Historiker enthüllt NS-Vergangenheit der Polizeischule

Für den Judenmord trainiert

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Dr. Sven Deppisch bei seiner Buchvorstellung im Churfürstensaal der Polizeifachhochschule im Kloster Fürstenfeld.

Seit nahezu einhundert Jahren werden hinter den dicken Mauern des Klosters Fürstenfeld Polizeibeamte ausgebildet. Seit 1924 waren die verschiedensten Einrichtungen der Polizeiinstitutionen in den Gebäuden des Klosters beheimatet, ab 1975 die Fachhochschule für öffentliche Verwaltung und Rechtspflege in Bayern, Fachbereich Polizei. Das lässt eine wechselvolle Geschichte vermuten. Sechs Jahre lang recherchierte der Gröbenzeller Historiker Dr. Sven Deppisch im In- und Ausland die Geschichte der Polizeischule im Dritten Reich und schrieb ein Buch darüber.

Fürstenfeldbruck - In „Täter auf der Schulbank“ wirft der Historiker einen Blick zurück und enthüllt die unglaubliche NS-Vergangenheit von Bayerns wichtigster Polizeischule, die selbst viele „alte“ Fürstenfeldbrucker überraschen dürfte. „Die Tiefe, in der die Schule in den Holocaust verstrickt war, die hat uns alle sehr erschreckt“, gestand selbst der Leiter der Polizeifachhochschule, Ingbert Hoffmann, bei der Pressekonferenz am 23. November im Churfürstensaal des Klosters Fürstenfeld ein, als Deppisch die Zusammenhänge der Offizierausbildung der Ordnungspolizei im Dritten Reich und des Holocausts aufzeigte. Der Blick zurück, sagte Hoffmann, kann nicht häufig genug erfolgen und sei wichtig für die Polizeibeamten. „Die Auseinandersetzung mit dem Nazi-Regime wird in den Unterricht an der Schule einfließen, damit die Vergangenheit nicht in Vergessenheit gerät.“

Polizeischule als zentraler Täterort des Holocaust

Der ehemalige Präsident der Fachhochschule, Hermann Vogelgsang, meinte: „Auch wenn der Blick zurück in die Geschichte der Polizei etwas betrüblich ist, so ist die Erinnerung immer eine Art der Hygiene.“ In seinem 670 Seiten umfassenden Buch kommt der Historiker zu dem Ergebnis, dass ohne die Polizei der Holocaust nicht möglich gewesen wäre. Die Polizeischule war ein „zentraler Täterort des Holocaust“. Die Anzahl der Polizisten, die in diesen Jahren in Bruck waren und sich an Verbrechen beteiligten, ist erschreckend hoch. Sowohl auf Seiten der Schüler, als auch auf Seiten der Lehrer. Unter den 2.100 Absolventen, die von 1937 bis 1945 die Polizeischule durchlaufen haben, waren nur wenige, die sich geweigert hatten. Überrascht habe ihn aber bei seiner Recherche, dass so viele prominente NS-Täter aus der Polizei in der Brucker Schule ausgebildet wurden beziehungsweise unterrichtet haben, die anschließend in den von der Wehrmacht besetzten Ländern an entsetzlichen Verbrechen beteiligt waren.

Polizeischule avanciert zur Kaderschmiede

Nachdem der Bedarf an Polizeioffizieren Mitte der 30iger Jahre im vergangenen Jahrhundert enorm anstieg und die Polizeischule in Berlin-Köpenick nicht mehr ausreichte, avancierte die Schule in Bruck ab 1937 zur zentralen Kaderschmiede von SS-Reichsführer und obersten Chef der Deutschen Polizei, Heinrich Himmler. Während die Schule in Köpenick in den Kriegsjahren an Bedeutung verlor, wurde Bruck zur wichtigsten Ausbildungsstätte der Ordnungshüter. Aus dem gesamten Reichsgebiet und dem einverleibten Österreich rekrutierten sich die Absolventen in Bruck, um sich zu Führungskräften ausbilden zu lassen.

Lehrplan: Bandenkampf und Antisemitismus

Neben militärischen Drill und Paragrafen standen Bandenkampf und Antisemitismus auf dem Lehrplan. Die Ordnungspolizisten wussten demnach, worauf sie sich einließen. „Auf dem Papier und im Gelände übten die Polizisten jene Verhaltensweisen ein, mit denen sie während des Krieges gegen ihre Opfer vorgingen“, erzählte Deppisch. So hätten sie an der Polizeischule in Bruck tatsächlich für den Judenmord trainiert. Im „auswärtigen Einsatz“ seien die Täter gegen „Banden“ und Juden stets nach dem gleichen Schema vorgegangen. Viele von ihnen hätten irgendwann nicht mehr zwischen beiden Gruppen unterschieden. Selbst in der Bundesrepublik übte die Staatsgewalt noch den „Bandenkampf“. Das änderte sich erst ab den siebziger Jahren, wie die Untersuchungen von Deppisch belegen. Der Historiker zeigt in seiner Arbeit zudem, wie die Polizeischule als lokaler Machtfaktor fungierte und die NS-Diktatur vor Ort verkörperte. Auch der „Totale Krieg“ machte vor ihr nicht Halt. So plante sie einen Luftschutzbunker, den Häftlinge des nahegelegenen KZ Dachau für sie bauen sollten. Außerdem ließ sie ihre Schüler üben, eine notgelandete Flugzeugbesatzung zu vernichten.

Dieter Metzler

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