Aus Vhs-Vortrag wird Gastbeitrag

Gemeinwohl-Ökonomie: "Das Wirtschaftskonzept der Stunde"

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Grüne Sophie Schuhmacher und Pfarrer Michael Lorenz schreiben über Gemeinwohl-Ökonomie in der Krise

Die Germeringer Stadträtin Sophie Schuhmacher und Pfarrer Michael Lorenz hätten einen Vortrag zur Gemeinwohl-Ökonomie in der VHS gehalten, der nun wie alle Bildungsveranstaltungen nicht stattfinden kann. Die beiden meinen, dass das Thema in der jetzigen Situation aktueller denn je ist und haben deshalb einen Gastbeitrag verfasst.

Vielleicht ist es noch zu früh, über Konsequenzen aus der Corona-Krise nachzudenken, und viele empfinden es vielleicht als unpassend, über Grundsätze des Wirtschaftens zu diskutieren, wo es jetzt vorrangig darum geht, Unternehmen vor der Insolvenz zu bewahren, Arbeitsplätze zu sichern und der Wirtschaft möglichst wieder auf die Beine zu helfen. Andererseits gilt es keine Zeit zu verlieren, um unsere Wirtschaft und Gesellschaft resilienter zu machen. Zudem stößt uns die Corona-Krise auf mindestens drei wichtige Einsichten.

Ökonomie als entscheidendes Instrument

Wenn eine Krise eingetreten ist und ihren Lauf nimmt, kann man nur noch defensiv reagieren. Die Erfordernisse der Wirtschaft stehen dann hinter dem Schutz von Menschenleben zurück. Dies sollte uns ein deutliches Warnzeichen für die bevorstehende beziehungsweise bereits im Gang befindliche Umwelt- und Klimakrise sein. Die Auskunft der Wissenschaft ist hier nicht weniger deutlich als zur Corona-Pandemie. Die drohenden Opferzahlen sind weit größer, zudem gibt es nicht die Perspektive eines zu findenden Impfstoffs. Einiges spricht dafür, dass die Zunahme von neuartigen Virus-Erkrankungen mit der Klima- und Biodiversitätskrise und dem damit verbundenen Rückgang von Lebensraum für Wildtriere in direktem Zusammenhang steht. Corona und die zunehmenden Dürreperioden sind nur Aspekte der auf uns zukommenden Veränderungen. Wir können uns daher die bei manchen immer noch in den Köpfen sitzende Vorstellung „Ökonomie oder Ökologie“ nicht mehr leisten. Die Ökonomie wird vielmehr ein entscheidendes Instrument sein, den nötigen Wandel möglichst schnell zu vollziehen, um unseren Lebensraum und die Grundlagen des Wirtschaftens zu erhalten.

Ohne Kooperation geht nichts

Die Corona-Krise verdeutlicht uns, wie sehr es auf Zusammenhalt und Kooperation ankommt. Das Handeln jedes einzelnen hat Konsequenzen für alle. Viele wünschen sich, dass wir das gestärkte Gefühl für unsere Zusammengehörigkeit und Mitmenschlichkeit mit in die Zeit nach der Krise nehmen können. Sogar eingefleischte „Gutmenschen“-Kritiker müssen zugeben, dass eine Überwindung der Corona-Krise ohne Kooperation nicht möglich ist. Wenn es um Gesundheit und unsere Lebensgrundlagen geht, liegt Kooperation auch im Eigeninteresse.

Kommerzialisierung des Gesundheitswesens

Es ist deutlich geworden, wie schädlich und gefährlich eine einseitige Gewinnorientierung im Bereich des Gesundheitswesens ist. Im Krankenhaus als gewinnorientiertem Unternehmen, das nach Fallpauschalen abrechnet und auf abrechnungsfähige Untersuchungen und Operationen angewiesen ist, ist die Planung der Bettenkapazitäten nach der Just-in-time-Logik die Folge. Die Menschen, die für uns im Gesundheitswesen tätig sind, leiden darüber hinaus schon lange darunter, dass sie wegen ausufernder Dokumentationspflichten, die unter Kostendruck die Qualität sichern sollen, keine Zeit mehr für die Patienten haben. Es ist erwiesen, dass die Kommerzialisierung des Gesundheitswesens die Motivation untergräbt, anderen zu helfen, und Frust- und Stresserfahrungen im Beruf steigert. Die aus Kostensenkungsgründen gemachten Einschnitte sind in anderen Ländern radikaler ausgefallen als bei uns, was uns jetzt zu Gute kommt. Die nächstliegende Lehre aus der Corona-Krise ist, das Gesundheitswesen wieder zu einer gemeinwohlorientierten, bedarfsgerechten Daseinsvorsorge zu machen und sie den Mechanismen der Kommerzialisierung zu entziehen.

