Podium zum Thema "Zukunft Pflege"

Radikales Umdenken gefordert

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Auf dem Podium diskutierten (von links): Eichenaus Bürgermeister Peter Münster, Bezirksrätin Barbara Gräfin Baudissin-Schmidt, Dirk Spohd, Prokurist bei „Hilfe im Alter“ und Leiter des Pflegezentrums Eichenau sowie Brigitte Bührlen, Vorstand der Stiftung „Wir! Pflegende Angehörige“.

Sozialverbände wie der VdK beklagen, dass die Parteien im Landtagswahlkampf die falschen Akzente setzen und sich zu wenig um soziale Schieflagen, wie die sich an der Grenze bewegenden Pflege, kümmerten. Seit 1. März sind die Bezirke für die ambulante Pflege in Bayern zuständig. Dies nahm die Thomas Dehler Stiftung gemeinsam mit der Friedrich Naumann Stiftung für die Freiheit und die Vereinigung der liberalen Kommunalpolitiker in Bayern zum Anlass, Ende Juli eine Veranstaltung zum Thema Pflege im evangelischen Pflegezentrum Eichenau durchzuführen.

Eichenau - Zukunft Pflege? – stand als Motto über der Veranstaltung. Teilnehmer der Diskussion waren Brigitte Bührlen, Vorstand der Stiftung „Wir! Pflegende Angehörige“, Bezirksrätin Barbara Gräfin Baudissin-Schmidt und Dirk Spohd, Prokurist bei „Hilfe im Alter“ und Leiter des Pflegezentrums Eichenau. Peter Münster, Vorsitzender der VLK und Eichenaus Bürgermeister, leitete die Podiumsdiskussion. „Wenn ich auf Anhörungen bin, sind um mich herum lauter Vertreter von gemeinnützigen Organisationen und die reden nur über Geld. Da ist viel Geld im System, und nichts davon kommt bei den betroffenen Angehörigen an“, bemängelte Bührlen eingangs die Schwierigkeiten pflegender Angehöriger, die in den vergangenen Jahren lediglich erbschaftsteuerliche kleine Vorteile sowie einige Rentenpunkte für ihre aufopferungsvolle Arbeit und den damit erwiesenen Dienst in der Gesellschaft erhalten hätten.

Keine Änderung an örtlich bestehenden Strukturen

 „Wir müssen wegkommen von der im Bundesgesetzbuch festgeschriebenen Solidarität zwischen Eltern und Kindern allein“, fuhr sie fort, denn dies zementiere die Haltung des Staates, sich aus den entscheidenden Fragen der wirtschaftlichen und sozialen Ausgrenzung pflegender Angehöriger, die keinerlei Berufstätigkeit mehr ausüben können, herauszuhalten. Aus Sicht Baudissin-Schmidts will der Bezirk bei den eben erst übernommenen ambulanten Pflegeleistungen im Rahmen der Übergangszeit keine Änderung an örtlich bestehenden Strukturen vornehmen, gleichwohl aber eine Verbesserung planen, die den Menschen im Zentrum aller pflegerischen Bemühungen sieht. „Gemeinsam mit pflegenden Angehörigen und in der Unterstützung in der Kurzzeitpflege und bei Tagespflege-Plätzen kann eine wesentliche Entlastung des Gesamtsystems und der betroffenen Angehörigen wie auch Pflegebedürftigen erreicht werden“, so Baudissin-Schmidt. 

Konsequente Veränderung des Berufsbildes

Pflegezentrumsleiter Spohd führte aus, dass eine dauerhafte Absicherung stationärer pflegerischer Leistungen durch die Anwerbung von Kräften aus Kroatien bis zu den Philippinen zwar kurzfristig zu einer Entspannung des Systems führe, aufgrund der kulturellen Unterschiede zwischen den Bewohnern der Einrichtungen und dem Pflegepersonal die Kommunikation aber nicht einfacher werde und langfristig auch in den entsendenden Staaten Fachkräfte fehlen, die ebenfalls vor Ort dort benötigt würden. Hier helfe nur eine konsequente Veränderung des Berufsbildes in der öffentlichen Wahrnehmung, eine verstärkte Ausbildung und ein berufliches Umfeld, das Möglichkeiten der Entfaltung für alle Beteiligten biete. Auch die über 40 Zuhörer diskutierten eifrig mit. „Ein radikales Umdenken bei der Betrachtung der verschiedenen Pflegeleistungen und deren Vergütung ist notwendig“, findet Michael Deller aus Landshut. Uli Bode und Ulla Schäfer, Landtagskandidaten in Fürstenfeldbruck und Landsberg unterstützten diese Haltung, ebenso Michael Brandstätter, Vorstandsmitglied der Eichenauer Nachbarschaftshilfe. 

Heutige System der Pflegeversicherung längt an seine Grenzen geraten

Auf die Aussage Bührlens, ein stärkeres Zusammenwirken auf lokaler Ebene sei erforderlich, erwiderte Münster, in Eichenau gebe es dieses positive Zusammenwirken örtlicher Träger im Bereich ambulanter Pflege, stationärer Pflege und der Beratung sowie Weiterleitung zwischen verschiedenen Organisationen von der Caritas über die Nachbarschaftshilfe bis hin zur Diakonie. Kein System verliefe reibungsfrei, aber der Wille zur Zusammenarbeit mache diese Konstellation zum Wohle der Pflegebedürftigen möglich und die positive Einstellung der sozialen Dienste, die von der Gemeinde konzertiert zusammengefügt werde, sei durchaus beispielgebend. Einig waren sich zum Abschluss alle Diskussionsteilnehmer, dass das heutige System der Pflegeversicherung längst an seine Grenzen geraten ist und für die Zukunft kein Modell sein kann, an dem lediglich evolutiv an kleinen Stellschrauben gedreht wird. 

Hier sei zukünftig ein radikal neues Denken erforderlich. Aus Sicht Spohds könne der Solidaritätszuschlag zukünftig für die Pflege verwendet werden. Dies würde schlagartig zu einer Verfünffachung der zur Verfügung stehenden Mittel führen. Ob dies ein geeigneter Schritt sein kann, das gilt es zu diskutieren. Ebenso wie die Frage, ob pflegeähnlich der Krankenversicherung nur von Arbeitnehmern und Arbeitgebern finanziert werden soll.

red.

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