General a.D. Ulrich Wegener sprach in Fursty über das Olympia-Attentat und die Folgen für die Innere Sicherheit aus Sicht eines Zeitzeugen

General a.D. Ulrich Wegener, Horst Steinberg, 1. Vorsitzender der Gneisenau-Gesellschaft. Zum Gedenken in Fürstenfeldbruck am 5. September hat er keine Einladung erhalten. Foto: Dieter Metzler

Das Olympia-Attentat vor 40 Jahren durch palästinensische Terroristen auf die israelische Mannschaft war die erste terroristische Geiselnahme auf bundesdeutschem Boden. Ein Zeitzeuge der schrecklichen Ereignisse in München und auf dem Brucker Fliegerhorst war der sicherheitspolitische Berater des damaligen Bundesinnenministers Hans-Dietrich Genscher, Oberstleutnant Ulrich Wegener vom Bundesgrenzschutz. Aufgrund der föderalistischen Gegebenheiten war Wegener jedoch damals zur Untätigkeit verdammt. Die Federführung für die misslungene Befreiungsaktion lag nicht bei dem vom Bund geführten Krisenstab, sondern bei der Bayerischen Staatsregierung sowie dem Münchner Polizeipräsidenten Manfred Schreiber, die glaubten, die Krise allein bewältigen, zu können.

Unmittelbar nach dem terroristischen Anschlag, der neun israelischen Sportlern und einem deutschen Polizeibeamten das Leben kostete, beauftragte Genscher Wegener, eine Anti-Terroreinheit aufzustellen, deren erster Kommandeur er wurde. „Das war die spannendste Aufgabe in meinem Leben“, berichtete Wegener vom Beginn der Eliteeinheit Grenzschutzgruppe 9 - GSG 9 - bei seinem Vortrag am 27. August an der Offizierschule der Luftwaffe. Auf Einladung der Gneisenau-Gesellschaft und der OSLw sprach der inzwischen 83-jährige General a. D. im Ludger-Hölker-Saal vor Offizieranwärtern und ca. 80 interessierten Brucker Bürgerinnen und Bürger zum Thema „Das Olympia-Attentat und die Folgen für die innere Sicherheit aus Sicht eines Zeitzeugen“. „Ich bin jetzt zum dritten Mal hier und hatte nicht den besten Eindruck von Fürstenfeldbruck, wie Sie sich sicher vorstellen können“, begann Wegener seinen Rückblick. Wenn er an den 5. September 1972 zurückdenke, gerät er immer noch in Rage. Die Inkompetenz, mit der die Behörden versucht hatten, die Geiselnahme im olympischen Dorf durch ein palästinensisches Terrorkommando zu einem guten und unblutigen Ende zu führen, regt ihn bis heute auf. Für das Desaster trage seiner Meinung nach die Bayerische Staatsregierung die Verantwortung. Der größte Fehler war, dass die Sicherheitskräfte unbewaffnet waren. „Man wollte heitere Spiele und hat gedacht, es geht ohne Waffen. Keiner sollte sich an 1936 erinnern, man wollte nicht in den Ruf kommen, wieder solche Spiele zu machen wie die Nazis“. Auch hätte man die palästinensischen Terroristen nicht ausfliegen dürfen. „Die waren unprofessionell, wussten selbst nicht, wie es weitergehen sollte. Man hätte sie im olympischen Dorf erledigen müssen“, meinte Wegener. „Ich will nicht behaupten, dass es ohne Opfer abgelaufen wäre, aber sicher wären es nicht so viele gewesen. Das waren für mich die schlimmsten Momente in meinem Leben, zusehen zu müssen, dass die eingeleiteten Maßnahmen nicht zum Erfolg führen können“. Auch für Genscher, der unter dem Schreibtisch des Kommandeurs lag, war das ein traumatisches Erlebnis. Der Einsatz einer israelischen Eliteeinheit wurde damals auf ministerieller Ebene diskutiert, berichtete Wegener. „Der Beschluss der Bundesregierung ist verständlich, wenn auch nicht klug gewesen. Doch aus Gründen der Staatssouveränität konnte man auf das Angebot nicht eingehen“. So ohnmächtig er damals die Ereignisse verfolgen musste, so ist er auf die Befreiung der Lufthansa-Maschine „Landshut“ im Jahre 1977, die ihn zum „Helden von Mogadischu“ weltberühmt machte, stolz. Seine taktischen und operativen Einsatzkonzepte sowie seine Ausbildungsmethoden wurden auch im Ausland zum Maßstab bei der Aufstellung von