Die Polizei im Nationalsozialismus – Studienarbeit des Fachbereichs Polizei der Fachhochschule in FFB

Otto Meißner HVF, Thomas Keller, Florian Zeisberger, Andreas Westermayer, Peter Wollein HVF. Foto: Klaus-Wolfgang Popp

Im Rahmen ihrer Ausbildung wählten 16 Studierende des Fachbereichs Polizei der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung und Rechtspflege in Bayern (FHVR), in Fürstenfeldbruck besser als Polizeifachhochschule bekannt, das Thema „Die Rolle der Polizei in München und Fürstenfeldbruck in der NS-Zeit“ und erstellten einen umfangreichen Projektbericht. Auf 275 Seiten wird die Rolle der Polizei dargestellt. Innerhalb von drei Wochen entstand im April/Mai 2011 eine Projektarbeit, deren Zielsetzung es war, neben der fachlichen Bearbeitung eines Themas mit polizeilichem Hintergrund, auch die Eigenorganisation und das strukturierte Vorgehen im Rahmen eines Projektes zu erlernen. Recherchiert wurde u.a. im Staatsarchiv München und im Stadtarchiv Fürstenfeldbruck. Das Literaturverzeichnis weist 138 Quellen aus, 85 Internetseiten wurden durchforstet. Jede Quelle wurde im Text des Protokolls als Fußnote genannt. Die Verantwortung trug allein die Gruppe und der aus den eigenen Reihen gewählte Projektleiter, Thomas Keller. Die Zuständigkeit des Betreuungsdozenten des Fachbereichs, Oberregierungsrat Dr. Nitsch, beschränkte sich dabei hauptsächlich auf die organisatorische Begleitung des Projekts.

