Kündigung auf Eigenbedarf: Germeringer Familie steht kurz vor der Obdachlosigkeit

"Ich kämpfe für meine Frau und Kinder"

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Norbert Leschnik mit seinen beiden Töchtern und seiner Frau im Hof ihrer Wohnanlage.

Norbert Leschnik und seine Familie teilen dasselbe Schicksal wie viele andere in Deutschland. Über 3,2 Millionen Deutsche haben im Jahr 2017 eine Bedarfsgemeinschaft angemeldet – Sozialhilfe, Hartz IV, Arbeitslosengeld, diese Begriffe springen einen dabei regelrecht an, insbesondere Vermieter im Münchner Speckgürtel. Die Wohnungsnot zwingt die vierköpfige Familie – wenn nicht noch ein Wunder geschieht – auf die Straße. Nach den Strapazen einer Risikoschwangerschaft kam ein Brief in die 144-Wohneinheiten umfassende 40 Quadratmeter Wohnung des Hausmeisterassistenten geflattert. Der Grund war eindeutig: Kündigung des Mietverhältnisses aufgrund von Eigenbedarf.

Germering - Norbert Leschnik ist 65 Jahre alt und kommt ursprünglich aus Ansbach. Er lebte einige Jahre in den USA, arbeitete dort als Personenschützer. Das wurde nach dem Anschlag auf das World Trade Center am 11. September schwieriger, die Jobs blieben aus und er zog wieder zurück nach Deutschland, der Arbeit wegen wollte er nach München. So kam er auch an seine kleine Wohnung in Germering, die gehörte der Chefin der Firma, bei der er damals als Lkw-Fahrer arbeitet. All das war im Jahr 2003, seitdem hat sich viel verändert. „Ich habe immer gearbeitet, mir nie etwas zu schulden kommen lassen, und doch, stecke ich jetzt in dieser Situation“, erzählt Leschnik in seinem Wohnzimmer sitzend. Die perfekte Junggesellenbude, bis eine Frau in sein Leben trat und dann im Mai 2017 seine beiden Töchter geboren wurden. 

Wohnungsnot

Die Wohnung ist viel zu klein für eine vierköpfige Familie, das ist auch Norbert Leschnik bewusst. „Ich will ja hier raus, aber uns will keiner“, sagt Leschnik. Die Anzahl der Bewerbungen auf eine Wohnung, die Telefonate, die er geführt hat, sind nicht mehr zählbar. Täglich durchforstet er das Internet. Das Problem kennen viele, vor allem im Münchner Umland. Die Mieten steigen ins Unermessliche. Steht doch eine bezahlbare Wohnung frei, stehen Hunderte dafür Schlange. Soweit kommt es bei Norbert Leschnik und seiner Familie meist gar nicht. Viele Vermieter antworten auf seine Anfrage gar nicht erst. Wenn doch eine Nachricht zurück kommt, ist diese ernüchternd und teilweise erschütternd. Die Absagen häufen sich. Die Familie lebt in einer sogenannten Bedarfsgemeinschaft und bezieht Arbeitlosengeld II. Norbert Leschnik hilft dem Hausmeister seiner Wohnanlage von Zeit zu Zeit aus, seine Frau, die aus Japan stammt, hat ihr Examen in Deutschland gemacht und ist gelernte Altenpflegerin. Wenn die Zwillinge alt genug sind, möchte sie in dem Beruf wieder arbeiten. 

Viel Ablehnung

Doch nicht nur das schreckt viele Vermieter ab – die eine sichere Miete vom Amt ausschlagen. „Man darf nicht alle über einen Kamm scheren – es sind nicht alle gleich“, sagt Leschnik zornig. Er ist handwerklich begabt, kann vieles selber machen und zeigt dabei auf die von ihm angeschlossene Waschmaschine. Außerdem ist er mit Auto mobil und flexibel. Doch er bekommt keine Chance sich vorzustellen. Eine Ablehnung hat ihn besonders getroffen. Der mögliche Vermieter habe ihm offen gesagt, dass er keine Kinder in der Wohnung will. Ein Schlag ins Gesicht für Leschnik. Seine beiden Töchter sind alles für ihn, besonders nach der Risikoschwangerschaft und der Prognose, dass sie eventuell behindert auf die Welt kämen. Jetzt kämpft er für sie und seine Frau, die momentan zusammen bei der kranken Mutter in Japan sind. Am 4. Dezember kämen sie wieder, in eine ungewisse Zukunft. Alles verlief gut, bis zu dem Tag, als die Kündigung kam. Leschnik wusste, dass die Wohnung verkauft werden soll, damit rechnete er aber nicht. Eine Sorge war vorüber, schon stand die nächste an. Neun Monate soll er haben, um eine neue Wohnung zu finden. Das klingt nach viel Zeit, aber nicht für die Familie Leschnik. 

