Landrat Thomas Karmasin und Bundesminister Dr. Gerd Müller unterstützen das Projekt "Santé pour tous" - Gesundheit für alle in Togo

Das Krankenhaus zu den Menschen bringen 

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Tausenden von Togoern  auf dem Land wollen Dr. Kodom und seine Facharztkollegen aus Lomé mit Unterstützung des Landkreises FFB zu einer medizischen Behandlung verhelfen.

Maisach – Eine Malaria-Infektion brachte Margret Kopp, Vorsitzende der PiT-Togohilfe Maisach im September 2014 in Lomé in Kontakt mit dem Facharzt für Infektiologie Dr. Serge Michel N. Kodom, Präsident und Gründer der NGO Aimes-Afrique. Dadurch ist eine neue Gesundheits-Mission auf den Weg gebracht worden, die Signalwirkung für ganz Togo haben dürfte.

Dr. Serge Michel N. Kodom, Spezialist für Infektionskrankheiten und Präsident und Begründer von Aimes-Afrique hat schon viele  Kinder  und Erwachsene unentgeltlich behandelt.

Der Mediziner hatte zwar schon früher versucht, mit der Vorsitzenden der PiT-Togohilfe ins Gespräch zu kommen. Aber Margret Kopp, die in Togo von Projekt zu Projekt eilt, hatte nie Zeit. “Im Krankenbett konnte ich nicht davonlaufen,” erzählte die ehemalige Französisch-Lehrerin schmunzelnd. Und im täglichen Arzt-Patientengespräch entwickelte sich so der Plan für ein neues Gesundheitsprojekt, das nicht nur  der Fürstenfeldbrucker Landrat Thomas Karmasin als Schirmherr unterstützt, sondern auch Bundesminister Dr. Gerd Müller. 

Dr. Kodom, er hat in Lomé und in Paris studiert, ist ein hochspezialisierter Arzt, der jedoch mit seiner Familie in Togo bleiben will. “Jeder 2. Mediziner verlässt das Land,” berichtet Margret Kopp. Auch Dr. Kodom - er ist seit 2013 bei der UNO akkreditiert - hatte schon berufliche Angebote aus Frankreich, aber er will bewusst seinen Landsleuten beim Aufbau einer Gesundheitsversorgung in den fünf ländlichen Regionen des westafrikanischen Landes zur Seite stehen. 

In Togo leben rund 7 Millionen Menschen. Die Bevölkerung in ländlichen Gebieten hat keinen Zugang zu medizinischer Hilfe. Dr. Kodom: “Von den 604 Ärzten in Togo leben 420 in der Hauptstadt Lomé.” Die Spezialisten wollen nicht ins Landesinnere, wo jede Infrastruktur fehlt. Zwar hat Togo ein Drei-Säulen-System in der Medizin, das die Doktorandin Dr. Nicole Schmidt in ihrer Dissertation: „Die Entwicklung primärer Gesundheitsdienste in der Zentralregion Togos von 1992 bis 1999“ (Institut für Tropenmedizin der Universität Tübingen) beschrieben hat:  "Dabei werden drei Verwaltungsebenen unterschieden (periphere, intermediäre und zentrale Ebene). Die periphere Ebene setzt sich aus Gesundheitsposten, Gesundheitsstationen (frz. dispensaire), sozialmedizinische Zentren (frz. Centre médico-social) und präfekturale Krankenhäuser zusammen. Zur intermediären Ebene gehören die Regionalkrankenhäuser, während das zentrale Niveau auf Ausbildung am Universitätsklinikum in Lomé zuständig ist“. Inzwischen gibt es eine zweite universitäre Einrichtung in Kara.

Dr.  Kodom und PiT-Togohilfe-Vorsitzende Margret Kopp bem Besuch in der Redaktion. Auf seinem  Laptop  zeigt Dr. Kodom das  Foto einer Togoerin, die bei einer OP von ihrem 13 kg schweren Myom befreit wurde. Die PiT-Togohilfe stiftete der Frau eine Nähmaschine, und  damit begann für sie ein neues Leben als Schneiderin. 

