Kunstfälschungen - kein Kavaliersdelikt - Auf Einladung der Kulturstiftung Derriks sprach die Münchner Kunsthistorikerin Dr. Susanna Partsch

Die Münchner Kunsthistorikerin Dr. Susanna Partsch vor dem ‚echten’ Roland Helmer aus Eichenau: Motiv "Trennende Senkrechte". Foto: Günter Schäftlein

Ein höchst amüsanter wie auch aufschlussreicher Abend in den Privaträumen von Annelies und Gerhard Derriks in der Buchenau. Kunstfälschungen erfreu(t)en sich bei den Ausführenden schon zu allen Zeiten größter Beliebtheit: Häufig auch sehr erfolgreich, begünstigt durch die Begehrlichkeit von Museen, Kunst-/Auktionshäusern und kunstbesessenen privaten Sammlern.Die ‚bei Derriks’ vortragende Kunsthistorikerin und Autorin Dr. Susanna Partsch versteht es glänzend, einen an sich eher trockenen Befund von Kunst-Kriminalität in Text und Bildern lebendig zu machen.

Von ihr liegen Publikationen vor wie „Haus der Kunst“ (1997, im nachfolgenden Jahr wegen seiner leichten Verständlichkeit mit dem deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet) und „Tatort Kunst“ - über Fälscher, Betrüger und Betrogene. Frau Dr. Partsch sezierte als ersten Beispielsfall die renommierte Sammlung ‚Werner Jägers’. Zu ihr erfuhr die Kunstwelt im Sommer 2010, dass die von Enkelinnen aus dem Jägers-Nachlaß über das bekannte Kölner Kunsthaus Lempertz und Londoner Auktionshäusern angebotenen und bereits veräußerten Bilder Fälschungen seien: Immerhin Werke von Max Pechstein, Max Ernst und Heinrich Campendonk, wobei für dessen „Rotes Bild mit Pferden“ 2006 ein Höchstbetrag von fast 3 Millionen Euro bei Lempertz erzielt wurde. Alle drei Maler lebten und arbeiteten im 20. Jh. und ihre Werke waren, was die Materialien angeht, relativ leicht zu fälschen. Alle Überprüfungen und Recherchen - auch in Verbindung mit einer weiteren Sammlung ‚Wilhelm Knops’ - mit dem entscheidenden Hinweis über einen „schlechtgemachten Aufkleber“ führten zum ursprünglichen Sammler und Kunsthändler Alfred Flechtheim, der 1933 Deutschland verlassen musste, ergaben schließlich die Aufdeckung eines riesigen Kunstskandals, mit reichlich betroffenen Kunstexperten und Gutachten: Alle Bilder stammten offensichtlich aus einer südfranzösischen Fälscherwerkstatt. Die Staatsanwaltschaft ermittle noch und das LKA Berlin „hat alle Hände voll zu tun“, so die Aussage der Kunsthistorikerin. Einige Beteiligte befänden sich in U-Haft. Der zweite, ebenso spektakuläre Beispielsfall berührt das 17. und 20. Jh.: In erster Linie den niederländischen Meister Jan Vermeer van Delft (1632-75). 1937 tauchte beim berühmten holländischen Kunsthistoriker Abraham Bredius ein völlig unbe-kanntes Vermeer-Bild auf: „Christus und die Jünger in Emmaus“. Bredius war völlig aus dem Häuschen und schrieb begeisterte Artikel in einer Kunstzeitschrift, denn es war ein sakrales Werk - und bis auf ein einziges frühes Bild waren von dem so frühverstorbenen Vermeer keine sakralen Bildwerke bekannt: „Holland sehnte sich nach ihnen!“ Bredius war vollkommen davon überzeugt , ein hervorragendes Werk der Malerei aus dem 17. Jh. vor sich zu haben. Dem Museum Bijmans van Beunignen in Rotterdam gelang es, das Bild anderen Museen vor der Nase wegzuschnappen. Wunderbarer- und auch sonderbarerweise war dies nicht das letzte Bild von Vermeer, das in der nächsten Zeit auf dem Kunstmarkt auftauchte; u.a. erhielt das weltberühmte Rijksmuseum vom niederländischen Staat das Bild „Die Fußwaschung“. Die Preise bewegten sich in Millionenhöhe und auch ein Hermann Göring zahlte 1,650 Mio Gulden für „Christus und die Ehebrecherin“. Dieses Bild wurde seinem echten Urheber zum Verhängnis, denn nach Kriegsende 1945 fand man das Bild mit anderen in einem Salzbergwerk: Verkauft aus den Niederlanden von einem gewissen Han van Meegeren. Er hatte Kulturgut von nationalem Interesse ins Ausland transferiert; darauf standen hohe Haftstrafen. Han van Meegeren zog es vor, die Wahrheit zu sagen, als er im Herbst 1945 verhaftet wurde: Er habe dieses Bild gemalt - und alle anderen auch. Noch in U-Haft - er wurde erst im Herbst 1947 zu einer sehr milden Strafe von einem Jahr verurteilt - trat er den Beweis seiner Fälscherfertigkeit an. Sein letztes Bild erzielte immerhin Ende der 1990er Jahre auf dem Kunstmarkt „die exorbitante Summe von 70.00 Gulden“. Der 1889 in Deventer geborene Kunststudent und Restaurator mit abgebrochenem Architekturstudium lernte bereits ab 1921 bei einem anderen bekannten niederländischen Fälscher das Handwerk. Er legte schon früh mit einem Vermeer („Die Spitzenklöpplerin“) den Berliner Museumsdirektor Wilhelm von Bode herein. Im Weiterverkauf langte das Bild mit einem weiteren ‚Vermeer’ von van Meegeren (das „Lachende Mädchen“) schließlich in der National Gallery in Washington an, inzwischen ausgewiesen als „anonymer Maler“. Drahtzieher bei den Fälschungen Han van Meegerens, der sich mit den Maltechniken, Farben und Alterungsvorgängen des 17 Jh. sehr vertraut gemacht hatte, war ein englischer Industrieller. Mit seinem Fälschungseingeständnis wurde van Meegeren zu einem Volkshelden. “Die Holländer freuten sich darüber, dass da einer sowohl die Nazis als auch die eigenen Kunstkritikgötter derart vorgeführt hatte.“ Er starb ohne Haftverbüßung am 30. Dez. 1947.

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