Der Reiz des Islamismus/Jihadismus unter der Lupe muslimischer Wissenschaftler – Tagung an der Politischen Akademie Tutzing

Islamisten versprechen das Blaue vom Himmel und schüren Angst vor der Hölle

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"Generation Allah: Warum wir im Kampf gegen den religiösen Extremismus umdenken müssen."Im Oktober erscheint das neue Buch des in Berlin lebenden israelisch-arabischen Psychologen Ahmad Mansour.

Fürstenfeldbruck/Tutzing – Ein Drittel der Muslime hängen der Lebensphilosophie des „Islamismus“ an, sagte der frühere Bundeswehroffizier Dr. Said AlDailami bei der Veranstaltung der Politischen Akademie Tutzing zum Thema „Die Anziehungskraft des Islamismus – Ursachenforschung und Gegenstrategien“ am 25. Juli 2015. AlDailami war direkt aus Tunis, wo er als Projektleiter für die Hanns-Seidel-Stiftung im Maghreb arbeitet, an den Starnberger See gereist. An der Bundeswehr-Universität hat er über das „Erneuerungsdenken in der islamischen Welt“ promoviert. Der zweite Referent, der israelisch-arabische Diplom-Psychologe Ahmad Mansour, Programme Director bei der European Foundation for Democracy in Brüssel sowie Gruppenleiter des Heroes-Projekts in Berlin, betreut 150 Familien über die Beratungsstelle HAYAT, deren Söhne und Töchter nach Syrien ausgereist sind oder Gefahr laufen, radikalisiert zu werden. Mansour, der früher in Israel als junger Palästinenser beinahe radikaler Islamist geworden wäre, betonte: „Kritisches Denken ist eines der wichtigsten Momente  bei der Präventionsarbeit“.

Prof. Dr. Ursula Münch , Direktorin der Akademie für Politische Bildung Tutzing,  begrüßte zusammen mit Jutta Höcht-Stöhr, Leiterin der Evangelischen Stadtakademie München, die ihre Wurzeln in der Evangelischen Akademie Tutzing hat, die Teilnehmer und besonders die beiden Referenten. AlDailami kennt die Professorin schon aus den Zeiten, als er – im Jargon – „auf dem Panzer promovierte“. Münch sagte, lt. Verfassungsschutzbericht lebten 43 000 Islamisten in Deutschland. Zwar sei man hierzulande von schweren Anschlägen weitgehend verschont geblieben,  andererseits  habe man auch schon Großveranstaltungen absagen müssen. Man müsse über die Zuwanderung diskutieren. Wie geht man die Flüchtlings-Situation an? Die Diskussion werde emotional geführt. Aufgabe der politischen Bildung sei es, die Diskussion zu versachlichen. "Politische Bildung darf keine Feuerwehr-Funktion haben, politische Bildung muss kontinuierlich stattfinden." 

Zur Podiumsdiskussion waren gekommen: Gönül Yerli von der Islamischen Gemeinde Penzberg und Münchner Forum für Islam (MFI), Yasemin Oguz, Tochter deutsch-türkischer Eltern, Studentin der Politikwissenschaften, Mitglied der Jugendplattform IDIZEM sowie Bans Bilen, in Mainz gebürtiger Vorsitzender des DITIB Landesjugendverbandes Südbayern, der bei der Podiumsdiskussion „Prävention und Aussteigerhilfe – die Rolle von Gesellschaft und Politik“ mehr Unterstützung für die zeitaufwändige ehrenamtliche Jugendarbeit forderte. Murad Torlak vertrat die Jugendabteilung des IMGM (Milli Görüs), Regionalverband Südbayern. Im Publikum saß auch der deutsche Anwalt der Islamischen Gemeinde Penzberg. Der Integrationsbeauftragte der Bayerischen Staatsregierung, Martin Neumeyer, MdL,  fehlte am Podium. 

 Im Oktober 2015 erscheint das neue Sachbuch von Ahmad Mansour „Generation Allah. Warum wir im Kampf gegen religiösen Extremismus umdenken müssen“.  Es geht nicht um den Islam, sondern um das Islam-Verständnis bestimmter radikaler Gruppierungen. Dazu gehört das, was lt. Mansour auch Katholiken von früher her kennen: die Angst-Pädagogik. Ein Gott, der bestraft. 

Rettung bedeute für manche Radikalisierten,  "für Gott zu sterben" (Märtyrer kommen in den Himmel). Der Salafismus böte Inhalte, "die bei Jugendlichen ankommen." Zum Beispiel der "Buchstabenglaube": Diese Gruppierungen zeigen dem Jugendlichen ein Islamverständnis, das es ihnen verbietet, kritische Fragen zu stellen. Salafismus böte den Jugendlichen eine superattraktive Möglichkeit, Verantwortung abzugeben: "Das darf man nicht in Frage stellen"... Das bedeute: "Blind folgen, ohne Fragen zu stellen".  

 Mit dieser Angst behafteten Ideologie sei man aufgewachsen, diese Erfahrung holt auch Mansour heute noch ein, „wenn ich krank bin oder wenn es Turbulenzen auf einem Flug gibt“. Bildung hilft hier nur scheinbar. Islamisten, die in Deutschland ihre Klientel vorwiegend aus der Mittelschicht rekrutieren, in England auch aus der Oberschicht, nutzen das gnadenlos aus – mit Videos aus der Popkultur, mit einem Rapper, der vom „Tag des Gerichtes“ singt: „Mit ihren Gesichtern werden sie ins Feuer geworfen,“ und „Weißt Du nicht, was die Engel sagen, über die Seelen, die in der Hölle schreien?“ Die Angst vor der Hölle sitzt bei manchen Muslimen tief, und Islamisten verstehen sich darauf, diese Angst zu verstärken. Mit plakativen Mitteln: Mansour präsentierte  ein Foto, das links eine Frau mit Kopftuch zeigt – sie hat Anspruch auf den Himmel, heißt es im Untertitel,  und rechts von ihr steht eine leichtbekleidete Frau, ihr droht die  Hölle. Und was sich in jenen Gesellschaften  außerdem  hartnäckig hält,  sind  jene hanebüchenen  Verschwörungstheorien, die meist Israel und die USA zum Inhalt haben und von 9/11 bis zur Entstehung des IS  Erklärungen anböten.  

