Migration gestern, heute und morgen – Das Brucker Forum vermittelte ein Informationsgespräch im Kath. Pfarrzentrum Emmering

Wilhelm Dräxler, Referent für Migration und Arbeitsprojekte im Caritasverband der Erzdiözese München und Freising e.V., sprach im Emmeringer Pfarrzentrum über die Migration in Deutschland/Bayern. Foto: Günter Schäftlein

Wilhelm Dräxler, im Caritasverband München u. Freising e.V. zuständig für Migration und Arbeitsprojekte, griff bei seinem Vortrag im Pfarrzentrum bis auf Adam und Eva zurück: Auch sie wurden nach dem Sündenfall zu Emigranten. Über das Dilemma der ersten Zuwanderungswellen in den 50er und 60er Jahren der Nachkriegsepoche urteilte Hans Dieter Kuchenmeister als Bildungsbeauftragter des Brucker Forums Emmering zutreffend „Wir haben Gastarbeiter geholt und es sind Menschen gekommen …“ Migration ist kein neuzeitliches, sondern ein uraltes und damit auch christliches Thema, entstanden in der Regel aus Notsituationen.

Deutschland selbst wurde im 19. Jhd. infolge wirtschaftlicher Instabilität und politischer Intoleranz zu einem bedeutenden Auswanderungsland: Insgesamt verließen zwischen 1846 und 1893 sechs Millionen Menschen aus unterschiedlichsten Herrschaftsbereichen ihr Heimatland und gingen nach Übersee. Davon allein 4 Mio. in die Vereinigten Staaten von Amerika, 89.000 nach Brasilien, 86.000 nach Kanada, 56.000 nach Australien. Wenn man die Einwanderungsströme der westdeutschen Nachkriegszeit (WK II) gegenüberstellt, dann registriert man ab 1956 das Kommen von Süditalienern, seit 1960 die hunderttausendfache Anwerbung von anatolischen Türken für Bergbau und Stahlgroßindustrie, ab 1964 der Zuzug von Portugiesen. 1973 wurde die großflächige Anwerbung gestoppt. 1974 registrierte man bereits rund 4 Millionen ausländische Zuwanderer und 1975 durch die Ölkrise erste rückläufige Zahlen. 1983 wurde das Rückkehrhilfegesetz auf den Weg gebracht, 1993 das - noch immer umstrittene - Asylverfahrensgesetz rechtsgültig, verschärft ab 2007 durch Sprachkurse und andere - z.T. landespolitische - Hindernisse. Seither existieren fast nicht mehr nachvollziehbare Auslegungen im Asyl- und Aufenthaltsrecht nach Zuwanderungsgesetz: Befristete Aufenthaltserlaubnis. Niederlassungserlaubnis (unbefristet). Aufenthaltsgestattung. Duldung. Wer kann nach Deutschland einwandern und hier arbeiten? Die Situation ist für EU-Arbeitnehmer/-Unternehmer anders als für Suchende außerhalb der 27 EU-Staaten. Für Saisonarbeiter besteht eine sechsmonatige Aufenthaltsfrist. Derzeit deutlich spürbar der Zuzug spanischer Arbeitssuchender nach Deutschland und insbesondere Bayern aufgrund der katastrophal hohen Arbeitslosigkeit zuhause, gerade bei jüngeren Jahrgängen. Die sogenannte „Arbeitnehmerfreizügigikeit“ kommt für Rumänen und Bulgaren erst ab 2014 in Deutschland zum Zuge. Gesucht derzeit auf dem deutschen Arbeitsmarkt sind je nach Branche und unbeschränkt hochqualifizierte Gutverdiener - auch über Green- und Bluecard. Im ersten Halbjahr 2011 sind insgesamt 435.000 Menschen nach Deutschland zugezogen, ein Plus von 19% (oder 74.000 Personen) zum Vorjahreszeitraum lt. Statist. Bundesamt. Auf Bayern entfiel dabei ein Zuwachsanteil von 29.000 Personen und damit der höchste Saldo aller Bundesländer: 79.000 Zuzüge stehen 50.000 Fortzüge gegenüber. IHK-Hauptgeschäftsführer Peter Driessen: „Die Zahlen zeigen, dass auch im Ausland die sehr gute Arbeitsmarktlage in Bayern wahrgenommen wird. Dies ist sehr erfreulich, zumal viele Unternehmen Probleme haben, offene Stellen besetzen zu können.“ Ähnlich günstige Zuwanderungsentwicklungen wiesen in 2010 die Bundesländer NRW (plus 27.000), Baden-Württemberg (plus 19.000) und Niedersachsen (plus 14.000) auf. Nicht unerheblich in diesem Zusammenhang die deutsche Alterspyramide 2010 (Statist. Bundesamt 2011), die bei der einheimischen Bevölkerung die breiteste Ausfächerung zwischen 45 und 70 Jahren zeigt, während die „Deutschen mit Migrationshintergrund“ und „Ausländer“ fast schlank und gleichmäßig hauptsächlich zwischen 20 und 50 Jahren verlaufen. Zu- und Fortzüge in Deutschland verliefen 2010 am Auffälligsten aus und nach Polen (125.000/103.000), Rumänien (74.000/48.000), Bulgarien (39.000/23.000), Türkei (30.000/36.000), USA (29.000/32.000), Schweiz (15.000/27.000). Die höchsten Zuzüge nach Deutschland verzeichneten durchschnittlich die Jahre 1991-93, die niedrigsten die Jahre 2005-08. Das Ausländerzentralregister untersuchte 2010 die „Zuzüge von Drittstaatenangehörigen nach Aufenthaltszwecken“ in Deutschland aus einer Gesamtzahl von 232.000 Personen: 26,9% kamen aus familiären/humanitären Gründen, 15,4% wegen eines Studiums, 12,6% wegen einer Beschäftigung, 4,5% wegen Sprachkurs und Ausbildung. Der große Rest von 40,6% verblieb bei „Sonstige, Aufenthaltsgestattung und Duldung, EU-Aufenthalt und Niederlassungserlaubnis“. Das Land NRW ermittelte 2005 speziell an Transferleistungen - d.h. Abhängigkeiten von Arbeitslosengeld, Sozialhilfe, Asylbewerberleistung und Bafög - entsprechende Anteile bei Deutschen von 5,8%, Ausländern 16,6% und Eingebürgerten = 11,7%.

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