Erst wird gegraben, dann gebaut

Neues Briefverteilzentrum in Germering: Archäologische Grabungen lassen großes Dorf erahnen

Stadtarchivar Marcus Guckenbiehl mit Fundstücken.
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Stadtarchivar Marcus Guckenbiehl mit Fundstücken.

Germering – Voraussichtlich gegen Ende 2023 soll das neue Briefverteilzentrum in Germerung seinen Betrieb vollständig aufnehmen. Bis dahin sind noch einige Schritte nötig – unter anderem archäologische Grabungen, die derzeit stattfinden.

Diese lassen nicht nur die Dimension erahnen, in denen der neue Bau geschaffen wird. Für den Germeringer Stadtarchivar Marcus Guckenbiehl ist auch beim Blick in die Vergangenheit klar: „Hier war einmal ein sehr großes Dorf.“ Das bezieht sich auf das Frühmittelalter, etwa das sechste Jahrhundert. Erahnen lassen das allein schon die unzähligen kleinen Täfelchen mit Nummern, die über das weite Feld verstreut sind. Mit ihnen lassen sich Hauspfosten, Grubenhäuser oder Brunnen zuordnen. „Jeder Bodeneingriff, der früher erfolgt ist, ist sichtbar“, erklärt Guckenbiehl, die vielen dunklen Stellen.

Neben den typischen so genannten „Pfostengruben“ der damaligen Holzhäuser, bei denen die tragenden Pfosten in den Boden eingegraben wurden und deren Spuren sich heute als dunkle Verfärbungen abzeichnen, ließen sich viele Brunnen nachweisen. Germering wies damals schon keine Bäche und Flüsse auf, aber unweit der Oberfläche war das Grundwasser leicht zu erreichen. Mit ein Grund, warum sich Menschen hier vor rund 1.400 Jahren ansiedelten, war der niedrige Grundwasserstand. „Zwei Meter oder vielleicht auch drei seien das gewesen“, teilt Guckenbiehl mit. Je näher es hin zur Autobahn geht, desto tiefer hätte man graben müssen. Daher sei auch die hohe Zahl an Brunnen interessant.

Brunnen immer nah an den Siedlungen

Unklar sei nur, ob jedem der Häuser, die im Frühmittelalter nach Ost-West ausgerichtet waren, eine solche Wasserstelle zugeordnet gewesen sei oder die Versorgung für zwei Gebäude gewährleistete. „Die Brunnen waren immer nah an den Siedlungen“, so Guckenbiehl. Zwar habe es auch außerhalb der Siedlungen solche Wasserstellen, doch seien dies in der Regel wohl Tränken für das Vieh gewesen.

Doch soweit raus muss Birgit Anzenberger, Geschäftsleiterin des gleichnamigen Fachbüros im oberpfälzischen Furth für archäologische Dienstleistungen, nicht gehen. Man beschränkt sich erst einmal auf den Teil des künftigen Baus, in dem Tiefgarage und Zentralgebäude angesiedelt sein werden. Damit soll beim Bauen begonnen werden.

Ganz im Sinne des Bauherrn und auch von Bauprojektleiter Thomas Stief. „Ich beobachte das Ganze von der Warte der Zeit aus“, sagt er. So ist er in regelmäßigem Abständen im Austausch mit der Großen Kreisstadt Germering und dem archäologischen Fachbüro. Von dessen Stelle aus schätzt man nach aktuellem Sachstand: „Mit diesem inneren Bereich können wir im vierten Quartal 2021 fertig sein“, erklärt Anzenberger. Was die Angelegenheit verzögern könnte, wäre der Fund von zahlreichen Gräbern, wie Guckenbiehl hinzufügt. Begutachtung, Prüfung und Auswertung seien relativ zeitintensiv. Hier sei das aber wohl nicht zu erwarten.

Es sind nicht die ersten archäologischen Arbeiten, die in diesem Gebiet stattfinden. Erste Grabungen fanden bereits 1995 und 1996 sowie 1998 im direkten Anschluss im Südwesten statt. Damals konnten von einer so genannten Urnenfelderzeitlichen Siedlung, die zeitlich zur ausgehenden Bronzezeit zwischen 1200 und 800 vor Christus gehört, neben Gebäudegrundrissen auch ein Brunnen dokumentiert werden.

Über 1.200 archäologische Befunde untersucht

Zum typischen Fundmaterial gehören Siedlungsabfall wie Tierknochen und Keramikscherben. Wesentliche neue Erkenntnisse brachte 2013 der Bau des Paketverteilzentrums, wo über 1.200 archäologische Befunde untersucht wurden. Es stellte sich heraus, dass zu den bisherigen Siedlungen der Bronze-, der Eisen- und der Römischen Kaiserzeit noch eine Siedlung des frühen Mittelalters hinzukam. Dabei nahm in Richtung des Briefverteilzentrums die Dichte der archäologischen Befunde zu.

Auf dem Gelände des Briefverteilzentrums sei laut Guckenbiehl vor allem mit bronzezeitlichen und frühmittelalterlichen Befunden zu rechnen. „Daher sind große Teile der Fläche als Bodendenkmal ausgewiesen.“

Das neue Briefzentrum wird das bisherige Verteilzentrum an der Friedenheimer Brücke in München ersetzen. Es wird die Postleitzahlenbereiche 80 bis 82 bedienen. Ein Umzug mit ersten Teilinbetriebnahmen ist laut Post-Pressesprecher Erwin Nier zwischen dem vierten Quartal 2022 und dem vierten Quartal 2023 geplant. Vollständig in Betrieb gehen soll das Briefverteilzentrum voraussichtlich gegen Jahresende 2023. Die Kosten gab der Postsprecher mit einem dreistelligen Millionenbetrag im unteren Bereich an.

Hans Kürzl

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