Krise als Anstoß

Nehmen wir die Corona-Krise als Warnung und Anstoß, jetzt mit der sich verschärfenden Dauerkrise Klimawandel richtig umzugehen! Was liegt näher, als die Wiederaufbauhilfe für die Wirtschaft, gezielt für den ohnehin anstehenden und dringenden Wandel in den Bereichen Energie, Verkehr und Bau einzusetzen, wie es jetzt auch viele Ökonominnen und Ökonomen fordern? Damit die Hilfe nicht nur einseitig den Branchen zu Gute kommt, die für den ökologischen Umbau der Gesellschaft entscheidend sind, bietet es sich an, die Vergabe der Hilfsgelder nach den Kriterien der Gemeinwohl-Ökonomie zu gestalten. Die bereits für Unternehmen erprobte Gemeinwohl-Matrix bewertet neben der ökologischen Nachhaltigkeit auch Menschenwürde, Solidarität und Gerechtigkeit, sowie Transparenz und Mitentscheidung. Es ist die Chance der Stunde, die staatlichen und damit gemeinschaftlich steuerfinanzierten Aufbaugelder vorrangig nach diesen Kriterien auszuschütten. Damit unterstützen wir den Umbau der Wirtschaft und der Unternehmen, die Kooperation vor Konkurrenz und menschliche Werte sowie unser aller Wohl vor Gewinnmaximierung stellen. Durch Anpassung der staatlichen und kommunalen Vergaberichtlinien, steuerliche Anreize und den Abbau schädlicher Subventionen kann der an Nachhaltigkeit und Gemeinwohl orientierte Umbau der Wirtschaft über die Wiederaufbauhilfen hinaus gestützt und gestaltet werden.

Durch Anreize Energien in Richtung lenken

Ein solcher Umbau vereinigt mehrere Vorteile. Durch die richtigen Anreize werden der Unternehmergeist und die kreativen Energien in die richtige Richtung gelenkt. Dinge, die Menschen aus eigenem Antrieb gerne tun, weil sie dem Gemeinwohl dienen und nachhaltig sind, können sich gegen die kostengünstigeren, schmutzigeren und rücksichtsloseren Produktionsweisen und Produkte durchsetzen. Die Verkehrs- und Energiewende bekommen Auftrieb und neue Impulse. Die Wirtschaft insgesamt entwickelt sich hin zu einer Kreislaufwirtschaft, bei der nach dem Vorbild der Natur keine Gift- und Abfallstoffe anfallen, sondern geschlossene organische und anorganische Stoffkreisläufe entstehen. Nicht zuletzt wird eine regionale, resiliente Wirtschaft gefördert, welche die Wertschöpfung in der Region stärkt und uns unabhängiger von globalen Verflechtungen und Entwicklungen macht.

Auf das Handeln kommt es an

All dies können wir in dreifacher Weise unterstützen. Indem wir Vergabe der Wirtschaftsförderung an Kriterien des Gemeinwohls und der Nachhaltigkeit politisch fordern und unterstützen, indem lokale Unternehmen zu den bereits existierenden 2.000 Unternehmen hinzustoßen, die das Modell der Gemeinwohl-Ökonomie unterstützen und zum Teil bereits Gemeinwohl-Bilanzen erstellen, und indem wir unsere Stadt zur Gemeinwohl-Gemeinde machen, die selbst nach den Kriterien der Gemeinwohl-Bilanz agiert, die Gemeinwohl-Ökonomie vor Ort unterstützt und die Rahmenbedingungen des Wirtschaftens, die in ihrem Zuständigkeitsbereich liegen, entsprechend gestaltet. Die Corona-Krise lehrt uns: unsere Gesundheit und Lebensgrundlagen sind wichtig, unsere Gemeinschaft und Menschlichkeit sind wertvoll, auf unser Verhalten und Handeln kommt es an.

Sophie Schuhmacher und Michael Lorenz

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