Ein Maisacher in Birma

"Das

ist Birma, und es wird gänzlich anders sein als alles, was Sie bisher erlebt haben" schrieb der englische Schriftsteller Rudyard Kipling vor etwa 100 Jahren. Nun, auch in Burma, seit 1989 in Myanmar umbenannt, ist die Zeit nicht stehengeblieben. Handy und Internet haben Einzug gehalten, aber bezüglich Pressefreiheit gehört es weltweit zu den Schlußlichtern. Als Ausgleich dafür wird das Volk mit Seifenopern und rührseligen Musikvideos berieselt. In der 5 Mio. Metropole Rangun (Yangon) steige ich in einer kleinen Pension im Zenrum ab, nahe der vergoldeten Sule Pagode, in der angeblich ein Haar Buddhas als Reliquie aufbewahrt wird. Viele Häuser der Altstadt sind heruntergekommen und vermodert, Hinterhöfe wahre Müllhalden. An Mauersimsen bildet sich Moos und aus Regenfallrohren wachsen tropische Pflanzen und ganze Büsche. Anzeichen einer Kanalisation kann ich nicht erkennen, nur unter den Gehsteigen existieren quadratische Regenwasserkanäle. Weil die Betonabdeckungen häufig fehlen, werden nächtliche Spaziergänge bei den regelmäßigen Stromausfällen gefährlich. Vor etlichen Häusern stehen Generatoren, damit diese wenigstens Licht haben. Da sich in der Nähe auch die Docks für die Frachtschiffe befinden, wäre ich nachts einer Ratte beinahe auf den Schwanz getreten. Auf den Gehsteigen wimmelt es von ambulanten Händlern. Frauen, wie auch Männer, tragen meistens den Longyi, einen knöchellangen Wickelrock. Bis vor 5 Jahren war das Tragen kurzer Hosen nur kleinen Jungen erlaubt. Von den oberen Stockwerken der Gebäude hängen Schnüre mit Heftklammern oder Tüten herunter in denen Post, kleine Besorgungen oder Mitteilungen hochgezogen werden können. Neben meiner Pension steht ein buddhistischer Tempel. Weit nach Mitternacht ertönt plötzlich der monotone Gesang eines Frauenchores herüber und im Duett jault der Hofhund auch noch mit. Gegenüber liegt eine Moschee, ich sehe einen Hindutempel, es gibt Kirchen und eine Synagoge. Natürlich gibt es auch moderne Hotels, elegante Einkaufszentren und schöne Villenviertel. In einer davon befindet sich die deutsche Botschaft. Ich wollte dort einige Informationen erhalten, aber man war nicht besonders entgegenkommend da es auf Mittag zuging. Doch das Wahrzeichen der Stadt ist die 98 m hohe, vergoldete Shwedagon Pagode, dem größten Heiligtum der Buddhisten. Der obere Teil ist mit tausenden Edelsteinen besetzt. Früher sollen an den Eingängen die Leprakranken um Almosen gebettelt haben, doch das Regime hat sie entfernen lassen. In einer kleinen Kneipe treffe ich einige Rucksacktouristen und da wir uns ja viel zu erzählen haben, wird es jedesmal recht spät. Mitten in der kleinen, russgeschwärzten Küche befindet sich auch das Klo, das ist ein Holzverschlag mit einem Loch im Boden. Man darf hier nicht empfindlich sein. Nach einigen Tagen fahre ich mit der Eisenbahn nach Bago. In der "Ordinary Class" sitze ich auf Holzbänken mitten unter den Einheimischen, wir lächeln uns zu und eine einfache Konversation mit Händen und Füßen klappt auch. Der überlange Zug setzt sich langsam in Bewegung, rollt und stampft wie ein Schiff auf hoher See und bald schlummert das halbe Abteil friedlich dahin, ein Mopedfahrer könnte tempomäßig locker mithalten. Weiter geht es per Bus zum "Golden Rock". Über eine kurvenreiche, steile Straße und dann über endlose Treppen erklimme ich mit einem Mönch und seiner Pilgergruppe aus zehn