Münchens Oberpräparator Alfred Riepertinger berichtet über sein Leben mit dem Tod

"Der Gefährte der Toten"

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Münchens bekanntester Oberpräparator ist ein Germeringer.
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Der Geruch von starkem Reinigungsmittel durchströmt den Raum, weiße Kacheln wohin das Auge reicht und mittig stehen beinahe bedrohlich vier metallene Sektionstische. Ein leichter Schauer stellt sich ein, die Nackenhaare kräuseln sich beim Betreten des Sektionssaals des Schwabinger Klinikums. Gesehen haben ihn mit Sicherheit schon viele – Bekanntheit erlang er durch unterschiedliche Fernseh- und Filmproduktionen, die immer wieder dort zu Gast sind. Gerade da ist die Vorstellung, dass hier einst Menschen wie Modezar Rudolph Moshammer oder Sänger Roy Black lagen, bevor sie ihre letzte Ruhe fanden, aufwühlend und erscheinen unwirklich. Für den Germeringer Alfred Riepertinger ist das jedoch Alltag. Der Oberpräparator sieht dem Tod tagtäglich ins Auge.

Germering/ München - Angefangen hat alles bereits in seiner Kindheit. Aufgewachsen in Giesing, war die Nähe des Ostfriedhofs für ihn immer präsent. „Der Friedhof und Särge haben mich schon immer fasziniert. Damals wurden viele Tote noch offen aufgebaut“, erklärt er. So ergab sich die Frage für ihn, was passiert dahinter. Obwohl er zunächst eine Lehre zum Werkzeugmacher absolvierte, ließ Riepertinger die Faszination Tod nie wirklich los. Nebenbei – bereits als 16-Jähriger – arbeitete er bei einem Germeringer Bestattungsunternehmen und lernte so die ersten wichtigen Kenntnisse aus dem Bestattungswesen und vor allem den Umgang mit dem Tod, den Toten und mit deren Angehörigen. Durch seinen Zivildienst landete er in der Münchner Pathologie in Schwabing – im Leichenabholdienst gestartet, ist er letztendlich im Institut geblieben und das seit 1977. 

Faszination Tod

Sein Faible für die Endlichkeit des menschlichen Seins hatten andere schnell bemerkt und ihn stetig gefördert, so sagt Riepertinger. Als er dann vom Oberarzt angesprochen wurde, ob er nicht als Präparator bleiben möchte, war für ihn die Antwort sofort klar. 120 Anatomiestunden, viel Leidenschaft und Engagement sowie herausragende Wegbegleiter, die an ihn und seine Fähigkeiten geglaubt haben, haben ihn schließlich zu dem gemacht, der er heute ist. Er habe immer viele Fragen gestellt, auch an Ärzte und andere Präparatoren. So lernte er zudem Gunther von Hagens kennen, der durch seine Körperwelten-Ausstellung Ruhm erlangte und bei dem er viele Stunden verbrachte und sich dessen Wissen aneignete. 

30.000 Leichname später

Heute füllt Riepertinger Säle mit bis zu 500 Zuhörern, führt unterschiedliche Gruppen durch die Siegfried-Oberndorfer-Lehrsammlung mit etwa 1.200 Präparaten im Keller des Instituts, schreibt Bücher und hält Lesungen wie beim Krimifestival München – hier zuletzt über Mumien. Über 40 Jahre und rund 30.000 Leichname später, sitzt er an seinem großen Eichentisch im Haus 32 am hinteren Ende des Schwabinger Klinikums und berichtet von seinem Leben mit dem Tod. Egal, wer bei ihm schon auf dem Tisch lag, für ihn ist die Herangehensweise immer die Gleiche. Respektvoll und routiniert geht er mit ihnen um. Geschaudert hat es ihn noch nie, auch wenn Unfall- oder Mordopfer zu ihm kamen. „Unsere Aufgabe ist es, den Körper so wieder herzurichten, dass die Angehörigen in Würde Abschied nehmen können“, sagt er. Auch an den Geruch der Fäulnis habe er sich schnell gewöhnt, aufregen würde ihn nur die weitläufige Meinung, der Tod würde süßlich duften, „das ist absoluter Quatsch“. Ebenso schlimm finde er es, wenn sich Kommissare im Film eine Tigerbalsam Paste unter die Nase reiben würden – so etwas hätten sie bei ihm auch schon gemacht, das sei „absolut kontraproduktiv“, so Riepertinger. 

Kritik an  Anonymisierung der Menschen

Der Irrglaube der Menschen rund um das Thema Tod beschäftigt Riepertinger in den letzten Jahren, im Zuge der fortschreitenden Anonymisierung, immer mehr. „Die Gesellschaft hat sich verändert, man kennt seine Nachbarn nicht mehr und da kommt es auch häufiger zu Fällen, dass Menschen nach mehreren Monaten oder sogar Jahren tot in ihrer Wohnung gefunden werden – da sie nicht vermisst werden“, erklärt der Münchner Oberpräparator. Umso kritischer sieht er deshalb den Umgang mit dem Tod, auf den sich die wenigsten vorbereiten. Für ihn ein natürlicher Prozess, der zum Leben nun mal dazugehört, auch wenn er ihn, wie bei dem Tod seines Vaters, ebenso in einen Ausnahmezustand versetzte. 

