Der Ingenieur, der aus der Kälte kommt - 17mal in Rußland

Wenn der Fach-Ingenieur Horst Bauer aus Alling sein rotes Fotoalbum aufschlägt, blickt der Betrachter auf viele technische Fotos und auf ernste Gesichter: „Russen schauen ernst, wenn sie fotografiert werden. Sie wollen stets seriös erscheinen.“ Von wegen Wodka-Flaschen am Arbeitsplatz: Bauer räumt energisch mit allen gängigen Vorurteilen auf. Russland ist ihm ans Herz gewachsen. Schließlich reist der Experte für Kältetechnik auch im Ruhestand noch Tausende von Kilometern durch die frühere Sowjetrepublik und konzipiert Kühlanlagen “Made in Germany“ für große Molkereien und Lebensmittelbetriebe.

Herr Bauer - Wie verständigen Sie sich in Russland, wenn gerade kein Dolmetscher in der Nähe ist? Horst Bauer: Ein paar Sätze Russisch beherrsche ich inzwischen, aber als Ingenieur habe ich bei der Verständigung sowieso wenig Probleme: Zur Not zeichne ich auf der Baustelle Rohrführungen, Bohrungen und Fundamente mit Kreide an. Außerdem versteht man überall auf der Welt technische Zeichnungen. Russen sind zwar beim Erstkontakt eher zurückhaltend , in der Zusammenarbeit jedoch sehr kooperativ. So hat die ganze Belegschaft einmal abends geduldig gewartet, bis alles fertig war. Keiner wollte vor mir nach Hause gehen. Wie entsteht Kälte und wo findet Kältetechnik Anwendung? Horst Bauer: In Brauereien, Molkereien, Schlachthöfen, Chemiebetrieben, kerntechnologischer Forschung und Entwicklung usw. In unserem Fall ist es eine große russische Molkerei im Ural, in der eine Kälteanlage mit ca. 1600 KW Leistung arbeitet. Das sind Kälteleistungen von ca. 16.000 Haushaltskühlschränken mittlerer Größe. Es werden ca. 250 m_/h Eiswasser umgepumpt zur Beaufschlagung von Wärmetauschern, isolierte gekühlte Edelstahl-Milchtanks mit außen von 20 – 40.000 l - alle Pumpen und Leitungen in Edelstahl – der Milch wird durch Eiswasser die Wärme entzogen. Diese Wärme nimmt über einen Wärmetauscher ein tiefsiedendes Kältegas auf. Ein Kompressor saugt das warme Gas an und verdichtet es. In einem weiteren Wärmetauscher wird das Gas verflüssigt und in den Kältewärmetauscher eingespritzt, um wieder Wärme aufzunehmen. Das ist also ein Kreisprozess. Die Abwärme des verflüssigten Gases wird über ein frostsicheres Pumpensystem mit Kühltürmen an die Umgebung abgegeben. Wir haben eine der modernsten Anlagen gebaut, bei der die Antriebsleistung der Kältekompressoren ca. 25 – 30 % besser ist als bei älteren Anlagen. Sie waren jetzt etwa 17 mal in Russland, und Sie reisen dort mit dem Auto, Flugzeug, aber auch mit dem Zug. Jeweils eine Woche halten Sie sich zu den Vorgesprächen in Russland auf, danach sind es drei bis vier Wochen inkl. Inbetriebnahme und Probebetrieb. Welche Städte haben Sie durch Ihre Arbeit kennengelernt? Horst Bauer: Moskau natürlich, Tula, Woronesch, Wladimir, Tscherepowez, Perm, Jekaterinburg, Orenburg... In Wologda - es liegt in der Nähe von St. Petersburg - haben Sie einen außergewöhnlichen alten Turm fotografiert, der zu einer alten russischen Klosteranlage gehört. Horst Bauer: Der Turm ist so gebaut, dass in früheren Zeiten die Reiter, d.h. die Privilegierten auf dem Pferd bis zur Spitze hinaufreiten konnten. Wie leben Russen auf dem flachen Lande? Auch in Russland ist die Wirtschaftskrise angekommen, hört man. Menschen in Russland, die nicht zu den Top-Verdienern gehören, müssen derzeit mehrere Berufe parallel ausüben, um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können. Horst Bauer: Der Familienzusammenhalt erscheint mir besser als im Westen, hier liegt die Stärke der Russen. In Russland achtet man auf die Kleidung und man stellt sich seriös dar: Manchmal besuche ich den russisch-orthodoxen Gottesdienst, der sich stundenlang