Frauen den Berg. Unterwegs rasten wir mehrmals und trinken frisch gepreßten Zuckerrohrsaft, wandern an vielen Andenkenläden vorbei, in denen Räucherstäbchen, Amulette und kleine Buddhafiguren angeboten werden. Oben, auf einem Plateau angelangt, bestaune ich den tonnenschweren, mit Blattgold überzogenen Felsbrocken, bei dem man meint, eine Windboe könnte ihn aus dem Gleichgewicht bringen und ins Tal stürzen. Die Pilger übernachten in einem Tempel, ich muß wieder ins Tal zu meiner Pension zurück. In langen Kolonnen kommen mir Sänftenträger mit gehfaulen Touristen entgegen, welche den Sonnenuntergang erleben wollen. Weiter geht es per Bus nach Mandalay und auf der legendären, von den Engländern erbauten "Burma Road" in Richtung China, nach Hsipaw. Die Österreicherin Inge Sargent hatte 1953, während ihres Studiums in den USA, einen Kommilitonen aus Burma kennengelernt und in Colorado geheiratet. Als das frisch gebackene Ehepaar dann mit dem Schiff in Rangun ankam, gestand er ihr angesichts der wartenden Menschenmenge am Kai, daß er Prinz und Oberhaupt der Shan sei. Sie ließen sich in ihrem Herrschaftshaus in Hsipaw nieder, leiteten auch soziale Reformen ein und bekamen 2 Töchter. Doch 1962 kam es zum Militärputsch, ihr Mann wurde verschleppt und umgebracht. Das Militär verleugnete einfach seine Festnahme und selbst der damalige Aussenminister Bruno Kreisky intervenierte vergebens. Mit ihren beiden Töchtern konnte sie fliehen, zog 1966 in die USA, war jahrelang Lehrerin, leitete ein Hilfsprojekt für birmesische Flüchtlinge und 2000 wurde ihr der Menschenrechtspreis der United Nations Association verliehen. Ich wandere zu dem Anwesen am Stadtrand. Kein Hinweisschild gibt Auskunft. Einheimische zeigten mir den Weg und dann stehe ich vor einem verschlossenen Gittertor, das Hanggrundstück ist verwildert und das Gebäude dem Verfall preisgegeben. Nun fahre ich in die entgegengesetzte Richtung, der indischen Grenze zu. Im Völkerkundemuseum in München sah ich mir Anfang des Jahres eine Sonderausstellung über die tätowierten Chin Frauen an und wollte einige sehen. Burma mit seinen vielen Volksgruppen unter den 50. Mio. Einwohnern ist beinahe doppelt so groß wie die BRD, doch viele Regionen sind Sperrgebiet für Ausländer oder nur mit Sondergenehmigung zu erreichen. Aber auch auf den "erlaubten" Routen mußte ich immer wieder an Kontrollposten mit den Einheimischen antreten und Paß oder Kopien vorzeigen und konnte in manchen Städten nur in bestimmten Hotels übernachten. Dort wurde sogar die Ankunftszeit eingetragen, einmal wurde es mir zu bunt und ich legte ihnen meine Landkarte und ein paar Tempotaschentücher auch noch auf den Tisch, worüber sie sogar selber lachen mußten. Die Straßen wurden immer katastrophaler für die schrottreifen Busse, dafür kamen uns öfters Ochsenkarren entgegen. Beschämend ist, so viele der zierlichen Frauen beim Straßenbau zu sehen. Bei dieser Hitze schleppen sie in Körben Steine auf den Köpfen oder zerkleinern diese mühevoll, doch wenn ich ihnen zuwinkte, lächelten sie unter ihren kegelförmigen Strohhüten und winkten zurück. Ansonsten genießen sie volle Gleichberechtigung und beim Nachwuchs sollen Mädchen sogar willkommener sein als Jungen. Rührend ist aber immer, wieviel Wärme und Zärtlichkeit die Eltern ihren Kindern schenken. Wegen der Staubwolken der entgegenkommenden LKW`s verteilten sie in einem Bus sogar Mundschutzbinden. Die Männer