Ein Iraker in Israel - Israelitische Kultusgemeinde lud zur Lesung ein

„Du willst das Feindesland besuchen, fragte mich ein irakischer Freund ungläubig, als ich ihm mitteilte, nach Israel zu reisen“, mit diesen Worten eröffnete der irakische Schriftsteller Najem Wali seine Lesung im Hubert-Burda-Saal des Jüdischen Zentrums in München. Der 1956 in Basra geborene Autor berichtete auf Einladung der israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern von seinen Reiseerlebnissen, die er in einem Buch „Reise in das Herz des Feindes - Ein Iraker in Israel“ niedergeschrieben hat. Wali, der in Bagdad deutsche Literatur studierte, wurde 1980 als „politisch Andersdenkender“ und Kriegsgegner inhaftiert und gefoltert.

Kurz nach Ausbruch des Irak/Iran Krieges floh Wali vor Saddam Hussein nach Deutschland. An der Universität Hamburg setzte er sein Studium im Fach Germanistik fort, schloss es ab und studierte ab 1987 in Madrid spanische Literatur. 1990 kehrte er nach Hamburg zurück, und nach weiteren Studienaufenthalten in Oxford und Florenz ließ sich Wali als freier Journalist und Autor in Berlin nieder. Wali, der regelmäßig für verschiedene deutsche Zeitungen schreibt, ist auch Kulturkorrespondent der bedeutendsten arabischen Tageszeitung „Al Hayat“. „Wenn ich meine Familie mit der Reise verärgert hätte, hätte ich sie nie angetreten“, beantwortete Wali die Frage eines Zuhörers am Ende der Veranstaltung. Doch der Kommentar seines Vaters lautete nur: „Du überrascht mich immer wieder“. Israel – das ist nämlich für die arabischen Staaten seit der Ausrufung des Staates Israel im Jahre 1948 der Feind „Nummer eins“. Als ketzerisch gilt, wer andere Ansichten vertritt oder gar ins „Land des Feindes“ reist, um von ihm zu lernen. Dennoch wagte Wali es, dieses Tabu zu brechen. Durch den Ausspruch des französischen Schriftstellers Jean-Paul Sartre „Lerne erst den anderen kennen, bevor du dir eine Meinung über ihn bildest“ und dem Aufruf des Philosophen bei seinem Besuch in Israel 1967, die arabischen und israelischen Intellektuellen sollten sich an einen Tisch zusammensetzen und mit einander sprechen, fühlte sich Wali bereits in jungen Jahren aufgerufen, der Aufforderung nachzukommen. Sartre war es letztlich, der Walis Neugier in die Richtung lenkte: mit dem anderen, dem „Andersartigen“ zu reden. Aber auch durch ein persönliches Erlebnis wurde Wali zu der Reise und letztlich dazu motiviert, das Buch zu schreiben. Wali erzählte von dem jüdischen Arzt Dawud Gabby, der ihm das Leben gerettet hatte, als er als Kind versehentlich Kerosin getrunken hatte und ins Koma gefallen war. Nachdem er den Arzt aus den Augen verloren hatte, glaubte er, ihn in Israel wiederzufinden. Um eine Woche kam Wali zu spät. Sein Lebensretter hatte die Augen für immer geschlossen. Ihm widmete Wali sein Buch. Immer wieder stellte der Iraker bei seiner Reise überraschende Gemeinsamkeiten zwischen seiner Heimat und dem jüdischen Staat fest, die ihn letztlich zu dem Schluss kommen ließen, dass es sich um reine Propaganda der arabischen Regime handelt, wenn der Name des Landes nie ohne das Attribut „Feind“ erwähnt wurde. Wali ist deshalb überzeugt, dass diese Länder damit nur von ihren eigenen Demokratiedefiziten ablenken wollen. Dass in Wahrheit die Gemeinsamkeiten viel größer sind, als die Unterschiede, das belegte Wali immer wieder mit Geschichten aus seinem Buch. So erzählt er beispielsweise über das harmonische Zusammenleben der Religionen in Haifa, wo sich unter dem Motto „Haifa fährt anders“ der Bürgermeister für ein „Miteinander der verschiedenen Bevölkerungsgruppen mit gegenseitiger Rücksichtnahme“ einsetzt. Oder die Erzählung über „Schweine im Dienst des Friedens“ aus dem Kibbuz Mizra. Dort funktioniere seit Jahrzehnten eine arabisch-israelische Wirtschaftskooperation durch Schweinezucht und Wurstherstellung. Erstaunlich, welche Rolle wirtschaftliche Interessen bei der Annäherung von Gesellschaften spielen“ meinte Wali dazu. „Dank sei dem Schwein, das in dieser Region mehr zum Frieden beigetragen hat, als alle Politiker zusammen.“ Mit seinem Buch hat Wali als Araber einen Schritt gewagt, der ihm letztlich wohl mehr Feinde als Freunde beschert hat. Der Iraker berichtete zwar, dass er viele neue Freunde gewonnen hätte. Das seien in erster Linie die Menschen, die den Meinungsaustausch zwischen Juden, Muslimen und Christen suchten und ihm Mut und Anerkennung spendeten. Seine Gegner allerdings nennen ihn gar einen Verschwörer. Er habe sogar viele Drohungen per Email erhalten, berichtete Wali, die er an das Landeskriminalamt weitergeleitet habe.

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