Jüdisches Leben bis 1938 in Puchheim erforscht – Jüdische Kriegsgefangene im Lager Puchheim - Ausstellung im PUC

Bei der Ausstellungseröffnung sind alle Gestalter versammelt: (v.li.) Johannes Haslauer,Historiker, Dr. Sybille Krafft, Erich Hage und Ellen Echtler. Fotos: Günter Schäftlein

In Ergänzung der bundesweiten Wanderausstellung zur 1926-38 in Wolfratshausen existierenden jüdischen „Wirtschaftlichen Frauenschule auf dem Lande“ konzipierte das Puchheimer Historienteam Ellen Echtler, Erich Hage und Johannes Haslauer lokale Zeitbilder: Zu jüdischen Kriegsgefangenen ab 1916 ebenso wie zu NS-Verbrechen und Arisierungsmaßnahmen gegenüber Puchheimer Mitbürgern und Unternehmern.

Die jetzt im PUC gezeigten beiden Ausstellungsteile haben aufgrund ihrer Qualität Interesse und Besuch verdient. Die Projektleiterin der Gruppe „jüdische Spuren in Wolfratshausen“ und Vorsitzende des dortigen Historischen Vereins, Dr. Sybille Krafft, stellte bei der Eröffnung den Ausstellungsinhalt von Teil 1 in Kurzform vor. Die Lebensdauer der noch in der Weimarer Zeit „staatlich genehmigten“ jüdischen Wirtschafts-Frauenschule über 12 Jahre bis zum 10. November 1938 (bis zur so genannten „Reichskristallnacht“) stellte angesichts des anwachsenden NS-Antisemitismus fast ein Wunder dar. Nachweislich können damit namentlich 550 Schülerinnen und Lehrerinnen aus Deutschland in einen Zusammenhang gebracht werden - auch aus insgesamt 47 bayerischen Orten, keiner davon jedoch aus dem Landkrreis FFB. Dennoch wählte man jetzt Puchheim als 33. Ausstellungsstation auf der bundesweiten Deutschlandreise seit 2007 aus. Aus den 550 vorliegenden Adressen ließ sich das Schicksal von etwa 100 Frauen rekonstruieren, mit 50 gelang eine Kontaktaufnahme. Von 29 Frauen - die Angaben beruhen auf persönliche Hinweise und die Datenbank der Jerusalemer Yad Vashem-Gedenkstätte - liegen Angaben zu ihrer Ermordung zwischen 1941 und 1945 vor, wobei die Dunkelziffer um einiges höher liegen dürfte. Zu 12 Frauen - „Die Jüngste war 84, die Älteste 99 Jahre alt.“ - kamen in Kanada, USA, England und Israel vertiefende direkte Verbindungen mit Interviews, Fotos und sonstigen Erinnerungsstücken zustande. Diese Begegnungen und Aussagen sind in einer filmischen Dokumentation festgehalten. Die Ausstellung und begleitende Publikation wurde durch die Bayerische Landeszentrale für politische Bildung ermöglicht. Die Puchheimer Ausstellung wurde durch Kulturamtsleiter Michael Kaller eröffnet, assistiert von Andrea Ritter, zuständig für die administrative Vorbereitung. Die Eröffnung begleitete musikalisch Andrea Pancur, die in der Klezmer Tanz- und Festmusik der jiddischsprachigen Juden ebenso zu Hause ist wie in der bairisch- jiddisch gemischten Intonierung von „Drunt in der grünen Au …“ Weitere Veranstaltungen: 28. Okt., 19 Uhr, Anna Andlauer: „Zurück ins Leben“, PUC, Ingeborg Bachmann-Saal, 29. Okt., 19 Uhr, Film: „Am Ende kommen Touristen“, PUC, Béla Bartok-Saal. „Jüdisches Leben im Einflussbereich Münchens“, Ausstellung in zwei Teilen, Galerie im Puchheimer Kulturcentrum PUC, Oskar-Maria-Graf-Straße 2, bis 31. Okt. 2011, Öffnungszeiten: Mo/Di/Do/Fr 8-12 Uhr, Di 14-16, Do 14-18 Uhr. Teil 2 der Ausstellungsobjekte befasst sich mit lokalen Puchheimer Ereignissen. VHS-Vorsitzender Erich Hage, langjähriger Leiter des Brucker Viscardi-Gymnasiums und bereits maßgeblich an der Forschung zu der Puchheimer Flugfeld-Historie beteiligt, recherchierte über jüdische Gefangene im Puchheimer Lager 1914-18. Das ab dem Oktober 1914 auf dem stillgelegten Flugfeld eingerichtete Kriegsgefangenenlager wurde für rund 16.000 Gefangene und 1.400 Wachsoldaten angelegt. In den nachfolgenden Jahren belegt von russischen und französischen Soldaten, die unterschiedlichen Konfessionen angehörten, z.T. auch jüdischen Glaubens. Mit Kriegsende am 11. Nov. 1918 begann die Auflösung des Lagers, die 1919 weitgehend abgeschlossen war. Die auf dem Lagergelände vorhandene Kapelle für orthodoxe und katholische Gottesdienste erwies sich als zu klein und wurde durch eine größere Baracke ersetzt. Für die 1916 registrierten über 