Nach fünf Auslandseinsätzen zurück aus Afghanistan – Oberstarzt Dr. Heinz-Gerhard Schlich berichtete bei einem Pressegespräch im Brucker Fliegerho ...

Der stellvertretende Kommandeur der 1. Luftwaffendivision, Brigadegeneral Hans-Georg Schmidt (li.) vor der Landkarte von Afghanistan im Gespräch mit Oberstarzt Dr. Heinz-Gerhard Schlich. Foto: Dieter Metzler

Auf insgesamt fünf Auslandseinsätze blickt der Divisionsarzt im Kommandostab der 1. Luftwaffendivision (LwDiv), Oberstarzt Dr. Heinz-Gerhard Schlich, in den vergangenen Jahren zurück. Nach Einsätzen auf dem Balkan und erstmals 2005 am Hindukusch kehrte der 60-Jährige am 20. Juli 2011 von seinem Einsatz aus Afghanistan zurück. Vier Monate lang hat der in Memmingen wohnende Oberstarzt als Kommandeur des Sanitätseinsatzverbandes in Masar-e Sharif die sanitätsdienstlichen Aufgaben koordiniert und als fachlicher Berater des Befehlshabers Regional Command North fungiert. Am 1. September berichtete der Allgemein, Betriebs- und Flugmediziner bei einem Pressegespräch im Brucker Fliegerhorst über seinen letzten dienstlichen Einsatz.

"Die Erlebnisse und Erfahrungen bei so einem Einsatz gehen an einem nicht spurlos vorüber," sagte zunächst einleitend der stellvertretende Kommandeur der 1. LwDiv, Brigadegeneral Hans-Georg Schmidt. Er weiß, wovon er spricht, denn er war Anfang März erst selbst von einem achtmonatigen Einsatz aus Afghanistan zurückgekehrt. Man höre über die Lage in den Krisengebieten momentan erfreulicherweise weniger, so Schmidt. Er vermutet nach Beendigung des Fastenmonats Ramadan aber wieder einen Anstieg der Anschläge. Im Vergleich zu seinem Einsatz am Hindukusch vor sechs Jahren habe sich die Lage verschlechtert, erzählte Oberstarzt Dr. Schlich. In der diesmal angetroffenen Häufigkeit und Intensität seien damals weder Verletzte noch Tote zu beklagen gewesen. Auch habe man sich in Kabul noch verhältnismäßig frei bewegen können. Gleich zwei Wochen nach seiner Ankunft in Masar-e Sharif habe er das erschütterndste Ereignis erleben müssen, berichtete Dr. Schlich, als ihnen die Fundamentalisten nach einem Angriff auf das UN-Hauptquartier sechs tote US-Soldaten „vor das Tor“ legten. Auch seien im Vergleich zu seinem ersten Einsatz die zu bewältigenden Aufgaben erheblich umfangreicher geworden, so Dr. Schlich. Deshalb begrüßte er die bei seinem zweiten Einsatz inzwischen vorgenommene Trennung der Aufgaben des Kommandeurs des Einsatzverbandes und des Leitenden Sanitätsoffiziers (LSO). So konnte er sich als Kommandeur mehr der truppen- und fachdienstlichen Belange der ihm unterstellten 280 in Kunduz, Kabul und Feyzabad dislozierten Soldaten annehmen, während der LSO sich voll auf die Stabsdienstgeschäfte und die internationale Aufgabenwahrnehmung konzentrieren konnte. Das deutsche Einsatzlazarett, das durchaus den Vergleich mit einem Kreiskrankenhaus standhält und international hoch angesehen ist, dient vornehmlich als Notfallbehandlungseinrichtung für die Angehörigen der Internationalen Schutztruppe. Je nach Kapazität behandelt es aber auch afghanische Soldaten und Polizisten und einheimische Staatsbürger. Ein Problem stellt dabei das unterschiedliche Keimspektrum dar. „Um einen Transfer von Erregern auf die Europäer zu verhindern, müssen Einheimische und unseren Soldaten strikt getrennt werden, wodurch ein höherer Pflege- und Behandlungsaufwand erforderlich wird“, schilderte Dr. Schlich die Lage. Profitiert habe man auch von den Erfahrungen der US-Armee und den Israelis, berichtete der Divisionsarzt, der in der Heimat für die im Bereich der 1. LwDiv tätigen Fliegerärzte zuständig ist. So begleitet seit zwei, drei Jahren ein Rettungsmediziner, ein Assistent und Kraftfahrer stets einen ausrückenden Konvoi. Aus Sicherheitsgründen wird dabei auf die äußerliche Kennzeichnung mit dem „Roten Kreuz“ verzichtet, nachdem diese Fahrzeuge stets als erstes angegriffen wurden. „Wir reden medizinisch nicht mehr von der „golden hour“, sondern von der „platin minute“ informierte Dr. Schlich, wobei er die Begleitung des Sanitätstrupps auch als moralisch wichtigen Aspekt für die Soldaten bezeichnete. Auch die Behandlung von Soldaten mit traumatischen Erlebnissen habe sich verbessert, berichtete Dr. Schlich. Nachdem es unter den Soldaten nicht mehr so verpönt sei, sich entsprechend zu outen, sei der Behandlungsbedarf erheblich gestiegen. Insgesamt habe die Bundeswehr auf die öffentliche Kritik, sie kümmere sich zu wenig oder zu spät um die Soldaten mit posttraumatischen Belastungsstörungen, reagiert. Man habe das soziale Netzwerk ausgebaut, informierte Brigadegeneral Schmidt. So gebe es für die Soldaten schon eine umfangreiche Einweisung vor dem Einsatz. Im Einsatzland stehen Psychologe, Militärseelsorger, Arzt und Sozialdienst zur Verfügung, die sich auch untereinander einmal in der Woche austauschen. Und nach Rückkehr vom Auslandseinsatz muss jeder Soldat an einem Einsatznachbereitungsseminar teilnehmen. Rückblickend bezeichnete Dr. Schlich seinen letzten Auslandseinsatz in seiner beruflichen Karriere als „hochinteressant und befriedigend“. Seine größte Freude sei gewesen, dass er ein eingespieltes Team vorgefunden habe, das professionell gearbeitet habe und jedem internationalen Vergleich standhalte.

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