Leben mit einer Krebserkrankung - Vortrag im Brucker Klinikum

Im vollbesetzten Tagungsraum des Brucker Klinikums wurde zur angesetzten Veranstaltung eigentlich Annette Rexrodt von Fircks erwartet: Bestsellerautorin zum Thema „Die Kunst zu leben … nach einer Krebserkrankung“ und Frau des Jahres 2006. Sie musste kurzfristig infolge einer Erkrankung absagen. Frauenklinik-Chefarzt Dr. Moritz Schwoerer zeigte sich dennoch bei seiner Begrüßung der zahlreichen Gäste erleichtert, mit der Brustkrebspatientin und Medizinjournalistin Renate Haidinger eine adäquate Ersatz-Referentin ankündigen zu können.

Denn „nach der Arzt- und Klinikdiagnose zum Brustkrebs kommen daheim die Probleme; den Mut zum Weitermachen muß man dort erlernen.“ Die im Jahr 2000 an Brustkrebs erkrankte Renate Haidinger gründete inzwischen die Selbsthilfegruppe „brustkrebs-muenchen e.V.“ und initiierte eine enge Verbindung zur „Brustkrebs Deutschland e.V.“ Sie berichtete in eigener Sache über ihren persönlichen medizinischen Erkennungs- und Leidensweg, zog hieraus Schlussfolgerungen und realisierte eine Art „Leitfaden für das Nachher“, für Gleichbetroffene. Zwischen dem eigenen Krebsvorsorgetermin, dem Krebsverdacht und dem ersten operativen Eingriff in der Münchner Frauenklinik verging nur ein knapper Monat. Sie akzeptierte im Vorfeld eine Feinnadelpunktion, lehnte aber die Gewebeentnahme per Stanze ab. „Ich will nur das Ding (Karzinom, d.Red.) raushaben!“ Da auch Lymphknoten bei der OP zum Opfer fielen, war ihre erste Frage „Muß ich jetzt sterben?“ Die Familie (Ehemann, zwei Söhne) war erschüttert, äußerte aber wie selbstverständlich „Wir stehen das gemeinsam durch?“ Die Größe ihres Tumors, so Frau Haidinger, machte eine zweite OP nur 14 Tage später erforderlich, mit einer direkt anschließenden Chemobehandlung. Letztendlich musste jedoch die Brust entfernt werden. Haidinger: „Meine beste Freundin hat über diese Diagnose den Hörer aufgelegt; ich habe nie wieder was von ihr gehört.“ Sie begann ihren Freundes- und Bekanntenkreis zu sondieren und macht inzwischen keine Pflichtbesuche mehr. Sie erfuhr vielfältige Hilfe auch dank der Eltern in Berlin, der eigenen Familie, echten Freunden und der Nachbarschaft. Handy und SMS wurden auf einmal ganz wichtig für sie: „Es ist schön, sich auch mal helfen zu lassen …“ Ihre Familie ist jetzt nach eigener Einschätzung gestärkt; der erwachsene Sohn studiert Medizin. Und sie als Krebs-Betroffene formuliert „Mir geht es gut!“ Dennoch bestätigt sie für diese insgesamt belastete Situation den fortdauernden Lernprozess: Den Umgang mit vielen neuen Begriffen, den Zwang, Entscheidungen treffen zu müssen. „Die Bedürfnisse und Ängste ähneln sich bei Betroffenen sehr.“ Für die extreme psycho-soziale Belastung nennt sie als Erleichterung und Tipps: Nachsorgepaß, Schwerbehindertenausweis, eine verlässliche Telefonnummer bei Problemen, Selbsthilfegruppen mit regelmäßigen Treffen und Austausch, Aktivitäten wie Malen, Tanzen, Schreiben, Singen, Kochen, im sportlichen Bereich eine spezielle Gymnastik, Walken, Schwimmen, Radeln, Spazieren-gehen. Zur Nachsorge sollten auch autogenes Training, QiGong, Yoga, Theater, Musik, Kino, das einfache „Freunde treffen“ gehören. Und natürlich auch der Urlaub, das Genießen einer Landschaft, der Umgang mit Enkeln, mit einem Haustier. „Gut-gemeinte Ratschläge wie ‚Immer positiv denken!’ könnten allerdings unter Druck setzen. Keiner könnte immer nur positiv denken …“ Die Referentin sieht sich in der Lage, den Chirurgen vor einer geplanten Operation zu fragen, ob er in der Nacht zuvor Nachtdienst hatte. Vor der Chemo rät sie zu einer Sanierung von Zähnen und Zahnfleisch. Man solle viel Wasser trinken, warmes wäre jedoch besser als kaltes. Bei Übelkeit wäre eine Brühe hilfreich und kein Aspirin; bei wunden Schleimhäuten eine Halstablette mit Schmerzmittel. Nach Bestrahlungsende sollte bei heißer Brust täglich zweimal 10 Minuten lang Quark aufgelegt werden. Vorsicht sei geboten bei der Einnahme von Johanniskraut, Knoblauch, Ginseng und vor allen scharfgewürzten Speisen. Verbliebene Narben könnten mit Ringelblumen- oder Arnikasalbe weichgehalten werden. Soziale Nöte erzeugen - gerade bei Kindern - vielschichtige Ängste: Angst vor dem Tod des Erkrankten, vor Vererbung, vor Ansteckung durch Infektion. Auch die soziale Isolation schlägt hier durch, was relevante Studien belegen: Veränderungen im Spielverhalten bei Vorschulkindern (bei 39%) und schulischer Leistungsabfall (bei 50%). Man sollte, so Haidinger, in jeder Form die Selbstheilungskräfte fördern, „für ein Leben zurück in den Alltag.“ Und: „Bei allen festen Heilungsversprechen und angeblich sicheren Methoden müssen bei Ihnen alle Alarmglocken schrillen!“ Dem Referat schlossen sich zahlreiche Wortmeldungen und Fragen von Teilnehmerinnen an, hauptsächlich zur Medikation, Verträglichkeit und Wirkung - auch von Naturheilmitteln - und Ernährungsweise. Hierfür standen Dr. Moritz Schwoerer und die Referentin mit ihren Stellungnahmen zur Verfügung. nfo und Adressen: mamazone - Frauen und Forschung gegen Brustkrebs e.V., Augsburg. www.brustkrebsdeutschland.de

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