Olympia-Schreckens-Szenarien verworfen – Warum Polizeipsychologe Georg M. Sieber am Morgen des Terroranschlags kündigte

Der frühere Polizeipsychologe Georg M. Sieber, München. Foto: Georg Hildebrand

"Fröhliche und heitere Spiele" hatten die Organisatoren vor der Olympiade 1972 versprochen. Zu ihrem Entsetzen wurden die Spiele als Weltbühne für einen blutigen Anschlag missbraucht, nach neueren US-Quellen, PASCC Report 2012 der Naval Postgraduate School NPS, durchaus professionell geplant von den Terroristen des Schwarzen September, die sich in Ausbildungs-Camps auf ihre Terrorakte vorbereitet haben sollen. Wie man heute weiß, fühlten sich die Palästinenser gedemütigt, weil man ihre Sportler 1972 nicht zugelassen hatte. Die PLO suchte für ihre Anschlagspläne auf die Sportler des ihnen verhassten Israel einen Schauplatz außerhalb der arabischen Nachbarstaaten - mitten in Europa und waren fest entschlossen, 232 Gefangene und zwei RAF-Mitglieder mit blutiger Gewalt freizupressen und dabei den Tod der israelischen Sportler kaltblütig einzukalkulieren.

Es hatte Frühwarnungen im Vorfeld gegeben, auch der damalige Polizeipsychologe Sieber erstellte mögliche Bedrohungsszenarien, doch die deutschen Behörden blieben arglos: So reisten die Terror-Boten mit gefälschten Pässen ein und aus und schmuggelten angeblich per Diplomatengepäck Maschinenpistolen und Handgranaten ins Land. Heute weiss man, dass sich damals sogar ein Helfer aus der Rechten Szene als "Logistik-Helfer" nützlich machte, wie die im Juni 2012 auf Antrag des Spiegel freigegebene VS-Akten beweisen. Und nachdem das Massaker in Fürstenfeldbruck für alle israelischen Geiseln und einen deutschen Polizeibeamten tödlich endete, wurden die drei überlebenden inhaftierten Terroristen bereits sieben Monate später mit der Entführung einer Lufthansa-Maschine freigepresst. Die fünf bei dem Massaker getöteten Terroristen wurden nach Libyen überführt und dort mit großen militärischen Ehren als „Helden“ bestattet, wie es hieß. Einer, der sich schon früh mit dem Terrorpotential beschäftigte, war Georg M. Sieber. Bis zum frühen Morgen des 5. September 1972 war Sieber als Diplompsychologe beim Präsidium der Stadtpolizei München und bekannt für die Entwicklung neuer Polizeieinsatzmethoden für die „Münchner Linie“. Dort hatte man nach den heftigen Krawallen und eskalierenden Groß-Demonstrationen „Verhaltensbeobachtungen“ angeordnet, die zu einem Einsatzkonzept zur strikten Vermeidung von Eskalation führte. Für die Olympischen Spiele 1972 entwarf er insgesamt 26 Szenarien, im polizeilichen Sprachgebrauch auch „Lagen“ genannt. Hierbei ging es um die Angriffsmuster unterschiedlicher Terrorgruppen. Sieber entwickelte dabei nicht nur ein Anschlags-Szenario eines möglichen Terroranschlags der PLO, er kalkulierte auch die Möglichkeit ein, dass die IRA britische oder die ETA spanische Olympioniken angreifen könnten. Sieber hatte deshalb zum Beispiel vorgeschlagen, die Teilnehmer nicht nach Nationen sondern nach Sportarten unterzubringen, um die Angriffsfläche aufzulösen. Seine Überlegungen wurden jedoch verworfen, auch die Israelis wollten gerne zusammenbleiben. Als in den frühen Morgenstunden des 05. September 1972 die acht Attentäter der PLO in das Olympische Dorf eindrangen und kurz darauf zwei israelische Sportler (Weinberg und Romano ) getötet und neun andere in der Gewalt der Terroristen waren, war eingetreten, was im Szenario Nr. 21 von Sieber angedacht worden war. Die Verhandlungsversuche des Krisenstabes verliefen psychologisch unfundiert. Bezeichnend für die damalige chaotische Lage ist, dass Sieber auf die Frage, wer die eigentliche Einsatzleitung innehatte, auch rückblickend keine Antwort geben kann. Es sei chaotisch gewesen, auch bei den Verhandlungen mit Issa, dem Sprecher der Terroristen, hatte sich kein eindeutiger Gesprächspartner herauskristallisiert: mal war es Bruno Merk, mal Dietrich Genscher, mal Dr. Manfred Schreiber oder die junge Dame des Ordnungsdienstes. Die Terroristen, geprägt von den Hierarchien ihrer muslimischen Stammeskultur, hatten aus guter Kenntnis deutscher Verhältnisse ohnehin zunächst ausdrücklich verlangt, den Bürgermeister des Olympischen Dorfes, Walther Tröger zu sprechen. Auf den Polizeipsychologen hörte zu diesem kritischen Zeitpunkt niemand mehr: Als er Dr. Schreiber, der in Personalunion Polizeipräsident und Leiter des Ordnungsdienstes war, darauf aufmerksam machte, dass der Polizeieinsatz auf dem Dach des Hauses Conollystraße 31 live im Fernsehen übertragen werde (auch den Terroristen zugänglich) und „dass das so nicht gehe“, dass also versäumt worden sei, die elektrischen Leitungen zu kappen, sei er auf Weisung Schreibers des Raumes verwiesen worden. Nach einem von Sieber beobachteten Telefonat Dietrich Genschers mit Golda Meir, rechnete Sieber mit schwerwiegenden Fehlentscheidungen. Den damaligen Anruf hält er im nachhinein für eine "ernsthafte diplomatische Bitte"... Noch am 5. September 1972 kündigte Georg Sieber fristlos und hat seitdem nie mehr für die deutsche Polizei gearbeitet. Seine dienstlichen Akten übergab er dem Polizeipräsidium München. Seither seien die Akten, so Sieber, nicht mehr öffentlich zugänglich.

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