Den moderaten Taliban gibt es nicht - Erfahrungsbericht beim Internationalen Frauentag in Olching

Vom Schicksal der afghanischen Frauen berichtete Veronika Picmanova beim Internationalen Frauentag in Olching mit eindrucksvollen Bildern und Schilderungen. Die Medien-Dozentin und freie Fotografin war insgesamt über zwei Jahre im Rahmen von Projekten der „Deutschen Welle-Akademie“ und der internationalen Schutztruppe der NATO (ISAF) in Kabul und Mazar-e-Sharif tätig. Nach ihren Erfahrungen befragt, sagte die gebürtige Tschechin Picmanova: „ Ein Großteil der afghanischen Frauen ist immer noch von physischer, psychischer oder sexueller Gewalt bedroht.“

Frau Picmanova, Sie sind Fotografin/Dozentin/Mediengestalterin - in dieser Funktion haben Sie Afghanistan erlebt. Wie leben Frauen in Afghanistan? Veronika Picmanova: Sehr unterschiedlich. Wie so oft kann man nicht verallgemeinern. Manchen Frauen, vor allem in Kabul, geht es auch nach unseren Maßstäben nicht schlecht. Sie haben auch ähnliche Interessen wie wir hier in Europa. Sie hören gerne Musik, tanzen, gehen shoppen, dies aber eher in der Gruppe mit Familienmitgliedern. Und sie dürfen ihre indische Lieblingssoap nicht verpassen- vorausgesetzt es gibt Strom. Aber für die meisten, insbesondere in ländlichen Gebieten, hat sich seit dem Sturz der Taliban nicht viel geändert. Noch immer beträgt die durchschnittliche Lebenserwartung für Frauen in Afghanistan 44 Jahre. Die Mütter- und Kindersterblichkeit ist die zweithöchste der Welt, beinahe gleichauf mit Sierra Leone. Noch immer ist es die Regel, dass Frauen zwangsverheiratet werden, es ihnen verboten wird, wenn überhaupt, alleine das Haus zu verlassen und sie tagtäglicher Gewalt ausgesetzt werden. Nur sind es jetzt verstärkt die Familien und die Gesellschaft von denen dies ausgeht, nicht der Staat. Sind Ihnen Fälle bekannt, in denen Frauen verätzt wurden oder eine andere Art der Gewalt erfahren haben? Veronika Picmanova: Zu viele um sie hier aufzuzählen. Ein Großteil der afghanischen Frauen ist immer noch von physischer, psychischer oder sexueller Gewalt bedroht. Ich sage bewusst bedroht, denn ich will sicher nicht behaupten dass sie alle diese Gewalt auch tatsächlich erleben, aber die ständige Gefährdung ist ein grundsätzlicher Teil des Lebens der meisten Frauen dort und für sich genommen bereits eine Gewalterfahrung. Aber um Ihre Frage etwas spezifischer zu beantworten, möchte ich nur auf einen Fall der jüngeren Vergangenheit hinweisen. So wurden letztes Jahr 15 Mädchen in Kandahar, auf dem Weg zur Schule mit Säure bespritzt. Eines davon hat dabei sein Augenlicht verloren. Wie hoch ist der Prozentsatz der Analphabetinnen in Afghanistan? Haben Sie den Eindruck, dass sich die Situation auf dem Bildungssektor positiv verändert? Veronika Picmanova: Je nachdem wen Sie fragen, bewegt sich das irgendwo zwischen 80 und 90 Prozent. Auch hier gibt es aber große regionale Unterschiede. Es gab sicher starke Verbesserungen, aber leider ist momentan wieder ein gegensätzlicher Trend zu beobachten, da gerade Schülerinnen und Schulen verstärkt Opfer von Drohungen und Gewalt werden. Ich weiß nicht wie verlässlich diese Zahlen sind, aber ich habe gehört das bis zu 600 Schulen geschlossen werden mussten weil es zu gefährlich geworden ist sie offen zu halten.Das wirft natürlich den Aufbau des Landes weit zurück, da eine echte Verbesserung der Situation ganz entscheidend vom Zugang zu Bildung für die junge Generation abhängt, nicht zuletzt für die Mädchen. Können Sie den Alltag der Frauen und Kinder in Afghanistan beschreiben? Veronika Picmanova: Einige Aspekte des Frauenalltags habe ich bereits angeschnitten. Allgemein gilt jedoch: Das alltägliche Leben, ob privat oder beruflich, spielt sich innen ab, selten draußen, in der Öffentlichkeit. Äußerten sich Afghanen Ihnen gegenüber offen über die Situation im Land? Gibt es die moderaten Taliban, mit denen die USA angeblich in ein Gespräch eintreten möchten? Veronika Picmanova:: Ja, sogar sehr oft. Man kann wirklich sagen, dass alle den langen Krieg und die stetige Instabilität in ihrem Land satt haben. Sie wünschen sich einfach nur Ruhe und ein "normales" Leben ohne Angst und Terror. Und für viele heißt das auch ohne fremde Einmischung. Und nein, den "moderaten Taliban" gibt es schon per Definition nicht. Diese Leute sind Fanatiker und ihr Weltbild somit ganz klar in Schwarz und Weiß geteilt. Kompromisse kann es da nicht geben. Allerdings gibt es viele die sich nur als Taliban bezeichnen - sei es aus Opportunismus oder Sympathie mit deren Ideologie. Bei diesen Leuten könnte es, mit viel Geduld und vielen Änderungen in der amerikanischen Vorgehensweise, irgendwann die Chance zur Zusammenarbeit geben. Weitere Informationen: http://www.veronika-picmanova.de Veronika Picmanova war 1 1/2 Jahre in Kabul für das Projekt der "Deutschen Welle" als Ausbilderin der afghanischen Techniker beim staatlichen Fernsehsender RTA (Radio Television Afghanistan) tätig. Das weitere Jahr war Picmanova für die internationale Schutztruppe der NATO (ISAF) als Fotojournalistin und "Forward Media Team Leader" in Mazar-e-Sharif engagiert.

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