Ohne Geld durch die Welt? - Ehemalige Lehrerin/Psychotherapeutin stellte ihr Lebensmodell bei der Caritas vor

Heidemarie Schwermer vertrat temperamentvoll ihre Thesen zum Nichtbesitz und alltäglichen Durchkommen ohne Geld im Caritas-Zentrum Fürstenfeldbruck

1996 hatte sich Heidemarie Schwermer in Dortmund für ein Experiment entschlossen, das offensichtlich jenseits aller Vernunft lag: Zu leben ohne eigene Wohnung, ohne Geld, mit wenig Besitz - und viel Freude. Und ohne störendes Sicherheitsdenken. Im Brucker Caritas-Zentrum sprach sie über eine jetzt 15jährige Erfahrung damit.

Eigentlich sollte das Gespräch in kleiner Runde - auch mit Hartz IV-Empfängern - klären, „ob dies ein einsamer Weg ist oder es auch eine Übertragbarkeit auf andere Menschen geben kann.“ Es wurde eine spannende Beschreibung und die Addition glücklicher Zufälle ebenso wie die Couragiertheit einer heute 69jährigen Frau, auch in engen Situationen einen Ausweg zu finden. Als Lebensmodell für auch andere wohl weniger geeignet. Entstanden war diese höchst subjektive Wegplanung aufgrund einer „knallharten Systemkritik“. Nach 15 Jahren Lehrerinnentätigkeit hatte die alleinerziehende (zwei Kinder) Heidemarie Schwermer in Dortmund das Handtuch geworfen und sich einer psychotherapeutischen Ausbildung zugewandt. Ein Radio-Beitrag im Febr. 1994 über eine Fabrikschließung in Kanada - „Das ganze Dorf wurde dadurch auf einmal arbeitslos.“ - brachte sie zum Haß aufs Kapital und zum endgültigen Besitzverzicht. In einem Bio-Laden fand sie mit abgelaufenen Waren ihre tägliche Nahrung: „Der Besitzer war von meinen Ideen begeistert!“ Wohnen als ganz einfaches Lebensbedürfnis wurde durch das Aufpassen auf leerstehende Häuser gedeckt. Der ‚Tauschring’ geriet zum Lebensmotto. „Da waren Leute wochen- und monatelang unterwegs und froh, dass sich jemand um die Blumen und Pflanzen kümmerte und Einbrecher abhielt. Hauptsache, die machten mir vorher den Kühlschrank voll.“ Ihre Kinder - so Frau Schwermer - waren bereits erwachsen und aus dem Haus. Und so funktionierte dieses Bewohnungssystem sehr gut in Dortmund und später auch in Rendsburg im Norden. „Ich war engagiert für’s Haushüten in der ganzen Bundesrepublik.“ Ein offener Markt ohne Geld wurde durch sie neu entdeckt. Als sie nach Dortmund zurückkehrte, wurden die Zeiten für Heidemarie Schwermer härter, denn sie versuchte, ohne Haushüten und Tauschring durchzukommen, musste in einem Vereinshaus putzen: Für’s Bleiben und Essen. Doch sie wollte mehr, ihre Qualitäten einbringen. Ein junger Radiomann machte ihr Mut, nicht mit dem Experiment aufzuhören, im Anblick der vielen Arbeitslosen. „Du machst anderen damit wieder Mut!“ Sie fand die Zeit, zwei Bücher zu schreiben, verlegt u.a. bei Bertelsmann. „Das hat mir satt Geld gebracht. Ich habe es aber gleich wieder verschenkt.“ Auf einmal wieder medienmäßig und deutschlandweit, in der Schweiz und in Österreich gefragt, erhielt sie Einladungen zu Talkshows. Sie konnte auch Einladungen nach Norwegen annehmen. „Ich gehe zu Leuten, die mich willkommen heißen. Ich wohne also reihum bei Freunden und Sympathisanten.“ Und Kleidung? „Dafür gibt es Kleiderbörsen.“ Heidemarie Schwermer hofft optimistisch, noch lange gesund zu bleiben. Einer ihrer Grundsätze lautet „Ich habe nichts, bin aber viel.“

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