Meist sind es die Mütter, die bei der Beratungsstelle HAYAT anrufen, wenn eigentlich schon alles zu spät ist. Mansour weist bei seinen wissenschaftlichen Forschungen nach, dass es nur ein Zwei-Jahres-Zeit-Fenster gibt, um junge Menschen auf dem Weg zur Radikalisierung und damit auf dem Weg zur Ausreise in die Nahost-Krisengebiete aufzuhalten. Über die Ursachen sagt der Psychologe: Die meisten Betroffenen – das gilt auch für Rechts- oder Linksextremismus – stammen aus einem Elternhaus, wo der Vater fehlt oder seine Rolle als Vater nicht ausfüllt. Es geht jedoch um Jugendliche, die nicht nur formal integriert sind, sondern vollständig.  

Warum ist der Salafismus attraktiv für Jugendliche? Die Frage wurde bei der Veranstaltung an der Politischen Akademie Tutzing erörtert. 

Gefährdet seien Jugendliche, die in patriarchalischen Verhältnissen aufwachsen, Mädchen, die um 18 Uhr zu Hause sein müssen, über die die männlichen Mitglieder der Familie bestimmen, Familien, wo die Sexualität tabuisiert wird, in der der Kontakt zum anderen Geschlecht unterbunden wird,  wo der eigene Körper ein Tabu ist, man in einer Opferrolle mit Feindbild verharrt,  wo antisemitisches Gedankengut vermittelt wird,  solche junge Menschen, weiß Mansour aus seiner Beratungstätigkeit bei HAYAT,  seien ein leichtes Opfer für Salafisten: Diese bräuchten nur ihren Kescher hineinzuhalten, bildlich gesprochen, um jede  Menge bereitwilliger Leute zu rekrutieren. 

Junge Mädchen aus patriarchalisch geprägten  Familien, seien  von der Aussicht auf eine schnelle Heirat mit einem „Sexy-Kämpfer“ fasziniert. Mansour: „Das geht in drei Tagen, während es sonst lange dauert, bis der richtige Ehemann gefunden ist und man eine Hochzeit ausrichten kann." Das seien junge  Frauen, die diesen Schritt  als Befreiung erleben. Zuhause wurde ihre Kleidung kontrolliert, es wurden ihnen Schulausflüge und der Schwimmunterricht verboten, der Bruder und der Vater bestimmten über sie. Jetzt können sie mit ihren Männern in Syrien den Islam ausleben. Vorher bekommen sie nur Bilder aus der heilen Welt zu sehen: Kinderspielplätze, Familien, die scheinbar ein normales Leben führen, die anscheinend nach Syrien gekommen sind, um ein islamisches Leben zu führen. Niemand bereitet die jungen Mädchen und Kämpfer auf die grausame Realität vor: Zerstörte Häuser, Hinrichtungen,  Willkür, Gewalt, Tod. 

 Man rekrutiert im Internet, in sozialen Netzwerken.  Die Salafisten reden der Zielperson ein, sie solle sich von Vater, Bruder, Mutter emanzipieren . Schuldgefühle kommen somit nicht auf – man fühle sich als Welt-Retter. Die Verteilung des Koran hält Mansour für vertretbar. Das Problem dabei ist: „Die, die diese Missionierung betreiben, sind die Radikalen“. Ein Drittel der jungen Menschen, die nach Syrien ausreisen, waren vorher im sog. „LIES“-Projekt aktiv. Und was Prof. Münch schon in ihrer Begrüßung angedeutet hatte, die Sorge der Justizminister, dass das Gefängnis ein Ort der weiteren  Radikalisierung sein könnte, unterstreicht ein Video, das Mansour präsentiert: Ein Ex-Häftling wird sofort nach der Entlassung unter die Fittiche genommen – mit Propaganda-Material und dem Versprechen: „Wenn Du was brauchst, wir kümmern uns um Dich.“ Sie schlüpfen perfekt in die Rolle des Sozialarbeiters, sagt Mansour. 

Dr. Said AlDailami steuert noch ein Beispiel aus dem Jemen bei: Abdul, ein Freund aus Kindertagen, den er 20 Jahre später im Jemen wiedertraf, aus dem sein Vater, ein Politiker, mit der Familie geflohen war, trug inzwischen einen langen Bart. Er hatte sich den Islamisten angeschlossen, daraufhin ging es ihm besser. Er hatte ein Auto zur Verfügung und fuhr Taxi, er durfte  predigen. Abdul machte seinem in Deutschland lebenden Freund damals Vorhaltungen, er sei „ein Werkzeug des Westens“, es sei ein Fehler gewesen, zur Bundeswehr zu gehen. Der letzte Satz, der AlDailami in Erinnerung geblieben ist, lautete: „Wärst Du hiergeblieben, würdest Du an meiner Seite kämpfen“. Danach erreichten AlDailami Bilder aus dem Internet, in dem der Tod von Abdul bei Kampfhandlungen  bestätigt wurde.

Hedwig Spies

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