hinzieht. Die Menschen sind tief religiös, man sieht viele gläubige Frauen in ihren Sonntagskleidern mit Häubchen und adrett gekleidete Mädchen in Rüschenkleidern, und die Männer kommen im Anzug. Die Russen, die ich getroffen habe, waren sehr gastfreundlich. Einmal hat man uns von der Straße weg eingeladen und mitgenommen zu einem sehr köstlichen Picknick am See, und alle waren lustig, und später sind wir noch Schwimmen gegangen. Man wollte mir Russland zeigen, wo es am schönsten ist, und das war es auch. Wenn wir Fotos machen, sagen wir "Cheese", und alle sollen lächeln und strahlen. Die Russen dagegen schauen ernst. Horst Bauer: Aber nur auf Fotos, denn sie wollen „seriös“ wirken. In Wirklichkeit sind sie sehr fröhliche, humorvolle Menschen. Ich habe sie auch als sehr aufmerksam und hilfsbereit kennengelernt. Zum Bespiel lagen morgens immer einige Äpfel auf meinem Schreibtisch, da ich mal erwähnte, dass ich gerne Äpfel esse. Ich denke, das würde mir im Westen nicht passieren. Wie erträgt man die Kälte in Rußland? Horst Bauer: Die Minusgrade im Winter - ich habe schon 35 Grad Kälte erlebt - die merkt man gar nicht, da es meistens windstill ist. Wenn es sehr kalt ist, serviert man schon am Morgen zum Frühstück eine warme Suppe. In Perm sieht man russische Häuser, die haben im Obergeschoss eine Türe, damit man - wenn es üppig geschneit hat - noch das Haus verlassen kann. Die Fernstraßen sind im übrigen in einem relativ gutem Zustand, die Zubringerstraßen auch, aber auf Nebenwegen braucht man unbedingt robustes Schuhwerk. Wie funktioniert die Lebensmittelversorgung, und was schätzen Sie an der russischen Küche? Horst Bauer: Auch in Kleinstädten und auf dem flachen Land gibt es flächendeckend mittelgroße Lebensmittelmärkte mit einem sehr breiten Sortiment und natürlich Wochenmärkte, wo die Kleinbauern ihre Produkte anbieten. Natürlich versorgen sich die Leute auf dem Land auch weitgehend selbst mit ein, zwei Kühen und selbstgezogenem Gemüse und Obst. Was Molkereiprodukte angeht, so findet man Joghurt und Käse in allen Variationen und vor allem die Sauermilch. Eine variantenreiche Borschtschsuppe ist Grundnahrungsmittel. In der gehobenen Küche verwendet man auch z.B. Rinderfilet, hauchdünn geschnitten mit kleingehacktem Gemüse und Bratkartoffeln in kleinen Würfelchen. Man trinkt viel Tee und Kaffee, und bei besonderen Anlässen gibt es Wodka für alle. Stört es Russen, wenn man über den 2. Weltkrieg spricht? Horst Bauer: Nein, im Gegenteil, das wünschen sie sich ausdrücklich. Und wenn man in der nasskalten Jahreszeit auf matschigen Fußwegen in diesem riesigen Land unterwegs ist, dann sieht man, wie größenwahnsinnig der deutsche Russlandfeldzug war. In Russland studieren auch viele Frauen Ingenieurwissenschaften? Horst Bauer: Die Frauen in der Wirtschaft haben eine hohe technische Qualifikation. Manche Akademiker/innen, sind unterfordert, weil sie nicht die passenden Stellen bekommen. Ich habe auch schon hochqualifizierte Wissenschaftlerinnen getroffen, die wegen der Pflege ihrer alten Mutter sich mit einer Laboranten-Tätigkeit zufrieden geben. Russische Familien kümmern sich um ihre alten Verwandten? Horst Bauer: Ja, alte und junge Menschen leben im Familienverband zusammen, das habe ich immer wieder erlebt. Der Zusammenhalt zwischen Jung und Alt ist groß, Altenheime gibt es wenige - zumindest nicht in Kleinstädten und auf dem Land. Was schätzen Russen an den Deutschen und vor allem an deutscher Technik? Das gute Know-how, die detaillierten Planungen und Vorarbeiten, die technisch einwandfreie Ausführung der Anlagen. Man wird als Partner und Freund empfangen, mit diesem gegenseitigen Respekt werden gute Ergebnisse erzielt.

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