Nach der 40. Gedenkveranstaltung an die Opfer des Olympia-Attentats plant Ministerpräsident Seehofer einen Gedenkraum

Dekan Albert Bauernfeind, Katholisches Dekanat FFB (l.), Dekan Stefan Reimers, Evangelisch-Lutherisches Dekanat FFB und Gemeinderabbiner Arie Folger vom Rabbinat der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern im Gespräch.

Acht prominente Redner, die Nationalflaggen auf Halbmast, Kerzen vor den Porträts der 11 ermordeten israelischen Sportler des Olympia-Attentats von 1972, die Angehörige der Opferfamilien entzündeten, Überlebende des Attentats erstmals am Schauplatz des Massakers von 1972, ein gemeinsamer Wortgottesdienst mit Dekan Stefan Reimers, Dekan Albert Bauernfeind und dem Rabbiner Arie Folger, hohe Politiker, Sportfunktionäre und Bürger/innen unter den 600 Besuchern, Musik und Chorgesang, ein Dutzend Fernsehteams und über 100 Pressevertreter, ein Staatsempfang, die Gedächtnis-Ausstellung, die Eintragung ins Goldene Buch und ein frisch gepflanzter Baum: Eine würdige Gedenkveranstaltung einerseits, aber auch eine Gelegenheit für harte Worte und Kritik am damaligen Vorgehen in nachfolgenden Reden. Pläne für einen jedermann zugänglichen Gedenkraum kündigte Ministerpräsident Horst Seehofer an.

