Dr. Heiner Geißler geißelte Solidaritätsverluste - Zum 125jährigen Bestehen der Holz-Berufsgenossenschaft sprach der Bundesminister a.D. in Bruck

Der seit 1885 bestehende, ehemals in vier Regionalverbände gegliederte und seit 1975/1990 bundesweit fusionierte Träger der gesetzlichen Pflicht-Unfallversicherung ist zuständig für 53.000 Betriebe der Holz/Kunststoffbranche und fast eine halbe Million Beschäftigte. Der gelungene Festabend zum Jubiläum am 9. Juni in der Fürstenfelder ‚Tenne’ war für die Kreisstadt eine besondere Auszeichnung.

Daran ließ auch als „Hausherr“ OB Sepp Kellerer bei seiner Begrüßung von 300 Teilnehmern keinen Zweifel. Die ‚Tenne’ sei nicht nur die Kornkammer der vormaligen Kloster-Ökonomie gewesen, sondern mit vielen anderen Gebäuden im Fürstenfeld-Areal inzwischen der Ausdruck für genutzte „nachhaltige Möglichkeiten“ im Rahmen von Kultur und Veranstaltungswesen. Den Architekten von heute empfahl Kellerer einen Blick auf alte Bausubstanzen: „Da hielt ein Dach mindestens einhundert Jahre aus …“ Zu Beginn hatte Wolfgang Rhode als Vorsitzender des Vorstandes der Holz-BG (Versicherten-Vertreter) und IG-Metall-Vorstandsmitglied die Historie der genossenschaftlichen Holz-Arbeitsschutzentwicklung als „beispielhaft“ eingeordnet. „Und immer lag uns dabei auch die Sicherung des Arbeitsplatzes mit am Herzen.“ In seiner Zukunftsbeurteilung sieht er eine berufsgenossenschaftliche Vereinigung von Holz + Metall schon in einer baldigen Nähe. Sabine Nießen, Ministerialdirigentin im bayer. Staatsministerium für Arbeit, Sozialordnung, Familie und Frauen erinerte daran, dass schon unter König Ludwig II. 1879 eine um sechs Jahre ältere Arbeiter-Schutzmaßnahme durch die Beauftragung von ‚Fabrik-Inspektoren’ angeordnet wurde. Im übrigen wünschte sie dem Jubilar Holz-BG nochmals „alles Gute, auch für weitere 125 Jahre …“ Unverblümt in seinen weitgefaßten Auslegungen der Freidenker Dr. Heiner Geißler, sozialer Christdemokrat in einer Festrede zur „Zukunft des Sozialstaates“: Mit einem Einstieg auf nach seiner Meinung haarsträubende politische Aktualitäten. „Die Finanzkrise haben Mega-Unternehmen produziert … Nicht mehr die Soziale Marktwirtschaft, sondern der nackte Kapitalismus mit seinen Verwerfungen sind das System. Das Kapital beherrscht die Menschen“. Geißler nennt als zwingende Notwendigkeit die Rückkehr zum „geordneten Zusammenleben der Menschen“. Und das könnte man schon in der Antike bei Aristoteles nachlesen. „Ein Sparpaket wie jetzt beschlossen wäre Ludwig Erhardt und seinen Mitarbeitern nie in den Sinn gekommen.“ Deren Ordnungs-Liberalismus wäre nicht zu vergleichen mit dem die Solidarität zerstörenden Neo-Liberalismus eines Westerwelle: „Der ist nicht mein Freund!“ Und: „Ein Sparpaket muß konsensfähig sein in Zeiten knapper Kassen.“ Die globale Unordnung gefährde natürlich einen Exportweltmeister im Besonderen; ein solcher Staat würde unbeherrschbarer ohne ein ethisches Fundament, ohne einen Grundwert aus Solidarität: Zwischen reich und arm, jung und alt, Gesunden und Kranken, Arbeitenden und Arbeitslosen, Deutschen und Nichtdeutschen. „Die Solidarität gilt allen, die in Not sind. Wir sind nach biblischem Verständnis die Nächsten für die, die in Not geraten sind! Die Solidarität ist die Säule der Zivilisation.“ Geißler erinnerte daran, dass weltweit finanztechnisch und spekulativ 100 Billionen Dollar im Umlauf sind, ohne jeden ökonomischen Hintergrund, ohne jede Deckung. Er sieht ein sich entartendes Gesundheitswesen, in dem der Arzt im Krankenhaus zum „Fallpauschalenjongleur“ mutiert. Daß die heutige Gesellschaft das Menschenbild verloren hat. Es gäbe keinen anderen Anteil an der weltweiten Bevölkerung, der so diskriminiert und versklavt würde wie die Frauen. „Ist die menschliche Würde noch immer unantastbar?“ Geißler lobte das Schweizer Modell in der sozialen Mitverantwortung: „Alle zahlen von allem für Alle! Ein biblisches, aber hochmodernes Prinzip.“ Offensichtlich blieb der Rahmen der auf Kreisebene Einzuladenden aus Handwerk und Innung an diesem Abend unberücksichtigt, was auch für Kreishandwerksmeister Franz Höfelsauer und Harald Volkwein als Schreiner-Innungsobermeister galt. Wofür sich allerdings Paul Klementz als Hauptgeschäftsführer der Holz-BG inoffiziell entschuldigte.

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