Fürstenfeldbruck in der NS-Zeit - 11 Jahre Widerstand gegen die Aufarbeitung

Insgesamt elf Jahre hat es gebraucht, bis die Widerstände gegen die geplante Dokumentation der NS-Zeit in Fürstenfeldbruck soweit ausgeräumt waren, dass das 472 Seiten starke Werk Realität werden konnte: Jetzt liegt "Fürstenfeldbruck in der NS-Zeit" vor. Die Koordination hatten der Historiker Prof. Dr. Ferdinand Kramer vom Institut für Bayerische Geschichte an der LMU München und seine Kollegin Dr. Ellen Latzin, Historikerin, übernommen. Kulturreferentin Dr. Birgitta Klemenz hatte in ihrem Rückblick zur zähen Entwicklung des zeitgeschichtlichen Werkes die Hindernisse präzisiert: Über zehn Jahre (!) gingen seit der ersten Antragstellung im Stadtrat durch SPD-Stadträtin Dorothea Hickethier für eine Aufarbeitung ins Land.

Dorothea Hickethier hatte ihren Antrag am 18. September 1998 an Bürgermeister, Stadtrat und Kulturausschuß mit dem Hinweis begründet, dass 53 Jahre nach Kriegsende sich die Zahl von Zeitzeugen zunehmend verringere und entsprechendes Begleitmaterial zum Thema unbearbeitet in Archiven herumliege. Eine Magister- oder Doktorarbeit könne die NS-Zeit in Bruck erforschen und dokumentieren, hierfür sollten Haushaltsmittel als Stipendium bereitgestellt werden. Damit begann, so Kulturreferentin Dr. Klemenz, „die langwierige und manchmal sehr frustrierende Entwicklung einer unzweifelhaften Notwendigkeit, die geprägt war von allem, was einem im menschlichen Miteinander an Emotionen, Ängsten, Vorwürfen, berechtigten und unberechtigten Bedenken, an Profilierungs- und Kompetenzstreitigkeiten begegnen kann …“ Am 25. November 1998 empfahl dann auf Antrag des Stadtratskollegen Helmut Geys der Kulturausschuß dem Hauptausschuß mit 11:2 Stimmen, im kommenden Haushaltsjahr 15.000 DM für die finanzielle Unterstützung wissenschaftlicher Arbeiten über die Geschichte Fürstenfeldbrucks, insbesondere der Zeit des Nationalsozialismus, bereitzustellen. Parallel hierzu wurde die Verwaltung beauftragt, eine Bestandsaufnahme zum vorhandenen Archivmaterial einschließlich Veröffentlichungen zu erarbeiten. Erstmals legte hierzu das Stadtarchiv im März 1999 eine Liste mit Literatur über die NS-Zeit in Fürstenfeldbruck vor, im Juni folgte die Gründung eines ersten Arbeitskreises. Auch der Historische Verein wurde dabei angegangen, mittels Mitgliederbefragung herauszufinden, ob Interesse an der Bildung einer entsprechenden Arbeitsgruppe im Verein bestünde. Der Verein war durchaus interessiert an einer Zeitzeugenbefragung, bat um Richtlinien und Zeitvorgaben für die Forschungsarbeiten, wollte das ganze Vorhaben aber unbedingt nur in wissenschaftlicher Begleitung durch einen Fachhistoriker angehen. Es folgte eine Patt-Situation mit „Diskussionen unterschiedlichster Couleur“. Greifbare Ergebnisse brachten sie nicht. Erst die Kulturausschußsitzung vom 10. Oktober 2001 befürwortete einstimmig die wissenschaftliche Begleitung des Unternehmens, „Dabei ist die Befragung von Zeitzeugen vorrangig zu behandeln.“ Danach schwiegen die Akten wiederum. Für die nachvollziehende Frau Dr. Klemenz kam der letztlich entscheidende Schritt mit der Brucker Hauptausschuss-Sitzung am 19. Oktober 2004, in der der neue Stadtarchivar Michael Volpert zum Koordinator aller bisherigen Bemühungen berufen wurde. Volpert erarbeitete ein Exposé zum Projekt, plädierte darin für eine nüchterne, neutrale Herangehensweise an diesen historischen Zeitabschnitt, frei von einem Zuviel an emotionalen Beurteilungen. Ihm erschien ein Sammelband bzw. ein Arbeitskreis aus mehreren Fachwissenschaftlern als beste Lösung. Mehrere Autoren würden verschiedene Blickwinkel öffnen. Zu den Wissenschaftlern aus dem lokalen Umfeld stellte sich Volpert auch ortsfremde Forscher mit dem „Blick von außen“ vor. Er führte dabei das erste Gespräch mit Prof. Dr. Ferdinand Kramer vom Institut für Bayerische Geschichte an der LMU München. Prof. Kramer erklärte sich im September 2005 mit der Übernahme des Gesamtkomplexes einverstanden und bearbeitete alle Themenbereiche bis zum Frühjahr 2007 unter wesentlicher Mitarbeit seiner Kollegin Dr. Ellen Latzin. Es entstanden in der nun nach zwei weiteren Jahren vorgelegten Dokumentation zum Nationalsozialismus „In einer Kleinstadt bei München von 1933 bis 1945“ acht Abrissbilder von zehn Autoren: „Einführung“ von Ferdinand Kramer und Ellen Latzin, „Kommunalpolitik in Fürstenfeldbruck 1933-45“ von Paul Hoser, „Die NSDAP in Fürstenfeldbruck“ von Bernhard Gotto, „Das Schulwesen in Fürstenfeldbruck“ von Ellen Latzin, „Römisch-katholische und Evangelisch-lutherische Kirche in Fürstenfeldbruck“ von Thomas Forstner, „Der ‚andere’ Teil der Bevölkerung. Verfolgte, Ausgegrenzte und Unangepasste in Fürstenfeldbruck“ von Elsbeth Bösl und Sabine Schalm, „Amper, Enten, Nibelungen: Bildkünste und Architektur in Fürstenfeldbruck im Nationalsozialismus“ von Iris Lauterbach, „Der Fliegerhorst Fürstenfeldbruck im Dritten Reich“ von John Zimmermann. Für Frau Dr. Klemenz hat die langwierige Prozedur zu diesem verdienstvollen, von neutralen Forschern und Autoren getragenen Sammelband die „Problematik der Laienforschung“ bewiesen. Erst Stadtarchivar Michael Volpert hat genauso wie sein Nachfolger Dr. Gerhard Neumeier mit vorbereitenden Arbeiten den Weg zu einem landesgeschichtlichen Thema gewiesen. Dr. Klemenz: „Eine Befragung von Zeitzeugen macht nur dann Sinn, wenn sie vor dem Hintergrund fundierter Kenntnisse stattfindet.“ Und: „Es geht nicht darum, mit dem Finger auf andere zu zeigen und sich dabei selber gut zu fühlen. Es geht darum, Fakten darzustellen, Mechanismen aufzuzeigen, erlittenes Unrecht nicht der Vergessenheit zu übergeben und verübtes Unrecht nicht unter den Teppich zu kehren.“

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