Antiterroreinheiten. In ihrer 40-jährigen Geschichte hat die GSG 9 1.700 Einsätze durchgeführt. „Das waren stets besondere Einsätze“, so Wegener. Das Prestigedenken der Polizei verhinderte jedoch häufig den Einsatz der GSG 9, kritisierte Wegener die unzureichende Zusammenarbeit. Große Sorgen bereitet dem ehemaligen ersten Kommandeur der GSG 9 die Gewinnung von Nachwuchskräften. „Die Anforderungen sind sehr hoch“, stellte Wegener heraus. „Beim letzten Eignungstext haben von 60 Bewerbern nur sechs bestanden, obwohl die Bewerber überwiegend aus dem Polizeidienst oder der Bundeswehr kommen und gewisse Vorkenntnisse mitbringen“. Fehlende Teamfähigkeit sei eine der Hauptgründe für das vorzeitige Scheitern der Bewerber. Damals aber, 1972, war Ulrich Wegener wohl der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Als Genschers Adjutant konnte er seine Vorstellungen zur Aufstellung der ersten Antiterroreinheit ohne Umwege über seine Vorgesetzten auf dem Dienstweg direkt beim Minister an den Mann bringen. Aus heutiger Sicht müsse man feststellen: Zum Glück! Auf die Frage, ob er ein viertes Mal nach Fursty kommen werde, jetzt zur Gedenkfeier am 5. September, antwortete Wegner: „Ich habe für die Veranstaltung keine Einladung erhalten“. Bei der 40-Jahrfeier der GSG 9 am 17. September im Haus der Geschichte in Bonn wird Ulrich Wegener als erster Chef der Antiterroreinheit aber dabei sein. Zur Person Ulrich Wegener: Im Rahmen der Veranstaltung stellte der Offizieranwärter Friedrich Wilhelm Kase den Lebenslauf von General a. D. Ulrich Wegener dar: Ulrich Wegener wurde am 22. August 1929 im brandenburgischen Jüterbog geboren. Sein Vater war Offizier der Reichswehr. Sein Geburtsort ist wegen des Truppenübungsplatzes aus „Kaisers Zeiten“ militärisch Interessierten gut bekannt. Er liegt 60 km südwestlich Berlin und etwa dreißig Kilometer vor Lutherstadt Wittenberg, also im Fläming. Am Zweiten Weltkrieg nahm Wegener nicht teil. Denn er gehörte bereits zu den sog. „weißen Jahrgängen“. Doch er erlebte den Krieg als Junge von 10 bis 15 Jahren in Form der Bombenangriffe auf Berlin und des äußerst gewalttätigen Einmarsches der Roten Armee in seine Heimat. Für die ab 1945 entstehende kommunistische Diktatur auf deutschem Boden, ab 1949 genannt „DDR“, hatte er keine Sympathie. Er verteilte Flugblätter i.S. des Rechtes auf Meinungsfreiheit und geriet unmittelbar nach seinem Abitur im Jahre 1950 in Stasi-Haft – zuerst in Potsdam, sodann in Brandenburg an der Havel. Eineinhalb Jahre verbrachte er als politischer Häftling hinter Gittern. Nach dem Ende seiner Haft im Jahr 1952 begab er sich in den Westteil Berlins, um in die dort gerade entstandene Bereitschaftspolizei einzutreten. Er trat dann im Oktober 1952 tatsächlich in die Bereitschaftspolizei ein; allerdings in die eines anderen Bundeslandes: Baden-Württemberg. Dort durchlief er erfolgreich die entsprechenden Fachprüfungen, um 1958 nach bestandener Aufnahmeprüfung als Offiziersanwärter zum Bundesgrenzschutz überzuwechseln. 1958/59 absolvierte er den BGS-Offizierslehrgang an der Offiziersschule Lübeck. 1959 erfolgte die Beförderung zum Leutnant. In den kommenden zehn Jahren durchlief er verschiedene Verwendungen im BGS. Zeitgleich zum Regierungswechsel im Jahre 1969 wurde er Stabsoffizier für Nachrichtenwesen im Stab des Inspekteurs BMI, verbunden mit der Teilnahme am G2-Lehrgang der Bundeswehr in Bad Ems. Nach dem bestandenen Stabsoffizierslehrgang (BGS) im Jahre 1970, übernahm unser Gast die Funktion des Verbindungsoffiziers im Ministerbüro von Bundesinnenminister Genscher. Im Frühjahr 1972 wurde Ulrich Wegener als erster Offizier des BGS ans NATO Defence College in Rom delegiert. Sein Chef war – wie soeben erwähnt – Hans-Dietrich Genscher (FDP), der spätere Außenminister der Bundesrepublik von 1974 bis 1991. Ulrich