Stadt sind Hände gebunden

Bei dem Verantwortlichen für den sozialen Wohnungsbau der Stadt Germering, Martin Sedlmeier, wird sie bereits als Härtefall geführt. Es gibt ein Punktesystem, bei dem die Dringlichkeit eingestuft wird. Von 30 möglichen Punkten hat die Familie derzeitig 24 erhalten. Auch einen Wohnberechtigungsschein haben sie erhalten. Dieser berechtigt sie trotz geringen Einkommens eine öffentlich geförderte Wohnung zu beziehen. Das gilt nicht nur für Germering und den Landkreis Fürstenfeldbruck, sondern auch landkreisbefreit – Dachau, Landsberg, hauptsache einen Platz zum Leben. Eine Wohnung bis zu 90 Quadratmeter mit einer Grundmiete von maximal 900 Euro bezahlt das Amt, sagt Leschnik beim Blick in die Tabelle, ansonsten sind es Einzelfallentscheidungen. Ein Einzelfall, wie ihn so viele in den vergangenen Jahren ereilt. Eineinhalb Jahre ist die Kündigung her, eine Räumungsklage folgte, die psychologische Belastung ist hoch, dennoch kämpft Leschnik, vor allem für seine Töchter. Leschniks Anwalt stellte daraufhin einen Räumungsschutzantrag – auch wegen der Kinder. 

Stichtag: 31. Oktober

Am 31. Oktober ist nun der Gerichtstermin angesetzt, dann entscheidet sich, wie es für ihn und seine Familie weiter gehen soll. „In der ganzen Zeit hat mir die Stadt zwei Sozialwohnungen angeboten, eine habe ich nicht bekommen, die andere hatte einen Schimmelbefall. Seitdem nichts mehr“, so Leschnik. Wohnungsmangel herrscht in Deutschland, viele zieht es in die Metropole München und folglich ins Umland. Demnach ist der Markt erschöpft, auch was Sozialwohnungen betrifft, erklärt Sedlmeier auf Nachfrage des Germeringer Anzeigers. In Germering gibt es etwa 300 Sozialwohnungen und alle von ihnen sind belegt. Vereinzelt würde eine davon frei werden, aber die Liste derjenigen, die sie benötigen ist lang. „Viele Vermieter haben schlechte Erfahrungen gemacht, so etwas prägt“, erzählt Sedlmeier weiter. Dennoch seien Projekte geplant, wie die Siedlung am Kreuzlinger Feld, die auch einen prozentuellen Anteil an Sozialwohnungen hervorbringen würde. Bis dahin werden aber Jahre vergehen. Niemand könne gezwungen werden, seine Wohnung zu vermieten. Das hat auch Leschnik erfahren. Als Hausmeisterassistent bekommt er viel mit, auch dass eine Wohnung in seiner Anlage seit über zehn Jahren leer steht. Jegliche Versuche der Kontaktaufnahme mit der Besitzerin scheiterten. „Die Leute lassen ihre Wohnungen lieber leer stehen, als sie an Menschen wie mich zu vermieten“, so lautet das Fazit von Leschnik. 

Obdachlosigkeit keine Option

Einer von vielen zu sein, nicht gewollt zu werden, ein unbeschreibliches Gefühl. Was passiert, wenn er in den nächsten Wochen keine passende Wohnung findet, will er nicht zulassen. Das Thema Obdachlosigkeit fällt ihm schwer. „Das ist kein Zuckerschlecken, und der allerletzte Ausweg“, bescheinigt auch Martin Rattenberger, Leiter des Amts für Jugend, Familie, Senioren, Soziales und Schulen, der im Falle der Obdachlosigkeit in Germering zuständig wird. Auch wenn die Menschen, anders als früher, oft nicht selbstverschuldet dort hineingeraten, so steige die Zahl der Einzelfälle – besonders Familien – immer mehr an. Die Stadt sei gesetzlich verpflichtet Obdachlosenunterkünfte bereit zu stellen. Niemand lande buchstäblich auf der Straße, aber viele wollen das nicht. Der Stempelt obdachlos säße tief und die Wohnbedingungen seien keineswegs einfach. Wohnungen müssen sich geteilt werden, das könne zu Spannungen führen, so Rattenberger weiter. 

Die Situation muss sich ändern

Leschnik will kein Mitleid, auch wenn er die Anteilnahme seiner Nachbarn schätzt. Er weiß, dass er nur einer von vielen ist. Er will, dass etwas passiert, dass sich seine Situation ändert und dafür gibt er alles. Seit Monaten sitzt er auf gepackten Kisten, das sei kein Zustand, nicht für ihn und nicht für zwei Kleinkinder. 

Claudia Becker

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