Kuba aus der Sicht von zwei Frauen im Bürgerhaus Gröbenzell - Zwischen Abgrund und Idylle

Man kann sich von der Bewunderung gegenüber den Menschen und ihrem von Mangel geprägten Leben in Kuba anstecken lassen. Dennoch: Wie es Sabine Thier 2008 fotografierte und Cornelia von Schelling in ihrem Buch „Die Frauen von Havanna“ (mit den Fotos von Ann-Christine Wöhrl) 2001 beschrieben hat, bleibt es ein Desaster zwischen allen denkbaren besseren Welten. Sabine Thier hat schonungslos ihre Kamera hingehalten, wenn ihr etwas brüchig oder charmant-morbide erschien. Sie tat es bei ihren Erkundungsgängen durch die Kleinigkeiten des kubanischen Lebens und genauso in den Großaufnahmen von zerfallenden Wohnsilos, die sie aus sicherem Abstand von ihrem besseren Hotel aus im Bild festhielt.

Momentaufnahmen im Detail, die soviel aussagen: Egal, ob es sich dabei um ein verrostetes Fenstergitter oder einen total zerfledderten Schaukelstuhl handelt, der hölzerne Handlauf zu einer Eingangstreppe unaufhaltsam zerbröselt oder Blumentöpfe in einer verrotteten Wohnanlage dahingammeln. Bei aller Tristheit ist es wie ein Lichtstrahl, wenn Sabine Thier zwischendrin einen Rest Farbe aufblitzen lässt: Auch diese kleine Botschaft ist noch Kuba, ist Lust am Leben. Brigitte Böttger charakterisierte Sabine Thier und damit ihre Fotoausstellung „als noch sehr jung und unbefangen … Da weiß man, wie man sich selbst einzuschätzen hat: Ich könnte ihre Mama sein …“ Die Kulturreferentin zeigte sich beeindruckt von der Akribie der Bildgestalterin, die erst seit vier Jahren so ausschließlich fotografiert. „Man sieht und hört bei ihren Bildern die Stille.“ Die zweite Kuba-Kennerin bei der Ausstellungseröffnung im Gröbenzeller Bürgerhaus bezeichnete Frau Böttger als „promovierte Amerikanistin“: Die Autorin Cornelia v. Schelling, aufgewachsen in Brasilien und Kolumbien, hat bereits 2001 mit der Fotografin Ann-Christine Wöhrl das Leben und Schicksal von 14 Frauen in Havanna ungeschminkt geschildert. Es sind 14 außergewöhnliche Lebensberichte über den kubanischen Alltags-Kampf, aus denen die Autorin bei der Vernissage aus drei Kapiteln vorlas. Ihr Respekt gilt darin den Frauen. „Die kubanischen Frauen haben die Fähigkeit zum Improvisieren bis zur Perfektion entwickelt.“ Man muß sich eben etwas einfallen lassen, selbst den schwierigen, chaotischen, unberechenbaren Alltag von Havanna unter zwei Millionen Menschen zu meistern versuchen. „Wir haben auch erlebt, was die Frauen dem ständigen Mangel entgegensetzen: Grenzenlosen Einfallsreichtum, Humor und unbändige Lebenslust, Musik, Tanz und Sinneslust, die unerschöpfliche Liebe zu ihren Kindern, Verwandten und Freunden …“ Bei ihren Recherchen wurde das Buch-Team v. Schelling/Wöhrle von ‚Miriam’ begleitet, die noch zu DDR-Zeiten Deutsch gelernt hatte. Sie war als Verbindungsfrau zu den besuchten Frauen und Gesprächen unverzichtbar, denn „kubanische Probleme können sonst unlösbar sein.“ Eine wichtige Erkenntnis ist, dass Ausländer für Kubaner das Fenster zur großen, weiten Welt sind. Der Besuch bei Debora, der einstigen Revolutionärin, hat deren Erinnerung an die Zeit revolutionärer Großtaten verklärt. „Wir haben der Masse ihre Würde zurückgegeben. Wir haben heute weniger Analphabeten als die Amerikaner. 40% unserer Frauen sind berufstätig, mehr als in Deutschland. Sie haben 28 Wochen Schwangerschaftsurlaub und für jedes Kind gibt es einen kostenlosen Kindergartenplatz.“ Debora hat ein Foto von „Che“, es wurde von ihm signiert. „Für Strom, Wasser und Gas zahlen wir gerade mal einen Dollar im Monat. Und Ihr?!“ Debora ist bitterarm. Aber ihre Illusionen bewahrt sie sich. „Es lohnt sich, für die Revolution weiter zu kämpfen, auch wenn Fidel nicht mehr ist.“ „Kubanische Stillleben“, Ausstellung von Sabine Thier bis zum 7. Februar 2010 in der Bürgerhaus-Galerie Gröbenzell, Rathausstraße 1. Öffnungszeiten: Di, Do u. Fr 10-12, 16-20 Uhr. Sa 14-17, So 11-17 Uhr.

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