Wegener avancierte zum persönlichen Referenten Genschers, der wie er selbst als junger Mann die sowjetische Besatzung aus unmittelbarer Nähe kennengelernt hatte. Von seinem Lehrgang in Rom wurde unser heutiger Gast jäh abberufen. Am 5. September 1972 nahmen palästinensische Terroristen israelische Olympiateilnehmer als Geiseln. Ulrich Wegener gehörte in den bangen Stunden zum Stab von Bundesinnenminister Genscher und wurde unmittelbarer Zeuge der misslungenen Geiselbefreiung. Er erkannte und sprach auch unmittelbar vor Ort deutlich an, dass diese Operation schwerlich einen positiven Ausgang finden konnte, da keine Spezialkräfte für die Geiselrettung zur Verfügung standen. Wenige Tage danach, am 19. September 1972, erhielt Ulrich Wegener von der Bundesregierung den Auftrag zur Aufstellung einer speziellen Antiterroreinheit des BGS, um eine Wiederholung einer derartigen Tragödie für die Zukunft auszuschließen. Bei der Aufstellung der sogenannten „Grenzschutzgruppe 9“ kooperierte die Bundesrepublik Deutschland neben den USA und Großbritannien auch mit Israel. Fünf Jahre später – im Oktober 1977 kam dann für die GSG 9 die Bewährungsprobe. Palästinensische Terroristen hatten die Lufthansamaschine „Landshut“ auf ihrem Flug von Mallorca nach Frankfurt/M. entführt, um die inhaftierten Leitfiguren der linksterroristischen „Rote Armee Fraktion“ (RAF) freizupressen. Deren deutsche Gesinnungsgenossen hatten kurz zuvor den Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer entführt. Die Befreiung der 92 Insassen der gekaperten Maschine, Deckname „Operation Feuerzauber“, gelang. Dies war nicht zuletzt dem Führungstalent von Ulrich Wegener zu verdanken. Bei der Aktion wurden drei Terroristen getötet und eine Terroristin schwer verletzt. Auf ziviler Seite und bei der GSG 9 gab es keine Verluste. Mit dieser Glanzleistung wurde Ulrich Wegener in den Augen der Deutschen zum „Helden von Mogadischu“. Er selbst verneint diese Bezeichnung allerdings, da die Truppe gemeinsam die Arbeit tat, nicht eine Person allein. Ulrich Wegener zählt seit fast vierzig Jahren zu den deutschen Experten i.S. Terrorabwehr und Terrorbekämpfung. Er kennt den Nahen Osten ziemlich gut. Bezeugt wird dies durch seinen weiteren Werdegang. 1980 wurde er stellvertretender Inspekteur des BGS und Inspizient für Sondereinsätze. 1981 stieg er als Kommandeur des Grenzschutzkommandos West zum Brigadegeneral im Bundesgrenzschutz auf. Seine letzte dienstliche Position war 1988 die des Leiters der deutschen Beratergruppe bei den Royal Saudi Special Security Forces. Im August 1989 trat General Wegener in den Ruhestand. Auch nach seiner Pensionierung half er beim Aufbau einer schlagkräftigen Anti-Terror-Einheit im dem für den Westen wichtigen Königreich Saudi-Arabien. Ulrich Wegener verbringt heute „seinen Unruhestand“ im Rheinland. Er wohnt unweit seiner alten Wirkungsstätte in Hangelar bei Sankt Augustin, gelegen auf der rechten Rheinseite zwischen Bonn und Siegburg. Seit Juni 2000 hat er Vorsitz des Sicherheitsbeirates von Kötter Security, einem privaten Unternehmen, inne. Ulrich Wegener ist Träger des Großen Verdienstkreuzes des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland“. Die hohen Auszeichnungen anderer Staaten – zu nennen wären: die Schweiz, Österreich, Italien, USA, Indonesien, Thailand, Singapur, Saudi Arabien und die Vereinigten arabischen Emirate – bezeugen seine Wertschätzung auch außerhalb unseres Landes, nicht minder sein hohes Können in Sicherheitsfragen. Ulrich Wegener zählt zu den Menschen in unserem Land, die – militärisch ausgedrückt – eine klare Zielansprache schätzen, und sich im Bewusstsein darüber wie hoch der Wert des Dienens in einer Demokratie ist, von Denkblockaden freimachen gerade wenn es um Professionalität geht.

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