Dr. Dieter Graumann, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, ließ seinen Emotionen in der Rede freien Lauf: Seine Wut sei nicht vergangen, sein Zorn nicht verraucht, seine Tränen nicht getrocknet. Mit dem früheren IOC-Präsidenten Avery Brundage, der den Satz geprägt hat, "the games must go on", ging er hart ins Gericht, sodass Oberbürgermeister Christian Ude sich genötigt sah, in seiner Rede die Scherben zu kitten. Ankie Spitzer, die Witwe des ermordeten Fechttrainers Andre Spitzer – sie sprach im Namen der Angehörigen der Opferfamilien und der Überlebenden des Attentats – erinnerte an die brutale Behandlung der Geiseln durch die Terroristen – den schwerverletzten Romano habe man verbluten lassen. Mit den damaligen Ereignissen, dem missglückten Versuch, die Geiseln zu retten, verbindet sie "Inkompetenz und Arroganz" - von zu spät freigegebenen Dokumenten ganz abgesehen. Für die Juden in Deutschland, so Graumann, sei das Geschehen vom 5. September 1972 noch heute sehr präsent, und traumatisch obendrein. Graumann: "Die Kälte des IOC dauert fort, sogar bis in unsere Tage hinein. Bei der Eröffnungszeremonie in London bei der diesjährigen Olympiade verweigerte das IOC ausdrücklich und hartherzig eine Schweigeminute für die vor genau 40 Jahren ermordeten israelischen Sportler. Obwohl in einer Petition das über 110 000 Menschen sich doch gewünscht hatten." Und an Ankie Spitzer gewandt: "Liebe Frau Spitzer, glauben Sie dennoch nicht, Ihre Bemühungen waren umsonst, denn wir alle, die wir Ihre Petition tatkräftig unterstützt haben, haben auch ohne den IOC an unsere Helden gedacht, mehr als nur eine Minute." Dr. h.c. Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Vizepräsidentin des Jüdischen Weltkongresses: "Erstmals haben wir heute die historische Möglichkeit, die Hinterbliebenen der Opfer aus Israel in unseren Kreis mit aufzunehmen und mit ihnen gemeinsam zu gedenken. Dafür gebührt unseren Gästen unser aller Hochachtung." Wichtig sei auch, so betonte Knobloch, dass die Geretteten als Zeitzeugen über ihr Erlebtes berichten. Thomas Bach, IOC-Vizepräsident - DOSB-Präsident: "Seit diesem Ereignis feiern wir das große friedliche Weltfest des Sports und andere Großereignisse unter der ständigen Bedrohung durch Terror. Das Internationale Olympische Komitee hat seinerzeit dennoch nicht resigniert und mit der Fortführung der Olympischen Spiele nach einem bewegenden Tag der gemeinsamen Trauer ein entschlossenes Zeichen im Kampf gegen Terrorismus gesetzt." "Es ist für uns alle ein historischer Moment, der uns tief im Innersten berührt," sagte Landrat Thomas Karmasin. "Das war in besonderer Weise spürbar, als wir uns am Vorabend unter Ausschluß der Öffentlichkeit am Ort des Anschlags begegnet sind und miteinander der Ermordeten gedacht haben." Unter den prominenten Gästen, die der Landrat namentlich begrüßte, waren der Erste Vizepremierminister des Staates Israel, Silvan Shalom, Botschafter Yakov Hadas-Handelsman, sowie die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Dr. Charlotte Knobloch und Dr. Dieter Graumann, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Und Bundesminister des Inneren, Dr. Hans-Peter Friedrich,der in Vertretung der Bundesregierung nach Fürstenfeldbruck gereist war, in Vertretung des Bundesministers der Verteidigung, war Parlamentarischer Staatssekretär Christian Schmidt, gekommen, in Vertretung des Bundesaußenministers die Staatsministerin Cornelia Piper, auch Abgeordnete des Bundestages waren vor Ort. Für den Freistaat Bayern hieß der Landrat Ministerpräsident Horst Seehofer mit den Staatsministern Joachim Herrmann und Ludwig Spaenle willkommen sowie den ehemaligen Staatsminister a.D. Dr. Bruno Merk. Für den Bereich des Sports waren der Präsident des NOK Israel, Zvi Varshaviak, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, Dr. Thomas Bach und das israelische IOC-Mitglied Alex Gilady sowie der Bürgermeister des Olympischen Dorfes 1972, früherer Präsident des NOK Deutschland, Prof. Dr. Walther Tröger gekommen. Auch die Landtagsabgeordneten Reinhold Bocklet und Kathrin Sonnenholzner und der Präsident des Bayerischen Verfassungsgerichtshofes, Dr. Karl Huber, sowie der französische Generalkonsul Emmanuel Cohet und der US-Generalkonsul William Moeller waren zum Gedenken erschienen. Auch der Fürstenfeldbrucker Oberbürgermeister Sepp Kellerer und sein Münchner Kollege Christian Ude, Altoberbürgermeister/Bundesminister a.D. Dr. Hans-Jochen Vogel sowie zahlreiche Mitglieder kommunaler Gremien besuchten die Gedenkveranstaltung. In seiner Rede erklärte Erster Vizepremierminister des Staates Israel Silvan Shalom, die israelischen Sportler seien ermordet worden, weil sie "auf der falschen Seite" waren. Shalom warnte vor dem weltweiten Terror und erwähnte auch den Iran, dessen Führer den "Israelischen Staat eliminieren wollen". Zvi Varshaviak, Präsident des NOK in Israel berichtete, er habe mit einer Delegation vor wenigen Stunden einen Kranz im Olympischen Dorf niedergelegt, wo die "mörderische Reise einer arabischen Terrorbande begann, die hier an diesem Ort, wo wir stehen, genau vor 40 Jahren, endete." Eindringlich mahnte der israelische NOK-Präsident: "Es ist unser aller Verpflichtung, zu erinnern und nicht zu vergessen! 40 Jahre sind vergangen, und nun ist Zeit, hier und jetzt, dass sich die Olympische Bewegung für die Erinnerung und für das Gedenken einsetzt, um das Vermächtnis zu prägen. Dies ist unsere Pflicht als Mitglieder der Olympischen Bewegung, insbesondere für die junge Generation." Bundesinnenminister Friedrich betonte, der 5. September habe sich in das Gedächtnis eingegraben. Die Sommerferien damals seien nur von einem Thema beherrscht gewesen: Olympia. "Aber dann ereignete sich etwas, was nichts miteinander zu tun hat: hier die Welt des Sports und da die Fratze des Terrors. Ausgerechnet Deutschland, das wenige Jahrzehnte davor Schuld auf sich geladen hat, konnte die israelischen Sportler nicht schützen!" Deutschland habe damals nach dem Terrorakt eine wichtige Konsequenz gezogen, mit der GSG 9. Den israelischen Opferfamilien gab Friedrich mit auf den Weg: "Sie und Ihre Lieben bleiben in unserem Gedächtnis und in unserem Herzen." Ministerpräsident Horst Seehofer sagte: "Wir können die Wunde nicht heilen, aber den Schmerz lindern." Bayern wolle einen Gedenkraum errichten, der für jeden zugänglich ist und wo die Biographien der Mordopfer im Mittelpunkt stehen. Die Planung erfolge gemeinsam mit dem Israelischen Generalkonsulat, der Israelitischen Kultusgemeinde, mit dem Innenministerium, der Stadt München und dem Deutschen Olympischen Sportbund.

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