kauen gerne Betelnüsse, den roten Saft spucken sie dann in eine dünne Plastiktüte oder gleich an mir vorbei durchs Fenster. Bei Frauen dagegen ist das Eincremen von Stirn und Wangen mit einer senfgelben Paste aus Sandelholz sehr beliebt. Ob es mehr dem Sonnenschutz oder der Schönheit dienen soll, wurde mir nie ganz klar. Eine Reifenpanne hatten wir auch und einmal hielt der Fahrer eines Kleinbusses mitten in der Nacht, ging zu einer Hütte, legte sich auf eine Bank, zog sich eine Decke über den Kopf und machte ein Nickerchen, doch niemand maulte. Nach einer guten Stunde fühlte er sich wieder frisch und munter zur Weiterfahrt. Einmal verbrachte ich ca. 5 Std. auf der Ladefläche eines Kleinlasters, eingezwängt in einer Menschentraube, unter Gepäckstücken und Zwiebelsäcken schliefen mir die Füße auch noch ein. Aber je unbequemer es wurde, desto herzlicher waren die Mitreisenden- gemeinsames Leid verbindet halt. Unfaßbar war die Engelsgeduld der Kinder, ich schenkte ihnen oft Bonbons, Farbstifte oder Obst und die Eltern mir ein Lächeln, so freuten wir uns alle. In den Restaurants ging ich einfach in die Küche und suchte mir meistens Gemüses aus mit Reis oder Nudeln. Die Chin Frauen aber bekam ich leider nicht zu Gesicht. Über Bagan mit seinen tausend Pagoden fuhr ich zur Ngapali Beach am Indischen Ozean. Auf dem Weg dorthin mußte ich den größten Strom Burmas, den Irrawaddy, überqueren. Der Kapitän einer Autofähre lud mich ins Ruderhaus ein. Da saß ich hoch oben bei einer Tasse Tee und erzählte ihm und dem Steuermann von meiner Reise. Besorgniserregend aber ist vielerorts die rigorose Abholzung der Wälder in den letzten Jahrzehnten. Oft sah man nur niederes Gehölz oder die unseligen, schnellwachsenden Eukalyptusbäume der spärlichen Wiederaufforstung. Eine Landplage allerdings sind mittlerweile die Plastiktüten. Selbst in den Dörfern ist niemand imstande und gewillt, sie zu entfernen. Am Traumstrand der wohlhabenden Birmaner erholte ich mich unter Palmen und Bananenstauden ein wenig. Meinen Bungalow teilte ich mit einem ausgewachsenen Gecko. Regungslos hing er meistens an der Wand, doch nachts gab er mehrmals ein schnarrendes Geräusch von sich und ein lautes goddee, goddee, ertönte, während ich langsam Mordpläne schmiedete. Nach 3 1/2 Wochen war ich wieder zurück in Rangun. Ich ging in eine Buchhandlung und fragte nach dem Buch "Letters from Burma" der Friedensnobelpreisträgerin Aung Suu Kyi, was die Verkäuferin in arge Verlegenheit brachte, da es verboten war. Aung Suu hatte in Oxford studiert, einen Engländer kennengelernt und 1972 geheiratet. 1990 errang sie mit ihrer Partei einen überwältigenden Wahlerfolg, doch die Generäle erkannten das Wahlergebnis nicht an und warfen sie ins Gefängnis, jedoch später in einen Hausarrest umwandelten. Aus Liebe zu ihrem Volke reiste sie 1991 zur Verleihung nicht nach Stockholm und selbst zur Beerdigung ihres Mannes 1999 in England blieb sie im Lande, weil man sie niemals mehr zurückgelassen hätte. Mittlerweile hat diese paranoide Militärjunta eine neue, seelenlose Hauptstadt im Landesinneren erbaut um sich mehr in Sicherheit wiegen zu können. Obwohl sie dieses gnadenlose Regime ertragen müssen habe ich selten so ein warmheriges und bezauberndes Volk kennengelernt. Ein Engländer meinte zu mir:" wenn wir zu Hause auch so oft lächeln würden, kämen wir ins Irrenhaus".

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