Aufmerksam auf das Thema war der Historische Verein für die Stadt und den Landkreis Fürstenfeldbruck e.V. geworden. Hinsichtlich der Rolle der seit 1924 in Fürstenfeldbruck ansässigen Polizeioffiziersschule während der NS-Zeit wurden die mittlerweile Absolventen der FHVR eingeladen, am Dienstag, 28.02.2012, in den Räumen des Veranstaltungsforum Fürstenfeldbruck das Projekt der Öffentlichkeit zu präsentieren. Die Absolventen Thomas Keller, Andreas Westermaier und Florian Zeisberger wurden durch den Vorsitzenden des HVF Otto Meißner, vorgestellt, mit der Bemerkung, „das ist einer der Höhepunkte im Vereinsjahr“. Neben der geschichtlichen Entwicklung der Polizei aus der Zeit der Weimarer Republik stellte sich die Projektgruppe immer wieder die Frage, „wie konnte aus einem einfachen Polizisten ein Mörder werden?“. Ansatzpunkte könnten die Armut nach dem Ersten Weltkrieg, die hohe Inflation (man fuhr mit einem Schubkarren voller Geldscheine zum Einkaufen) und die Wirtschaftskrise sein. Darunter litt jeder, auch Beamte. Trotzdem, deshalb wird man nicht gleich zum Mörder. Die Frage „Warum“, konnte auch in der Projektarbeit nicht beweisbar beantwortet werden. Ansatzpunkte sind denkbar: die permanente Indoktrination durch das NS-Regime, Korpsgeist, blinder Gehorsam oder die Verrohung im Krieg. Adolf Hitler schilderte 1924 während des Putschistenprozesses seine Haltung wie folgt: „Den Vorgesetzten achten, niemandem widersprechen, blindlings sich fügen“. Jede Staatsform bedient sich der Polizei als Mittel zur Durchsetzung der Macht und zur Erhaltung der jeweils gültigen Staatsform. Sei es nun in einer Monarchie, in einer Diktatur oder in einer wehrhaften Demokratie. Immer sind es Polizeibeamte, die auf das jeweilige System ihren Eid schwören und somit direkt oder indirekt zum Handlanger des Systems werden. Bislang sprach man in der Öffentlichkeit eher der Gestapo die Verbrechen der Polizei im NS-Regime zu. Von der Ordnungspolizei, „Die Polizei, dein Freund und Helfer“ war kaum die Rede. Der genannte Ausdruck stammt aus der Weimarer Republik und wurde von den Nazis stark propagiert. Die Untersuchungen der Projektgruppe ergaben aber, dass auch gerade die Ordnungspolizei als „Fußvolk der Endlösung“ erheblich mit Handlungsspielraum ausgestattet war und sich nur wenige den verbrecherischen Befehlen entzogen. Heinrich Himmler wurde am 17.Juni 1936 zum Chef der deutschen Polizei ernannt und erhielt so eine zentrale Position im Machtbereich der NSDAP und des Staates. Anlässlich des 60. Geburtstages des damaligen Reichsministers Dr. W. Frick, sagte er folgenden Satz: „Die nationalsozialistische Polizei leitet ihre Befugnisse nicht aus Einzelgesetzen, sondern aus der Wirklichkeit des nationalsozialistischen Führerstaates und aus den ihr von der Führung gestellten Aufgaben ab. Ihre Befugnis dürfen deshalb nicht durch formale Schranken gehemmt werden“. Die Polizeischule in Fürstenfeldbruck bekannte sich 1933 ausdrücklich zum Nationalsozialismus, fast alle Lehrkräfte und Schüler waren Mitglieder der NSDAP. Die Schule wurde als „Stützpunkt der Partei“ bezeichnet. Die eigentliche fachliche Ausbildung war zweitrangig. Im Vordergrund stand die Erziehung zu einem gleichgeschalteten Nachwuchs. Ein großer Bestandteil der Schulung war es – unter Zuhilfenahme radikaler antisemitischer und pseudowissenschaftlicher Sprache – Selbstvertrauen und Überlegenheit vor allem gegenüber dem von Himmler geprägten „Feindbild des Juden“ zu erwecken. Fächer waren z.B. Rassenhygiene und Erbgesundheit. Insgesamt gab es 100 Polizeibataillone der Ordnungspolizei im Einsatz: „Mobile Mordkommandos, die auch ohne besonderen Befehl töten durften“, so einer der Referenten. Nach der Machtübernahme verfolgte und verhaftete die Polizei Juden, Sinti und Roma, Kommunisten oder politisch Andersdenkende, Zeugen Jehovas, Homosexuelle. Zeitweise waren ca. 700.000 Menschen in Schutzhaft, nicht um diese Personen zu schützen, sondern um „vor diesen Personen geschützt zu werden“, so die Ideologie. Die Referenten zeigten eine Bilderreihe mit Originalphotos und einen Film von Polizeiaktionen, die bei allen Besuchern tiefste Betroffenheit und Entsetzen auslösten. Als Titel waren zu sehen: „Todeskandidaten werden ausgesucht!“ oder „Nach getaner Arbeit“. Den Filmstreifen, der Erschießungen zeigte, hatten die Studierenden mit der Titelmusik des Films „Schindler’s Liste“ unterlegt. Ein bewegender Moment. Es gab aber auch Ausnahmen, die Bedrängten unter Lebensgefahr halfen. So der am 02.08.1896 in der Nähe von Rosenheim geborene Paul Mayer. Er trat 1920 in die Münchener Schutzpolizei ein und wechselte 1929 zur Gendarmerie. Am 01.04.1941 wurde er Leiter des Gendarmeriepostens Lenggries. Vom 01.06.1942 bis zum Einmarsch der amerikanischen Truppen versteckte er eine jüdische Ärztin aus München in seiner Wohnung über den Diensträumen des Postens. Drei Jahre teilte er mit ihr seine Lebensmittelkarten. Weiterhin widersetzte er sich dem Befehl Himmlers „notgelandete amerikanische Flieger friedhofreif zu machen“ und verhalf italienischen Zwangsarbeitern zur Flucht. Ca. 20 kanadische Kriegsgefangene wurden durch ihn vor dem Verhör durch die SS bewahrt, er versteckte sie sechs Tage in seiner Berghütte. Als die US-Truppen auf Lenggries vorrückten, schickte er einen Boten mit Informationen über die Verteidigungsstellen der Wehrmacht zu den Amerikanern und verhinderte so die Bombardierung. Am 18.02.1969 wurde ihm, seiner Frau und seiner Schwägerin durch Yad Vashem, der Gedenkstätte in Israel, die Auszeichnung „Gerechter unter den Völkern“ verliehen, als erster deutscher Polizeibeamter. 1971 erhielt er das Bundesverdienstkreuz, Paul Mayer ist am 15.04.1976 verstorben.

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