Die NSDAP-Mitglieder in Fürstenfeldbruck – Wissenschaftliche Untersuchung von Historiker/Stadtarchivar FFB Dr. Gerhard Neumeier

Dr. Gerhard Neumeier, Historiker/Stadtarchivar Fürstenfeldbruck. Archiv-Foto: Dieter Metzler

In der Weimarer Republik hatte die NSDAP in Fürstenfeldbruck im Konkurrenzkampf mit der Bayerischen Volkspartei (BVP) sowie der ebenfalls dem bürgerlichen Lager zuzuordnenden Liste der Gemeindefreunde, die jedoch nur bei der Gemeindewahl im Jahr 1929 antrat, einen schweren Stand. Bei den beiden Reichstagswahlen im Jahr 1932 erreichte die NSDAP in Fürstenfeldbruck jeweils etwa ein Fünftel der Stimmen, bei der eingeschränkt freien Reichstagswahl im März 1933 kam die NSDAP bereits auf ca. ein Drittel der abgegebenen Stimmen, die BVP lag im Jahr 1932 noch bei knapp 51 % (Juli 1932) bzw. ca. 48 % (November 1932). Auch die Mitgliederzahl in der Nazipartei überstieg bis zum 30. Januar 1933 die Zahl von 100 Personen nur unwesentlich. In den Jahren 1933 bis 1945 traten dann insgesamt 1300 bis 1400 Personen der Partei Hitlers bei, Fürstenfeldbruck hatte im Jahr 1933 knapp 6 000, im Jahr 1939 knapp 9 000 und bei Kriegsende am 29. April 1945 ca. 10 000 Einwohner. Vor allem in dem Zeitraum vom 30. Januar 1933 bis zum 1. Mai 1933 sowie nach der Aufhebung der Mitgliedersperre im Jahr 1937 strömten viele Menschen in die NSDAP. Im Jahr 1940 erreicht der Anteil der NSDAP-Mitglieder an der Bevölkerung Fürstenfeldbrucks mit knapp 14 Prozent seinen Spitzenwert.

