Impfvollschutz im August?

Impfzentrum in Fürstenfeldbruck hat Impfungen verdoppelt: Etwa 620 am Tag möglich

Fassade des Impfzentrums in Fürstenfeldbruck, vor dem eine Menschenschlange steht.
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Das Impfzentrum in Fürstenfeldbruck hat täglich von 8 bis 21 Uhr geöffnet. Geimpft werden kann jedoch nur, wer sich vorher online registriert hat. Trotz festem Termin bilden sich immer wieder Schlangen vor dem ehemaligen Aldi in der Buchenau.
  • vonMaximilian Geiger
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Landkreis Fürstenfeldbruck – Impfvollschutz der Deutschen im August? Eine Nachricht, die unvorstellbar scheint. Das Leben wird seit über einem Jahr nur noch von einem Thema beherrscht: dem Corona-Virus. Wie sehen die Fort- oder die Rückschritte aus, welche Maßnahmen gelten aktuell und für wen? Ein Chaos, dem es viel Kraft bedarf Herr zu werden. Wurde in der Vergangenheit ein Schritt nach vorne gemacht, so folgten meist zwei Schritte zurück. Die Frustration im Land ist groß und dann schwebt doch dieser Schimmer von Hoffnung über einem, wie ein mahnendes Damoklesschwert. 

Noch ein wenig Geduld, nur noch etwas zusammenreißen. So einfach klingt das immer, wenn man den Politikern im Fernsehen lauscht. Die Tatsache, dass die Geduld aufgebraucht ist, die Perspektive durch permanente Enttäuschungen nicht mehr greifbar, scheint vergessen bei den Reden von Markus Söder oder Jens Spahn.

Im Moment ist jeder Tag wie ein Lottospiel, welche Zahlen gelten heute und welches Geschäft darf in welcher Form aufmachen. Planungssicherheit ist da gleich null. Eltern, die seit Monaten für ihre Kinder als Ersatzlehrer fungieren, Großeltern, die in ihrem Zimmer im Pflegeheim auf eine menschliche Berührung warten, Jugendliche, die mit Depressionen kämpfen – all diese Menschen sehen keine Perspektive mehr. Und dann soll im August alles vorbei sein?

Seit über einem Jahr fiebern wir Deutschen mit, es gibt nicht mehr, wie zur WM, 83 Millionen Bundestrainer – auch wenn Jogi Löw nun seinen Hut zieht und eine Stelle frei wird, sondern Virologen. Alle, außer uns Deutschen, scheinen es richtig gemacht zu haben. Aber trügt das Bild? Es ist ja wahrlich bekannt, dass der Deutsche an sich gerne schimpft, sich über alles beklagt.

Laut Weltgesundheitsorganisation WHO ist eine Herdenimmunität bei einer Impfquote von 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung erreicht. Eine vollständige Immunität, so sagt es der aktuelle Stand, ist nach der zweiten Impfung erreicht. In Deutschland haben diesen Schutz bisher rund 2,5 Millionen Menschen erhalten, das entspricht einem Prozentsatz von 3,1. Einfach geimpft wurden etwa 6,4 Prozent der Deutschen, so belegt es das Robert Koch Institut am 9. März. Auf Bundesebene liegt Bayern direkt hinter Bremen auf Platz 2 was die einfache Impfung anbelangt, das entspricht rund 920.000 Menschen.

Die Zahl wirkt erschreckend gering, gerade mit Blick nach Israel. Das Land kratzt mit 57,7 Prozent (Stand 10. März, einfach geimpft) knapp an der Grenze zur Herdenimmunität.

Impfpass

Mit der Einführung eines „Grünen Passes“ ist das Leben von etwa fünf Millionen Menschen beinahe wieder zurück auf normal. Fitnessstudiobesuche, Hotelaufenthalte oder auch Theaterabende sind so wieder möglich. Die Einführung eines Corona-Impfpasses, der Geimpften gewisse Sonderrechte gewährt– diskriminierend finden dies manche, andere sehen es mit Blick auf die Querdenker im Land mehr als gerecht. Eine Debatte, die auch in Deutschland geführt wird. Was bisher feststeht ist, dass ein digitaler Impfpass kommt. Dieser soll in der Zukunft das gelbe Impfheft ablösen. Zunächst war die Einführung für 2022 geplant, Corona beschleunigt den Vorgang nun. Die digitalisierte Variante wurde erst diese Woche bei der amerikanischen Firma IBM in Auftrag gegeben. Ob es dann zu einer Bevorzugung der Geimpften kommt, ist noch unklar. Immerhin setzt dies ein Impfangebot für alle voraus. Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sprachen sich bisher jedoch dagegen aus. Handelt es sich aber um private Vertragsverhältnisse, beispielsweise bei Fitnessstudios oder auch Konzert- oder Kinobesuchen, kann sich die Regierung nicht einmischen.

Israel ist das Vorzeigebeispiel, was das Impfen betrifft. Deutschland liegt, wie viele andere europäische Länder auch, im Mittelfeld. Österreich liegt bei den einfach geimpften Personen bei 6,5 Prozent, Norwegen und Portugal bei 7,2 Prozent.