"Von den Toten ist noch keiner zurückgekehrt" 

Wichtig sei ihm, dass in der Familie rechtzeitig darüber geredet wird, dass Wünsche geäußert und Dinge geklärt werden, bevor es vielleicht zu spät ist, um auch eine bessere Trauerarbeit gestalten zu können. Seinen Vater hat er damals selbst eingekleidet, für ihn selbstverständlich – jemand anderen hätte er nicht an ihn herangelassen. Die Angst, was nach dem Tod auf einen wartet, die haben viele, beschreibt er, aber zurückgekommen sei noch niemand. Solange das Hirn noch funktioniert, ist ein Mensch noch am Leben. Deshalb glaube er auch nicht an sogenannten Nahtoderfahrungen, bei denen Menschen das Paradies, das Licht am Ende des Tunnels oder bereits verstorbene Verwandte gesehen hätten. Das gaukle einem das Gehirn vor, mit der Realität habe das nichts zu tun. Auch wenn in seinem Alltag Surreales und die Wirklichkeit durchaus verschwimmen können. 

Der Tod als Begleiter

Der Tod als ständiger Begleiter, für viele eine bedrückende und verängstigende Vorstellung. Nicht so für Alfred Riepertinger. Die Reaktionen anderer, wenn sie das erste Mal den Sektionssaal betreten oder die Präparate der Sammlung sehen, bekomme er gar nicht richtig mit, für ihn ist das alles selbstverständlich geworden. Auch wenn er sich in seiner Freizeit lieber Sachbücher und Fachliteratur zu Gemüte führt, so ist er auch nicht abgeneigt einen guten Krimi zu lesen. Aufregen würde ihn nur, wenn sie gänzlich an der Realität vorbeischlittern, genau wie Film- und Fernsehfilme. Und die werden zuhauf bei ihm im Sektionssaal gedreht, zuletzt waren „Der Alte“ oder Rita Falks Dorfpolizist Franz Eberhofer vor Ort. Als Berater steht er dann bereit, damit alles möglichst echt rüberkommt. „Nicht wie in amerikanischen Serien, bei denen nur ein Spotlight auf die Leiche gerichtet ist – da sieht man doch nichts“, empört sich Riepertinger. Sein Sektionssaal hat deshalb hohe Decken, große Fenster, ist lichtdurchflutet und steht so, wie er im Jahr 1910 gebaut wurde. „Ich habe mich geweigert, dass sie etwas daran ändern. Was gibt es besseres als diese Metalltische aus den sechziger Jahren und einen weiß gefliesten Raum“, beschreibt er weiter. Er setze voll und ganz auf die alte Technik. 

Sein Beruf - ein Handwerker

Obduktionen finden heute kaum noch bei ihm statt, etwa 30 hätte er dieses Jahr gehabt. Sein Job hat sich in den letzten Jahren mehr zu einer Art „Management rund um die Toten entwickelt“. So habe er aber auch zwangsläufig mehr Zeit für andere Dinge. Der Beruf des Präparators sei auch ein abwechslungsreicher und hat ihn schon an viele Orte auf der ganzen Welt geführt. Durch seinen neuen Chef, den Pathologen Professor Andreas Nerlich, der ein internationaler Mumienforscher ist und schon Ötzi untersuchte, hat er Gruftbergungen unter anderem in Thüringen und Sachsen vorgenommen und sein neuestes Buch darüber verfasst. Er sieht sich als „Handwerker“, der dem Akademiker im Vorhinein hilft und alles organisiert – wie den Transport der Mumie von A nach B. An Mumien faszinieren würde ihn, dass sich die alten Ägypter nicht nur auf die Natur verlassen haben, sondern der Perfektion nachgeholfen haben und die Körper fachgerecht balsamiert haben, so dass viele bis heute noch gut erhalten gefunden werden können. 

Über Gruften und Mumien

Geschichtsträchtige Funde haben es ihm besonders angetan, wie er berichtet. So der Fund von fünf Mumien in einer vergessenen Adelsgruft in Dötting. Vier der fünf Leichen waren auf natürliche Weise ausgetrocknet, die Mumie der kleinen Karolina, Tochter der Adelsfamilie von Jordan, war professionell konserviert worden. Die Organe wurden entnommen und in 70 prozentigem Cognac eingelegt. „Sie sahen so aus, als ob sie vor einer Woche eingelegt wurden und nicht vor knapp 200 Jahren“, schwärmt der Präparator. Man Wisse nie, was man in einer Gruft zu Gesicht bekäme, aber das mache den Reiz aus. Wichtig für die Mumifikation sei immer ein steter Luftstrom, sonst kann es auch vorkommen, dass ein Teil der Mumie gut erhalten und der andere skelettiert ist. 

Die Zukunft der Schwabinger Pathologie

Zum Ende dieses Jahres verabschiedet sich Alfred Riepertinger in den selbsternannten „Unruhestand“. Nein, so ganz kann er nicht von den Toten lassen. Er will weiterhin die Vertretung für seinen Kollegen im Institut machen und Führungen abhalten. Viel wichtiger sei ihm aber noch, was mit der Lehrsammlung und den Räumlichkeiten in Schwabing geschieht, da das Klinikum angekündigt hat, die Pathologie an das Bogenhausener Klinikum auszulagern. Geplant ist ein Museum – und dieses Vorhaben hat Riepertinger zu seinem persönlichen Ziel gemacht. Eine bedrückte Stimmung stellt sich zum Schluss ein. Was ansonsten mit den Präparaten der Sammlung, von denen die ersten aus dem Jahr 1912 stammen, passiert, wisse er nicht, so der Germeringer, der seit 1963 in seinem Elternhaus lebt. 

Claudia Becker

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