtes Zeitfenster von zwanzig Minuten für den Einkauf zugeordnet. Wer wann an der Reihe ist, entnehmen die Tafelgäste einem Dauer-Aushang am Zenja-Haus. Dieses System ist gleitend und so gerecht, dass jeder im Laufe der Zeit mal unter den ersten, aber auch mal unter den letzten bei der Verteilung ist.

„Das klappt bei uns ziemlich reibungslos”, freut sich Jürgen Quest. „Ich habe auf dem Bildschirm jederzeit Kontrolle über die Ausweise der Anwesenden und so bringen wir jeden Dienstagvormittag zügig rund eineinhalb Tonnen Lebensmittel unter die Leute.“

Trotzdem geht es nicht ganz ohne Warteschlangen vor den Tafel-Türen. Im größeren der beiden Ladenlokale stehen, ganz nach alter „Tante-Emma-Art”, jeweils vier Kunden an einem langen Tresen und lassen sich von ebenfalls vier Helferinnen bedienen. Auf dieser ersten Station gibt es fast alles, was ein Haushalt benötigt: Joghurt, Milch, eingeschweißten Käse und Wurst, Obst, Gemüse, Salate, Getränke sowie in fünf mannshohen Kühlschränken auch verderbliche Ware und Fleisch.

Gespräch mit Händen und Füßen

Die langjährigen Tafel-Helferinnen erfüllen die Einkaufswünsche routiniert und fast immer freundlich, auch wenn die Kommunikation auf der multi-ethnischen Szene manchmal schwierig ist. „Das meiste läuft bei uns in sehr einfachem Englisch”, sagt Quest, „oder einfach nonverbal durch Mimik und Fingerzeig auf das gewünschte Produkt”.

Im Prinzip sind fast alle Wünsche erfüllbar, wenn auch nicht immer in der erhofften Menge. Manchmal sind Tomaten knapp, manchmal müssen Weintrauben rationiert werden. Dafür ist dann vielleicht eine Riesenladung Joghurt eingetroffen.

Zwischen dem Tafel-Personal und manchen Stammkunden haben sich in langen Jahren Beziehungen entwickelt. Da kommt ein weißbärtiger, alter Russe und strebt gleich seiner Lieblings-Verkäuferin zu. Sie weiß schon was er braucht und füllt ihm seinen abgewetzten Einkaufs-Trolley. Ganz zum Schluss will er noch Fleisch. Sie stutzt, holt ihm dann ein Schweineschnitzel aus dem Eis. Als der Bärtige dankbar und zufrieden abzieht, macht sie sich aber doch Gedanken: „Wohin will er denn mit dem Fleisch? Ich glaub´ nicht, dass der einen Kühlschrank hat.”

Den Ehrenamtlichen fällt auf, dass die Tafel-Kundschaft ihre Großeinkäufe mehrheitlich ziemlich spontan abwickelt. Eher die Ausnahme bildet da eine alleinerziehende deutsche Mutter mit langer Einkaufsliste, die sie nun systematisch abarbeitet. „Mit drei Kindern ist es ein Glück, dass ich hier zweimal im Monat umsonst groß einkaufen kann”, sagt sie. „Man kriegt hier ja wirklich fast alles. Auch süße Sachen, Schokolade und sogar Kosmetik oder Putz- und Waschmittel.“ Auffällig unter den Tafel-Kundinnen ist eine stämmige Afrikanerin mit türkisfarbenen Zöpfen. Sie hat einen leeren Kinderwagen mitgebracht, darin diverse große Plastiktaschen, die sie nun von ihrer Bedienerin wortlos durch rasche Deut-Anweisungen füllen lässt. Doch nicht immer gefällt ihr alles: Das Mehl in der Brotabteilung ist nicht weiß genug, die Marmelade leider nicht die gewünschte Sorte und dass sie diesmal keinen Kaffee bekommt, führt bei der Kundin zu sichtbarer Verstimmung.

Feinkost-Schnäppchen für einige Glückliche

Wer Glück hat, kann bei der Tafel ab und zu wahre Feinkost-Schnäppchen machen. Horst Schubert, der zweite Vereins-Vorsitzende wagt den Scherz vom „Sozial-Schlaraffenland” und versichert: „Ich hab bei uns schon Käsesorten gesehen, die ich mir nie leisten würde. Auch luxuriöse Konserven kommen als Einzelstücke rein, oder Müsli von exklusiven Manufakturen. Denen fehlt nichts. Da ist höchstens mal ein Etikett beschädigt.”

„Wir nehmen erst einmal alles was wir kriegen können und schauen dann, was von den Sachen noch verkehrsfähig ist”, sagt Jürgen Quest. Er hat sich ein erstaunlich großes Netzwerk von Spendern aufgebaut, die er immer wieder abtelefoniert.

Entsorgungskosten trägt die Tafel

Das Aussortieren und Einräumen der Ware findet jeweils montags den ganzen Tag über statt. Dabei treten dann auch die Tafel-Männer in Erscheinung, die sonst die ganze Woche über im Hintergrund wirken. Sie fahren in Zweier-Teams jene Supermärkte ab, die überzählige Ware für die Germeringer Tafel bereitstellen. So bringt das soziale Verteilungssystem zweifachen Gewinn: In erster Linie den Bedürftigen, die umsonst einkaufen können. Aber auch den Lebensmittel-Spendern, die sich die Entsorgungskosten sparen. Letztere bleiben dann zu einem gewissen Teil sogar bei der Tafel hängen.

Alles Gemüse und Grünzeug, das am Dienstagmittag noch keine Abnehmer gefunden hat, wird automatisch zu Bio-Müll. Gerade bei Salaten sind es manchmal mehrere Kisten, die kostenpflichtig kompostiert werden müssen.

Redaktion

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