Die lokale NSDAP wurde proportional überdurchschnittlich von Handwerksmeistern – vor allem von Metzgermeistern und Bäckermeistern -, Bildungsbürgern wie Rechtsanwälten, Ärzten und Ingenieuren sowie von Künstlern getragen. Die geringste Affinität zur NSDAP wiesen angelernte und ungelernte Arbeiter/Handwerker auf. Angehörige von allen Bevölkerungsgruppen in Fürstenfeldbruck traten jedoch der NSDAP bei – gelernte, angelernte und ungelernte Arbeiter sowie Handwerker, Handwerksmeister und Kaufleute, freiberufliche Bildungsbürger und bei den Gebietskörperschaften angestellte bzw. verbeamtete Akademiker, einfache und mittlere staatliche sowie städtische Beamte und Angestellte sowie Künstler, bei den Frauen waren die einfachen und mittleren nichtstaatlichen Angestellten und die Hausfrauen überdurchschnittlich häufig in der NSDAP Mitglied. Etwa drei Viertel der NSDAP-Mitglieder in Fürstenfeldbruck waren Männer. Vom Kreisleiter Franz Emmer über den Ortsgruppenleiter Heinrich Böck hin bis zum 1. Bürgermeister Adolf Schorer und zu den Blockwarten war die Fürstenfeldbrucker NSDAP eine von Männern dominierte Partei. Der Anteil von einem Viertel Frauen ist im Vergleich zu dem Anteil von Frauen in den meisten anderen Orten Deutschlands jedoch sehr hoch. Dies lag vor allem daran, dass es in Fürstenfeldbruck mit Lilly Linke, Franziska Heitmeyr und Auguste Reber-Gruber drei sehr emsige Parteiaktivistinnen gegeben hat. Die Hauptgründe für die individuellen Parteigründe waren: Die völlige oder partielle ideologische und politische Überzeugung, der Glaube an die Versprechungen des Parteiprogramms, die Person Hitlers, die Überwindung des Versailler Vertrags, die „Erfolge“ der Nazis im Bereich der Außenpolitik bis in das Jahr 1941 sowie die Teilübereinstimmung mit den außenpolitischen Zielen, die persönlichen Erfahrungen in der Weltwirtschaftskrise in den Jahren 1929 bis 1933/35, die fast vollständige Beseitigung der Arbeitslosigkeit bis zum Jahr 1938, soziale Not, Karrieregründe, der Druck von Vorgesetzten wie beispielsweise durch Bürgermeister Schorer, die Attraktivität der „sozialistischen“ Aspekte des Nationalsozialismus, die Angst vor dem Bolschewismus, „Verhütung von schlimmeren Entwicklungen“, Opportunismus, Nationalismus, Antisemitismus oder eine Kombination von mehreren Faktoren. Beim Beitritt in die NSDAP waren die Fürstenfeldbrucker und Fürstenfeldbruckerinnen im Durchschnitt 37 Jahre alt. Knapp 40 Prozent der Männer und ca. 35 Prozent der Frauen traten der NSDAP erst im Alter von 41 Jahren oder älter bei. Diejenigen Personen, die im Alter von 40 – 50 Jahren der NSDAP beitraten konnten nach dem Krieg politische Unerfahrenheit nicht geltend machen, denn sie hatten bereits die Weimarer Republik bewusst miterlebt und kannten eine pluralistische Gesellschaft mit politischen Alternativen. In Fürstenfeldbruck bestand die NSDAP zu etwas mehr als zu drei Vierteln aus Katholiken, damit lag der Anteil der Katholiken in der NSDAP nicht weit unter dem Bevölkerungsanteil der Katholiken. Zwar waren auch in Fürstenfeldbruck die Protestanten leicht überdurchschnittlich häufig Mitglieder der NSDAP, aber bei weitem nicht in dem Ausmaß, welches für Deutschland insgesamt bekannt ist. Die NSDAP in Fürstenfeldbruck besaß also über die konfessionellen Grenzen hinweg Anziehungskraft für Angehörige der beiden großen christlichen Konfessionen. Etwa jeweils 15 Prozent der NSDAP-Mitglieder war in Fürstenfeldbruck bzw. in München geboren, weitere acht Prozent stammten aus dem Landkreis Fürstenfeldbruck, aus dem restlichen Oberbayern stammten etwa 10 Prozent, aus den anderen Teilen Bayerns ca. 28 Prozent aller NSDAP-Mitglieder. Die anderen Personen wanderten aus allen Teilen Deutschlands zu. Die Väter der NSDAP-Mitglieder waren überdurchschnittlich häufig einfache und mittlere staatliche bzw. städtische Beamte und Angestellte, Handwerksmeister und vor allem Arbeiter und Handwerker, desgleichen die Schwiegerväter. Diese sozialen Herkunftsmilieus waren also besonders anfällig für einen NSDAP-Beitritt. Die große Mehrheit der NSDAP-Mitglieder ging aus den Entnazifizierungsverfahren unbeschadet hervor. Nur knapp zwei Prozent der untersuchten ehemaligen NSDAP-Mitglieder war Hauptschuldiger, Belasteter oder Minderbelasteter, als Mitläufer wurde etwa ein Viertel dieser Personengruppe eingestuft und etwa zwei Drittel der ehemaligen NSDAP-Mitglieder in Fürstenfeldbruck kam in den Genuss der Weihnachts- oder Jugendamnestie. Der Autor Gerhard Neumeier, Stadtarchivar in Fürstenfeldbruck, hielt über dieses Thema am 17. April 2012 im Rahmen einer Veranstaltung des Historischen Vereins von Fürstenfeldbruck e.V. im Veranstaltungsforum Fürstenfeldbruck einen Vortrag, die Langversion dieses Vortrags erscheint in den nächsten drei Ausgaben der Zeitschrift „Amperland“. Eine Vertiefung des Themas ist auch durch das im Jahr 2009 erschienene Buch “Fürstenfeldbruck in der NS-Zeit. Eine Kleinstadt bei München in den Jahren 1933 bis 1945“ möglich.

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