Iran: Die Frauen gehen voran - Interview mit dem geflüchteten Regisseur Darioush Shirvani

Darioush Shirvani, iranischer Künstler im Exil, kämpft gegen das Teheraner Regime. Sein erster Kinofilm in Deutschland heißt „Schattenmenschen". In diesem Film zeigt er, wie Moslems, Juden und Christen miteinander auskommen. In einem ausführlichen Interview antwortete der Regisseur und Musiker zur Lage im Iran und zu seinem Film, der gerade in Olching den letzten Feinschliff erhält.

Herr Shirvani, als Sie hierher kamen, haben Sie zuerst den Stoff "Asyl" gewählt. Was hat Sie dazu inspiriert? Video der Demo gegen das Mullah-Regime in MünchenQuicktime 640x360 18MB |MP4 360x180 10MBDarioush Shirvani: Ich war sehr betroffen, wie man hier als Asylbewerber behandelt wird. Immer wenn es kurz vor der Wahl war, haben Politiker das Thema für sich ausgenutzt, um Stimmen zu bekommen. Nach der Wahl war wieder alles ruhig. Und da habe ich eine Dokumentation gemacht mit dem Titel "Die menschliche Situation". Die menschliche Situation zeigt die Lage dieser Menschen vor allem in Bayern. Warum in Bayern? Darioush Shirvani: Ich glaube, dass die Asylbewerber in Bayern besonders hart behandelt wurden. Können Sie sich einen Grund vorstellen? Ängste? Darioush Shirvani: Natürlich Ängste. Dieser Flüchtlingsstrom war auch unaufhaltsam. Im Iran, wegen der islamischen Regierung, mussten sehr viele Menschen fliehen. Niemand verlässt seine Heimat freiwillig. Die haben auch große Angst gehabt, jeder Mensch hat ein Recht zu leben. Im Iran sind mehrere tausend Menschen hingerichtet worden... und gefoltert worden... Darioush Shirvani: …sehr bestialisch. In iranischen Gefängnissen werden junge Männer und Frauen vergewaltigt, systematisch vergewaltigt. Auf offener Straße werden Menschen abgeschossen, nur weil sie ein bisschen mehr Freiheit wollen. Sie mussten gehen, weil Sie eine Mauer gefilmt haben, worauf "Wasser" stand... Der Trailer des Kinofilms "Schattenmenschen", neuestesWerk von Exil-Regisseur Darioush ShrirvaniMP4 640x360 10MB | MP4 360x180 8MBDarioush Shirvani: Nicht nur deswegen. Wir haben eine Szene in einem Slumviertel in Shiraz gedreht. Auf der Wand stand "Wasser", das haben Kinder geschrieben. In diesem Viertel gab´s kein Leitungswasser. In diesem Viertel zu drehen, war sowieso nicht erlaubt, als sie uns dort gesehen haben, haben sie die Dreharbeiten verboten. Und mich haben sie festgenommen. Damals wollten wir auf die Armut in diesem Viertel aufmerksam machen, und das galt als kontrarevolutionär. Wie sind Sie dann nach Pakistan gelangt? Darioush Shirvani: Ich bin illegal aus dem Iran nach Pakistan eingereist. Es war sehr schwierig. Warum haben Sie sich für Deutschland entschieden? Darioush Shirvani: Das war eher ein Zufall, eigentlich wollte ich nach Kanada. Im Film „Schattenmenschen“ beschreiben Sie einen 70jährigen ehemaligen Professor, der eine Schwäche für eine Prostituierte hat. Warum haben Sie eine solche Konstellation gewählt? Darioush Shirvani: Weil sie interessant ist. Die Menschen, die hier im Schatten stehen, sind Obdachlose und Prostituierte, Leute die kein Glück hatten in ihrem Leben. Der 70jährige ehemalige Professor hat sein bürgerliches Leben verlassen und sich von der Gesellschaft abgewendet. Er hat eine platonische Liebesbeziehung zu einer jungen Prostituierten, Isabel, und versucht, einen Weg für Isabel zu finden. In diesem Film gibt es einen Clan. Dieser Clan besteht aus einem jüdischen Einwanderer aus Russland, einem iranischen Schauspieler, einem Asylbewerber. Dann gibt es eine deutsche Frau, die bettelt, später kommt noch ein tschechischer Musiker dazu. Für mich war spannend zu zeigen, wie man aus verschiedenen Kulturen kommen kann – aber man ist trotzdem in einem Boot. Sie können sich sehr gut vorstellen, mit anderen Religionen zusammen zu leben... Darioush Shirvani: Im Iran war ich in einer Musikschule, diese wurde von einem jüdischen Musiker geleitet. Latif Neman war mein Meister. Ich habe sehr gute Verbindungen zu jüdischen Familien gehabt in Shiraz, auch durch meine jüdischen Lehrer. Ich bin auch mit Christen zusammen gewesen, mit Anhängern von Zarathustra, einer alten iranischen Religion, und natürlich mit Moslems. Es war nicht so, dass wir die Menschen nach ihrer Religion trennen, dass wir nichts miteinander zu tun haben wollen. Ich habe das Glück gehabt, dass ich auch andere Kulturen und Religionen in meinem Heimatland Iran kennen lernen konnte. Wie schätzen Sie den Stand der nuklearen Entwicklungen ein? Darioush Shirvani: Iran braucht gar keine Atomkraft, sie ist sowieso veraltet, erneuerbare Energien wären besser und billiger. Das Land ist zudem reich an Erdöl und Gas. Wir brauchen weder Atom, noch die islamische Regierung - aber auch keinen Krieg von außen. Der würde nur die Regierung stärken. Ist das Atomprogramm also ein Prestige-Objekt für die Mullahs? Darioush Shirvani: Die islamische Regierung will ein bisschen Angst verbreiten und sich als Quasi-Großmacht darstellen. Sie wollen Macht gewinnen. Iran nutzt Israel als ein Instrument für seine Propaganda-Politik aus. Seit 30 Jahren sagt das Regime, man muss Israel von der Landkarte tilgen. Und es passiert: Nichts. Es ist schade, dass sie ein Land zum Feind machen. Die Iraner selber sehen es nicht so, sie sind ein sehr friedliches Volk. Sie haben nichts gegen Juden oder Amerikaner. Wohin entwickelt sich jetzt der Iran? Darioush Shirvani: Ich bin sehr optimistisch. Der Eiter ist geplatzt. Die Menschen trauen sich, für ihre Rechte, für ihre Freiheit zu kämpfen. Die Frauen gehen voran. Das Volk will ein demokratisches System. Ich glaube fest an die junge Bevölkerung, dass sie jetzt ihren Weg finden könnte. Aber wir müssen Opfer bringen.

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