“Aber ein Krankenhaus mit der Ausstattung wie das Klinikum in Fürstenfeldbruck gibt es in ganz Togo nicht,” bemerkte Dr. Kodom nach seinem Ebola-Fachvortrag vor ärztlichen Kollegen und Pflegekräften. Auch bei  den Zahnärzten herrscht in Togo  ein akuter Mangel: Von den 25 praktizieren 18 in der Hauptstadt Lomé. Von 166 Apotheken sind 140 in Lomé angesiedelt. Lt. den Wirtschaftsdaten von Germany Trade & Invest wurden 2012 statistisch 4,7 Geburten pro Frau registriert. Die Müttersterblichkeit sei hoch, sagt Dr. Kodom: 350 Frauen pro 100 000 Geburten. In Togo überlässt man Schwangere in ländlichen Gebieten zu lange sich selbst, im Notfall wird die werdende Mutter mit dem Moped in eine Gesundheitsstation befördert, wo es jedoch kein Fachpersonal gibt. Die Kindersterblichkeit ist noch besorgniserregender: 80 Neugeborene bei 1000 Geburten haben keine Überlebenschancen. 

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) je Einwohner in dem bitterarmen westafrikanischen Staat wurde 2013 mit 636,5 US-Dollar angegeben oder in Landeswährung FCFA 314.380 (etwa um 450 Euro), 2015: 739,5 US-Dollar. Die Ursachen für die nicht existente medizinische Versorgung außerhalb der Hauptstadt sehe man in Togo in einer krisenhaften politischen Entwicklung durch jahrelange Sanktionen, die erst vor kurzer Zeit aufgehoben worden sind. Die wenigen Angebote auf dem Gesundheitssektor im ländlichen Raum erscheinen nicht attraktiv, denn es fehle das Material und das qualifizierte medizinische Personal. So entwickelte Dr. Kodom in einer Gruppe von Gleichgesinnten ein Projekt, das bereits erfolgreich gestartet wurde: Sieben Fachärzte bringen “das Krankenhaus zu den Menschen”. Darunter ist ein Kinderarzt, ein Gynäkologe, ein HNO-Facharzt, ein Zahnarzt, ein Chirurg, ein Augenarzt und ein Arzt, der für das Labor verantwortlich ist. 

Auf eigene Kosten in ihren Privat-Pkw nehmen die Mediziner die Anreise auf holperigen, staubigen Straßen bei Temperaturen bis zu 40 Grad Hitze auf sich. Mit sich führen sie ein kleines Labor für Blut- und Urinproben. Vorher werben sie bei den Dorf-Chefs für ihr Vorhaben. In Afrika bietet sich in erster Linie als Medium das Radio an, das man auch auf dem Feld dabei hat, wie Dr. Kodom berichtet. Und das Handy. Zwar wurden 2013 erst 9 Festnetzanschlüsse pro 1000 Einwohner gezählt, jedoch immerhin bereits 625 Mobiltelefonanschlüsse pro 1000 Einwohner.   Das Internet ist mit 45 Nutzern pro 1000 Einwohner ( Quelle: Trade & Invest) noch wenig verbreitet. 

Auch dieser Patientin konnte Dr. Kodom durch eine unentgeltliche OP helfen.

Wenn der Termin also steht, erscheinen Hunderte von Togoern auf dem Dorfplatz. Kinder werden generell auf Infektionskrankheiten oder parasitäre Erkrankungen durchgecheckt. Es gibt nur wenige Kinder, die nicht von einer Wurm-Erkrankung befallen sind. Gefährlich ist dies auch für Schwangere wegen der damit verbundenen Anämie. Nach sorgfältiger Voruntersuchung entscheiden die Mediziner, wer in den OP-Plan aufgenommen wird. Gibt es ein Ultraschallgerät? Dr. Kodom schüttelt den Kopf. Ein Röntgengerät? Natürlich nicht. Das Wichtigste: Das Stethoskop, ein Skalpell, Transfusionen, die bei Kindern mit starker Anämie eingesetzt werden, Verbandsmaterial, Handschuhe und Mittel für die Lokal-Anästhesie und Vollnarkose (nur bei Kindern), sowie  Desinfektions-Mittel.