200 Gefangenen jüdischen Glaubens stellte man an deren offiziellen Feiertagen - die arbeitsfrei waren - eine Art Synagogenbaracke zur Verfügung. Sie wurden vom aus München angereisten Rabbiner Dr. Mose Cossmann Werner, geb. 1854 und 1917 mit dem Titel „Kgl. Bayer. Professor“ ausgezeichnet, betreut. Gegenüber den Gefangenen eine erstaunliche Großzügigkeit, auch in der Nahrungsversorgung - und offensichtlich basierend auf die in der Genfer Konvention von 1864 festgelegten Regeln für Kriegsgefangene. Kein Vergleich mit den z.T. unmenschlichen Hunger- und Todeslagern für Kriegsgefangene im 2. Weltkrieg. Die langjährige Viscardi-Kollegin von Erich Hage für Geschichte und Französisch, Ellen Echtler, befasste sich mit dem aus Böhmen stammenden, 1866 geborenen Kaufmann und späteren Puchheimer Bürger Josef Bäuml. Er hatte 1905-07 mit einem Teilhaber zu Dreiviertel die Fischzucht „Gröben“ (Gröbernbach und einfließende Bäche) zwischen Gröbenzell und Puchheim erworben, 1908 ein Wohnhaus mit Stall und Eiskeller errichtet und 1912 den benachbarten Gröbenthalerhof erworben: Letzteres nach Aussage von Zeitzeugen zum Anbau von Kraftfutter , Weiden und Binsen (für Korbmacher). In erster Linie belieferte er aber den Raum München mit Forellen per Bahnversand. Ab 1927 war Bäuml Alleineigentümer, verstarb unverheiratet im Mai 1938 und hinterließ seinen Gesamtbesitz sieben Geschwistern und deren Kindern. Der Testamentvollstrecker Dr. Michael Siegel hatte Monate zuvor die Schmach erleiden müssen, nach einer Anzeige bei der Polizei und von SA-Truppen begleitet mit einem Schild um den Hals „Ich werde mich nicht mehr bei der Polizei beschweren!“ durch München laufen zu müssen. Zwischen 1938 und 1942 wurde der Bäuml-Besitz komplett arisiert und einer Weidegenossenschaft angedient, ein mehrfach durch den NS-Staat reduzierter Betrag in Reichsmark nach Böhmen überwiesen, über den die Familie jedoch nicht frei verfügen konnte. Drei überlebende Neffen, Söhne des bereits 1929 verstorbenen, ehemaligen Leiters der Nymphenburger Porzellanmanufaktur Albert Bäuml, beantragten 1948 bei der Wiedergutmachungsbehörde die Rückgabe des Besitzes, was gerichtlich 1954 als „keine schwere Entziehung und bereits bezahlt“ abgelehnt wurde. Erst 1958 konnte man mit der Weidegenossenschaft als Rechtsnachfolgerin in der NS-Zeit einen finanziellen Vergleich für den „entzogenen langjährigen Familienbesitz“ schließen. Der Historiker Johannes Haslauer beschäftigte sich mit dem späteren Kaufmann, Fabrikdirektor u. Bauernrat Julius Einhorn (1866-1929), geboren im schwäbischen Butterwiesen mit einer jüdischen Gemeinde seit dem 16. Jh. Über Aubing und der dortigen Gründung einer Landwirtschaftlich-chemischen Fabrik 1894 kam Einhorn 1897 zur Gründung der „Hausmüllverwertung München GmbH“, die in Puchheim eine Fabrikanlage zur Verwertung der Münchner Abfälle errichtete, die 1898 in den teilweise automatisierten Betrieb ging. 1907 erwarb man von Krauss eine Schmalspur-Dampflokomotive für die Feldbahnanlage. Nicht verwertbare Abfallreste wurden auf Deponieflächen im Puchheimer Moor abgelagert, die landwirtschaftlich genutzt wurden. 1907 besichtigte auch der spätere König Ludwig III. die Hausmüllverwertung. 1918 wurde Julius Einhorn infolge der Revolutionsereignisse in Bruck zum Bezirksbauernrat gewählt. 1923 gab Einhorn das Gutswohnhaus in Auftrag, das bis heute als „Gut Harbeck“ besteht. Er engagierte sich für die entstehende Fabriksiedlung am Bf Puchheim, betrieb das Bahnhofsrestaurant als sozialen Treffpunkt, schenkte den Grund zum Bau der kath. Kirche St. Josef her. Julius Einhorn war vielfach auf gesellschaftlichen Ebenen tätig: Die Bayer. Staatsregierung verlieh ihm 1924 den Ehrentitel eines Kommerzienrates. Er starb 1929 und wurde auf dem jüdischen Friedhof in München bestattet, sein Grabstein im Dritten Reich zerstört. Seine Ehefrau Ida wurde aus einem Münchner Altersheim 1942 ins polnische Ghetto Piaski verschleppt und ermordet. Der 1902 geborenen Tochter gelang die Emigration nach Palästina und später nach New York.

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