Vom Bauern zum SS-Wachmann

Autorin Isolde Schuster öffnet nach 75 Jahren die verschlossenen Familienakten

Die 78-jährige Germeringerin Isolde Schuster hat sich daran gemacht, die Vergangenheit ihres Vaters ans Licht zu bringen. Rund drei Jahre später präsentiert sie das Ergebnis: Das Buch „Der vermisste Vater“.
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Die 78-jährige Germeringerin Isolde Schuster hat sich daran gemacht, die Vergangenheit ihres Vaters ans Licht zu bringen. Rund drei Jahre später präsentiert sie das Ergebnis: Das Buch „Der vermisste Vater“.

Germering – Jede Stadt hat ihre Geschichte, so auch Germering. Vieles davon kann beispielsweise im Stadtmuseum erkundet oder in einem der zahlreichen Vorträge nachvollzogen werden. In vereinzelten Fällen erzählen die Germeringer selbst ihre Geschichte. So auch bei Isolde Schuster, die mittlerweile 78-jährige Diplom-Betriebswirtin arbeitete rund drei Jahre lang an einem Buch über ihren im Krieg vermissten Vater, über dessen Nazi-Vergangenheit und damit auch über die Geschichte ihrer Familie. In welchem Zusammenhang all das mit dem als Schokoladenfabrik getarnten Wifo-Tanklager in Krailling und der Wifo-Werkssiedlung in Unterpfaffenhofen steht, berichtete Schuster in einem Interview mit dem Germeringer Anzeiger

Oftmals gibt es Dinge, die innerhalb einer Familie unausgesprochen bleiben. Bohrende Fragen werden schnell abgetan. So war es auch bei Isolde Schuster. Ihr zwei Jahre älterer Bruder und sie hinterfragten schon früh das Schicksal des im Krieg als vermisst geltenden Vaters, bekamen aber nie eine Antwort darauf. Vermisst ist der Ausdruck für einen Soldaten, der im Krieg nicht offiziell als gefallen gilt, dessen Verbleib aber genauso wenig bekannt ist. Mehr als eine Million deutsche Soldaten gelten auch noch nach über 60 Jahren – weit nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges – als vermisst. Das Schicksal des ursprünglich aus dem Chiemgau stammenden Bauern Alois Ramgraber blieb lange im Verborgenen. Solange, bis es Isolde Schuster nicht mehr aushielt, die verschlossenen Akten ihrer Eltern – eine Briefkorrespondenz, die von 1943 bis 1945 stattfand, „die ich mehrfach umgezogen habe“, ein für alle mal zu öffnen. „Lange habe ich respektiert, dass die Briefe zugebunden waren und mit dem Schriftzug ‚persönliche Papiere‘ versehen war“, sagt Schuster in ihrem Wohnzimmer sitzend. „Gesagt hat meine Mutter nichts zu dem Thema, aufgehoben hat sie aber alles“, so Schuster. Im Alter von 75 Jahren, nach einem erfüllten Berufsleben und auch nachdem die Mutter bereits seit einigen Jahren verstorben war, war es für sie dann an der Zeit die alten Akten zu öffnen.

Falsche Versprechen, geheime Tarnung

Allein die Tatsache, dass Schuster wieder in einem der ehemaligen Wifo-Häuser wohnt, ist eine eigene Geschichte wert. Ab dem Moment als der Vater als vermisst galt, musste die Familie nämlich das Haus räumen. 23 Jahre später und mit viel Glück konnte die Familie 1968 wieder nach Germering zurückkehren. Aber zurück zum Anfang, zum Ursprung des Buches: Alois Ramgraber ein Bauer aus Fridolfing geriet in das Umfeld von Heinrich Himmler, der ab 1929 Reichsführer SS war. In Vorbereitung auf einen mobilen Krieg realisierte das NS-Regime Mitte der Dreißiger Jahre im Münchner Westen eine große Wifo-Tankanlage. Unter dem Decknamen „Münchberg“ wurde in Krailling Benzin für die Kriegsflieger gelagert. „Auf der Suche nach guten Männern warb er den Bauern Ramgraber an. Ihm wurde, wie so vielen Soldaten dieser Zeit, große Versprechungen gemacht. Einen Bauernhof solle er nach Kriegsende erhalten“ erläutert die 78-jährige. Mit diesem Anreiz im Hinterkopf durchschritt ihr Vater einen Schritt nach dem anderen bis er Teil der SS und somit des Regimes wurde. Als Wachmann lebte er ab 1936 weit weg vom heimischen Chiemgau und zog in die Werkssiedlung der Wifo in Unterpfaffenhofen, der alten Fichtenau. Ramgraber agierte fortan streng unter der Führung Hitlers und das unter der Prämisse der Geheimhaltung, sollte doch der wahre Zweck der Wifo nicht an die Feinde gelangen.

Isolde Schuster überreichte je ein Exemplar ihres Buches mit persönlicher Widmung an Stadtbaumeister Jürgen Thum (links), Oberbürgermeister Andreas Haas (Zweiter von links) und Stadtarchivar Marcus Guckenbiehl (rechts).

Wie das Schicksal es so wollte, musste Ramgraber, der in der Zwischenzeit bei einem Heimatbesuch seine Frau Johanna kennenlernte, 1943 doch noch in den Krieg ziehen. „Ein Schicksalsschlag, der für die Familie nicht folgenlos bleiben sollte“, sagt Schuster, die in ihrem Buch ebenso die Suche nach der Wahrheit und dem Verbleib ihres Vaters beschreibt, wie die Auswirkungen auf ihre Familie, aber auch die Wandlung der Wifo-Siedlungen, die bis heute ein fester Bestandteil des Germeringer Stadtbilds sind. „Zeugnisse einer Zeit sind nicht nur erlebte und durchlittene Schicksale Einzelner, sondern auch Geschichten, die zu einer Stadt gehören“, schreibt die Germeringer Bezirksrätin Gaby Off-Nesselhauf im Vorwort zu Schusters Buch. Ein Buch, so sagt es die Autorin, das Tatsachen erkundet, die ihr als Kind vorenthalten wurde, das Leben aber maßgeblich prägten. „Jetzt, im Jahr 2020, zwei Generationen nach Kriegsende, scheuen sich viele Familien immer noch davor, sich mit der NS-Vergangenheit ihrer Eltern und Großeltern zu befassen“, so Schuster. Ein Zustand der Unwissenheit, den sie für ihre Nachkommen nicht wollte – und deshalb dieses Buch verfasste.

Claudia Becker 

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