Wegen hoher Infektionszahlen

Kritik der Eltern an Wechselunterricht: Landratsamt und Schulamt melden sich zu Wort

Mädchen sitzt im Wohnzimmer mit Schreibblock, Stift und Smartphone am Laptop
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Für viele Schüler im Landkreis heißt es wieder „Homeschooling“. Das ist nicht nur für diese sondern auch für die Eltern keine leichte Situation.

Landkreis - Aals der Inzidenz-Wert 79,09 betragen hatte, also am 16. Oktober, meldete das Landratsamt, dass ab Montag darauf Stufe 3 des Rahmenhygieneplans für Schulen gilt. Diese Entscheidung stieß bei Eltern auf Kritik und sorgt heute noch für Diskussionen. Das Gesundheitsamt sowie das Schulamt erklären, warum gerade diese Maßnahme notwendig ist.

„Es wird keine Notfallbetreuung bereitgestellt, sondern nonchalant freitags entschieden, dass am Montag die Hälfte der Schüler nicht mehr in die Schule gehen dürfen“, lautet die Kritik in einem offenen Brief, den der gemeinsame Elternbeirat der Grund- und Mittelschulen in Fürstenfeldbruck an Landrat Thomas Karmasin und an Bürgermeister sendete. Denn Stufe 3 sieht vor, dass überall dort, wo der Abstand von 1,5 Metern nicht eingehalten werden kann, die Klassen oder Kita-Gruppen geteilt und Kinder abwechselnd zu Hause unterrichtet werden müssen.

Da in der Praxis der Abstand kaum umsetzbar ist, entweder aus baulichen oder personellen Gründen, haben die Kinder seit 19. Otkober in den meisten Schulen im wöchentlichen Wechsel Präsenz-Unterricht und Unterricht daheim. Nur wenige Schulen mit kleinen Klassen, wie die Mittelschule West oder die Laurenzer-Volksschule in Puchheim, haben die räumlichen Möglichkeiten, Präsenzunterricht für alle anzubieten. „Die Hilferufe der Eltern, die uns Beiräte erreichen, sind dramatisch“, schreibt der Elternbeirat in seinem Brief und betont vor allem die Situation von Eltern in systemrelevanten Berufen, welche ihre Kinder wieder vorwiegend alle zwei Wochen zu Hause betreuen müssen.

„Wir sind durch die Lage gezwungen, uns an die Vorgaben zu halten, die die Bayerische Staatsregierung nach entsprechender wissenschaftlicher Beratung macht“, schreibt Landrat Thomas Karmasin in einem Facebook-Post, nachdem ihn viele Zuschriften erreichten. „Die angeordneten Maßnahmen finden sich im Rahmenhygieneplan, der den Schulen seit Schuljahresanfang vorliegt“, betont indes Landratsamt-Pressesprecherin Ines Roellecke auf Nachfrage. Natürlich sei der genaue Tag von Einführung der Stufe 3 nicht lange im Voraus angekündigt worden, allerdings sei es aufgrund der Entwicklung absehbar gewesen, dass diese bald folge, wehrt sie sich gegen die Anschuldigungen, die Verfügung sei plötzlich und überraschend gekommen. Die Fallzahlen hätten laut Gesundheitsamt eine Dimension erreicht, in der das Kontaktpersonenmanagement an seine Grenzen stößt. Auch aus diesem Grund sei schnelles Handeln erforderlich gewesen: Sollte die Kontaktpersonenermittlung und Quarantäne nicht mehr zeitnah erfolgen können, ist eine schnellere weitere Ausbreitung des Coronavirus zu befürchten.

Schulamtsdirektorin Bettina Betz versteht die Sorge und die Unmut der Eltern – habe sie sogar kommen sehen. Der Kreisbote richtete Fragen zum größten Kritikpunkt - der fehlenden Notbetreuung - an sie.

Frau Betz, warum genau gibt es keine Notbetreuung?
Zunächst einmal steht im Rahmenhygieneplan fest, dass eine Notbetreuung nur in eingeschränktem Maß zulässig ist. Dieser Rahmenhigienplan lässt sich übrigens öffentlich im Internet nachlesen. Siehe hier. Außerdem gibt es personelle und räumliche Schwierigkeiten eine flächendeckende Notbetreuung einzurichten.

Wie sehen diese personellen Schwierigkeiten aus?
Neben dem allgemeinem Lehrermangel fehlen nun auch Lehrer, die sich selbst in Quarantäne befänden. Außerdem werden natürlich auch Lehrer einmal so krank oder werden schwanger - das passiert ja plötzlich und darauf ist das Amt nicht vorbereitet, kann also nicht schnell neue Lehrer einstellen. Lehrer mit beispielsweise 20 Wochenstunden, welche mit dem Distanz- und dem Präsenzunterricht beschäftigt sind, können außerdem nicht zusätzlich eine Notbetreuung aufrecht erhalten.

Warum hat dies jedoch nach den Pfingstferien funktioniert?
Die Notbetreuung nach Pfingsten war nur möglich, weil nur noch Hauptfächer wie Mathe, Deutsch und Englisch gelehrt wurden. Doch mittlerweile werden fast alle Fächer wieder durch genommen, weil natürlich auch ein Sportlehrer Noten für das Zeugnis machen muss.

Wie gestaltet sich das räumliche Problem?
Für eine Notbetreuung müssen Räumlichkeiten zur Verfügung stehen, bei denen ebenfalls der Mindestabstand eingehalten werden können. Außerdem müssen dort die technischen Voraussetzungen wie WLAN, PC oder Laptops gegeben sein, sodass die Schüler, die eigentlich zu Hause säßen, ihren Distanzunterricht vor Ort verfolgen können. Zusätzliche Räume sind in den meisten Schulen aber Mangelware. Genau das ist ja auch der Grund dafür, warum viele in den Wechselunterricht müssen.

Wie viel Mitspracherecht hat denn das Schulamt bei solchen Maßnahmen?
Wir werden angehört, letzter Entscheidungsträger ist jedoch das Gesundheitsamt. Das Gesundheitsamt mit dem Landratsamt teilten uns zunächst mit, dass sie vorhaben, Stufe drei aufzurufen. Ich meldete mich dann bei den Ministerial-Stellen, bei der Regierung von Oberbayern und beim Kultursministerium. Wir besprechen das und geben dann Rückmeldungen an das Gesundheitsamt. Beispielsweise hatte ich den Wunsch, wenigstens Grundschüler komplett zu beschulen, also für diese eine Ausnahme zu machen. Allerdings sah sich das Gesundheitsamt gezwungen, aufgrund der Zahlen und der schwer nachvollziehbaren Infektionsketten, keine Ausnahme zu machen.

Wie erklären Sie sich, dass Landkreise, ebenfalls mit hoher Inzidenz weiterhin bei Stufe 2 blieben?
Stufe 3 auszurufen ist eine Abwägungssache und Dilemma zugleich. Auf der einen Seite steht der Gesundheitsschutz der über der Schulpflicht steht. Denn der Landkreis ist verpflichtet, Kinder in Schulen vor Krankheiten zu schützen. Sollte dies passieren, könne man der Behörde vorwerfen, grob fahrlässig gehandelt zu haben. Auf der anderen Seite steht natürlich der Schrei nach Bildung. Gerade Grundschüler, die erst ein paar Wochen in der Schule waren, entwöhnen sich schnell. Landkreise, die also bei Stufe 2 blieben, haben das für sich so beschlossen, abzuwarten und das Risiko einzugehen, aber dann auch mit den Konsequenzen zu leben. Dass das alles nicht günstig ist, sind wir uns alle einig.

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