Biontech, Moderna und Astrazeneca sind die aktuellen Impfstoffe, die bei uns verimpft werden. Weitere Seren wie der Impfstoff von Johnson & Johnson stehen kurz vor der Zulassung. Jedoch deuten sich auch hier bereits Lieferverzögerungen an. Ein weiterer herber Rückschlag für die Impfstrategie. Künftig sollen nämlich rund 75.000 Haus- und Facharztpraxen in Deutschland neben den bestehenden Impfzentren mitimpfen. Eine logistische Herausforderung, der sich die Regierung angenommen hat. Der Impfstoff soll folglich über Apotheken und den Großhandel in die Arztpraxen gelangen. Der bürokratische Aufwand für die Praxen soll zudem möglichst gering gehalten werden. Im April soll die Umsetzung erfolgen, die Priorisierung der einzelnen Gruppen bleibe aber weiterhin bestehen.

Impfzentrum Fürstenfeldbruck

Eine deutliche Erleichterung würde das nicht nur für die Menschen in den Impfzentren wie dem in Fürstenfeldbruck bedeuten, dies bestätigt auch Anette Menke, die Leiterin Kommunikation und Mitgliederservice des Bayerischen Roten Kreuzes Kreisverband FFB. Auch für viele Landkreisbewohner würde der Besuch beim Hausarzt den mühsamen Weg nach Fürstenfeldbruck ersetzen. Immerhin ist das Krankheitsbild dem eigenen Arzt bereits bekannt und eine Aufklärung kann innerhalb einer vertrauten Atmosphäre stattfinden.

Aktuell gehören zur ersten Gruppe, der zu impfenden Menschen unter anderem über 80-Jährige, Menschen in Pflegeheimen, Personal auf Intensivstationen, in Notaufnahmen und Rettungsdiensten. „Knapp 15.000 Menschen, die über 80 Jahre alt sind leben in unserem Landkreis“, erklärt Menke die vermeintliche Trägheit beim Impffortschritt in Fürstenfeldbruck. Die Ungeduld sei durchaus zu verstehen, aber die Impfungen laufen gut und auch die Kapazität der täglichen Impfdosen konnten in den letzten Wochen verdoppelt werden – von maximal 300 auf 620 Impfungen am Tag. Dazu wurde nicht nur das Personal auf nun 100 Mitarbeiter aufgestockt – vom Arzt über die Verwaltung. Auch die Zeiten wurden ausgeweitet. Aktuell wird Montag bis Sonntag von 8 bis 21 Uhr geimpft, sagt Menke. Mit Stand vom 5. März um 12 Uhr wurden 14.458 Personen einmal, 6.379 zweimal geimpft.

Registrierung zum Impftermin

Um einen Impftermin im Zentrum zu erhalten, müsse man sich online unter https://impfzentren.bayern/citizen/ registrieren. Hier werden Daten zur Person sowie Vorerkranken erfragt. Familienangehörige können dies für ihre Eltern oder Großeltern übernehmen. Bis zu fünf Personen können dabei pro E-Mailadresse angemeldet werden. „Personen, die über 80 sind und nicht die Möglichkeit haben sich online zu registrieren, können unter 08141 400450 beim BRK in Fürstenfeldbruck anrufen, Mitarbeiter helfen dann zwischen 8 und 18 Uhr telefonisch bei der Registrierung“, erklärt die BRKlerin weiter. Auch sie wisse, dass die Telefonnummern oftmals überlastet seien, gerade die allgemeine Hotline 116117. Auf der Internetseite des Impfzentrums sind die einzelnen Schritte der Impfung noch einmal genauestens erklärt. „Hier sind auch die Impfdokumente zu finden, wie der Anamnesebogen, der bereits Zuhause in Ruhe ausgefüllt werden kann“, sagt Menke. Selbstverständlich könne dies aber auch vor Ort durchgeführt werden, wenn die Möglichkeit im Vorfeld nicht bestehe.

Der Anmeldebereich im Impfzentrum FFB.

Was die Absage von Impfterminen angehe, so könne sie auch nichts Negatives verkünden. Würden Termine abgesagt, dann würde gleich ein neuer ausgemacht. Eine Impfeinladung erfolgt in der Regel nur wenige Tage im Voraus, zudem wird der zweite Impftermin gleich mit ausgemacht. Die ausgefüllten Impfdokumente, ein Personalausweis und der Impfpass sind dann zum Termin mitzubringen. „Leider kann nur derjenige geimpft werden, der auch einen Termin bei uns hat. Oft kommen Ehepaare gemeinsam und dann müssen wir einen wieder Nachhause schicken. Wir halten uns an die Priorisierung und können daran nichts ändern, so leid es uns auch tut“, erklärt Menke.

Auch werde kein Impfstoff weggeworfen. Sollte dieser übrig bleiben, gehen die Mitarbeiter des BRK die Datenbank durch und informieren die nächste Person, die an der Reihe ist. Es werde weiterhin um Geduld gebeten, vieles liege außerhalb der Entscheidungskraft des BRK.

Claudia Becker

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