Warum erhalten die Erwachsenen keine Vollnarkose? Margret Kopp und Dr. Kodom erklären: “In Togo gilt man als verhext und wird ausgestoßen, wenn eine Missbildung oder eine seltene Erkrankung vorliegt. Die Erwachsenen sollen ihre OP miterleben und anderen davon berichten, damit niemand glaubt, man hätte sie “entzaubert”. 

Danach wird ein Hilfspaket mit Medikamenten und Verbandsmaterial für die Nachsorge überreicht.   Alle Patientendaten werden dokumentiert.  Jeder erhält ein Gesundheitsheft mit genauen Anleitungen für die Medikamenteneinnahme und den Verbandswechsel. Angelernte Gesundheitshelfer unterstützen die Dorfbewohner bei der Nachsorge. Bisher finanzieren die Ärzte dieses Projekt, das auf alle fünf Regionen Togos ausgeweitet werden soll, aus eigener Tasche. Bei einem einzigen Einsatz fallen Kosten von rund 15 000 Euro an, obwohl eine OP in Togo für europäische Verhältnisse sehr wenig kostet (100 Euro) und eine Behandlung rund 5 Euro. Aber 75% der Bewohner ländlicher Regionen in Togo gelten nach den Kriterien des dortigen Gesundheitsministeriums als arm. Margret Kopp: “ Pro Mission in einer Region mit 4 Landkreisen brauchen wir 60.000,- €, also pro Landkreis 15.000,- €. Daher möchte ich 4 Landkreise finden, die jeweils für einen Landkreis der Mission die Kosten aufbringen, und natürlich hoffe ich sehr, dass der Landkreis Fürstenfeldbruck das Vorbild für die anderen wird.” 

Ausländische Ärzte-Organisationen lehnten auf Anfrage eine Kooperation ab – “sie wollen nur eigene Projekte durchführen,” berichtet die PiT-Togohilfe-Vorsitzende. So hoffen die Initiatoren, dass genügend Spenden für das gemeinsame Projekt Aktion PiT Togohilfe e.V. und Aimes-Afrique eingehen. Landrat Karmasin unterstützt als Schirmherr “Santé pour tous” - “Gesundheit für alle”. Und auch der Bundesminister für Entwicklung und wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ), Dr. Gerd Müller, hat bereits bei seinem Besuch im Togo-Haus Maisach die Unterstützung seines Ministeriums zugesagt und hat den Mediziner und Margret Kopp zu einem Gespräch nach Berlin eingeladen.  “Wenn jeder Landkreisbewohner nur 10 Cent stiftet, haben wir die Summe erreicht,” sagt Margret Kopp. Und sie hofft, dass weitere Spenden den Einsatz der Gesundheitsmission auch in den übrigen Regionen Togos ermöglichen. Wenn das gelingt, will Dr. Kodom noch ein Vorhaben verwirklichen: Eine eigene Klinik für die Behandlung von Infektionskrankheiten in Lomé - mit Gesundheits-Fernsehprogramm in der Praxis und mit einer Isolierstation für Ebola-Fälle, von denen Togo bisher verschont geblieben ist.  “Dann müsste man diese Patienten nicht mehr ausfliegen,” erklärt der engagierte Mediziner. 

Hedwig  Spies

 

Aimes-Afrique ist in folgenden afrikanischen Ländern erfolgreich präsent: Togo, Benin, Burkina Faso, Elfenbeinküste, Senegal, Mali, Guinea mit Niederlassungen in Frankreich (Paris), USA, Japan 

http://aimes-afrique.aktionpit.de

https://www.youtube.com/watch?v=4bw9kd2gmvg

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