Mutmacher - Singen half über Krebserkrankung hinweg

Es

war wie „ein kleiner grausamer Tod“. Diese schreckliche Diagnose im Jahre 2005 warf mich total aus der Bahn. „Muss ich jetzt sterben?“, war meine erste Frage an alle Ärzte, die von nun an mein Leben bestimmten. Dabei war ich regelmäßig zu den Vorsorgeuntersuchungen gegangen. Jedes Jahr zur Mammographie und trotzdem Brustkrebs, fortgeschritten, er hatte bereits gestreut. Erst eine Kernspinuntersuchung in einem anderen Radiologiezentrum brachte Klarheit. Dann noch einmal eine Gewebeentnahme in einer großen Münchner Klinik. „Das tut mir sehr leid“, sagte der Klinikarzt, sie haben einen großen Leidensweg vor sich, lassen sie bloß keinen Ärger mehr an sich ran. „Volles Programm“, stellte ein anderer Arzt fest, „Sie werden nicht darum herumkommen. Es gibt leichte Brustkrebserkrankungen, da braucht man nicht einmal Chemotherapie, aber in Ihrem Fall…..“. Das aber war erst der Anfang. Die Brustabnahme erfolgte in einem zertifizierten Brustzentrum in der Nähe von München. Chemotherapie und Bestrahlung wurden in München durchgeführt. Ich weinte viel und befand mich nicht nur in einem tiefen Loch, sondern in einem unendlichen Krater. Obwohl meine Familie voll hinter mir stand, veränderte sich meine Wahrnehmung zur Umwelt drastisch. Ein grauer Tag voll von Leid ging über in eine schlaflose, nicht enden wollende Nacht voller Angst und Elend. Von allen Seiten kamen freundschaftliche Ratschläge und richtig nervende Vorträge über „positives Denken“. Kann eigentlich ein nicht von dieser Krankheit Betroffener beurteilen, wie sich ein Krebspatient fühlt? Ich glaube kaum. Aber es war ja nur gut gemeint. Nach langer Suche bekam ich Termine bei einer sehr engagierten Psychotherapeutin. Kurzfristig halfen mir Tabletten, die ich aber bald wieder absetzte, da ich aus eigener Kraft wieder zu mir selbst finden wollte. Aber am erfolgreichsten waren andere Therapien. Die Liebe meiner Tiere und die Furcht, sie verlassen zu müssen, gaben mir großen Auftrieb. Als ich mit meinem Hund wieder längere Spaziergänge machen konnte, merkte ich zum ersten Mal in meinem Leben, dass ich ein Teil dieses Universums bin. Mit all meinen Sinnen nahm ich die Natur in mich auf, erlebte Wind und Regen anders als vor meiner Erkrankung und sah es als ein Zeichen, wenn sich dunkle Wolken auseinander schoben, um ein kleines Stück blauen Himmels frei zu geben. Es folgten weitere schwere Operationen, vor denen ich große Angst hatte. Nach einem fehlgeschlagenen Brustaufbau durch einen Gynäkologen, erhielt ich endlich durch die plastische Chirurgie den künstlich geformten Körperteil meiner selbst, der mir mein Selbstbewusstsein wieder zurückgab. Der Zufall wollte es, dass ich eines Tages beim Gassigehen jemandem begegnete, der von seiner Mitgliedschaft in einem Chor erzählte. Spontan fragte er, ob ich mal mitkommen möchte und spontan sagte ich zu. Das war die Gelegenheit, das Dunkel und den fest in meiner Seele verankerten Schmerz einfach aus mir herauszusingen. Es war wie eine große Befreiung, ich konnte wieder leben, mich freuen und fröhlich sein. Auch wenn Familie und Freunde immer an meiner Seite waren, haben mir doch vor allem mein Hund, die Musik und mein Lebenswille geholfen, wieder vollständig auf die Beine zu kommen. Und selbst wenn die unterschwellige Angst, wieder zu erkranken, mich niemals loslassen wird, ich lebe heute und jetzt - und ich lasse mich nicht unterkriegen. Gernlinden, 17. Febr. 2011

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