Reichskristallnacht trifft auf deutschen Antisemitismus

„Eine Wiedergutmachung ist für alle Zeiten ausgeschlossen“, stellte Professor Hermann Nehlsen, Vorstandsmitglied der Fürstenfeldbrucker Kester-Haeusler-Stiftung, über die Folgen der Reichspogromnacht fest. Den Vortrag des berühmten, mehrfach ausgezeichneten Historikers und Publizisten von internationalem Rang, Dr. h.c. Hermann Graml vom Institut für Zeitgeschichte am 19. November 2008 in der Brucker KHS-Villa verstand die Stiftung als ein „Zeichen gegen das Vergessen“. Denn die von den Nazis provokativ in Anlehnung an die auf der Straßen liegenden Glasscherben und zerstörten Fensterscheiben der Trümmerhaufen so genannte „Reichskristallnacht“ fand 1938, also vor 70 Jahren, in der Nacht vom 9. auf den 10. November statt.

Die Nacht des Pogroms, erklärte Graml zu Beginn seiner Ausführungen über den „Antisemitismus in Deutschland und die Reichskristallnacht“, habe gleichzeitig den „Übergang von der Ausgrenzung der Juden zu systematischen Ausrottung“ bedeutet. Diese hatte Hitler schon in seinem Buch „Mein Kampf“ vorgesehen. Die Gelegenheit zum Pogrom in der Reichskristallnacht ergab sich wenige Tage zuvor durch den polnisch-jüdischen Attentäter Herschel Grynszpan auf den deutschen Botschafter in Paris. Nach Gramls Information prophezeite bereits am Morgen des 9. Novembers die Londoner Times auf ihrer Titelseite: „Die Juden erwartet heute Nacht ein Angriff, dessen Gewalt und Roheit alles bisher Dagewesene übertrifft“. So geschah es denn auch: Alle jüdischen Synagogen und Gebetshäuser in Deutschland sowie zahllose Geschäfte und sozialen Einrichtungen wie Kindergärten und Schulen von Juden wurden von den Nazis zerstört. Die Gewaltorgie verkaufte die NS–Diktatur durch die Machthaber ihres Regimes allerdings als „spontane Reaktion des Volkes“. In mehreren Nazischriften redete schon tags darauf Propagandaminister Goebbels von „Vergeltung in der Nacht“ und ließ erklären: „Das deutsche Volk in seiner Gesamtheit hat den Mord gerächt“. Dabei war die Sache schon lange vor dem Attentat minutiös geplant. Nach den Forschungsergebnissen von Graml bauten die Nazis ihre Zerstörungsaktion in der Nacht aber auf dem in Europa und besonders in Deutschland schon seit langer Zeit herrschenden Antisemitismus auf. Wörtlich erklärte Graml dazu: „Der Antisemitismus als Grund hatte die Atmosphäre für eine solche Aktion schon längst erzeugt.“ Die NS-Funktionäre und Aktivisten hätten es geschafft, den im Volk vor sich hin brodelnden Antisemitismus mit Hilfe ihrer Bewegung zu bündeln. In der Schicht des monarchisch gesinnten und obrigkeitshörigen Bürgertums, das mit der Industrialisierung zu kämpfen hatte, galten, nach der Information Gramls, die Juden als „Vertreter der industriellen Modernisierung, des Liberalismus und Sozialismus. Das antimoderne Bürgertum habe seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts die Juden als „Urheber der wirtschaftlich-geistigen Krise“ bekämpft. Ihre Assimilierung und Integration wurde vom konservativ-monarchistisch gesinnten Bürgertum als „fortschreitende Zersetzung des deutschen Volkes“ verstanden. Die Juden hätten dem zu kurz gekommenen Bürgertum und den Verlierern der Industrialisierung als Sündenböcke gedient, was nach dem verlorenen 1. Weltkrieg und der gefühlten deutschen Demütigung von den Nationalsozialisten gut als Propagandamaterial habe ausgenützt werden können. So empörte sich nach den Geschehnissen der Reichspogromnacht die Weltpresse über die Reaktion vieler deutscher Schaulustiger, selbst Offiziere in Wehrmachtsuniform hätten „ohne Erfolg versucht, dem Unrecht Einhalt zu gebieten“ und die Schaulustigen von den brennenden Synagogen und zerstörten Geschäften wegzubringen. Gleichwohl sei es falsch, die Reichskristallnacht als „spontane Reaktion des deutschen Volkes“ zu sehen. Sie war bei einer Zusammenkunft des engsten Führungszirkels der Nazis am späten Nachmittag in München beschlossen worden. Tatsächlich sei Goebbels als Exponent und Repräsentant einer breiten antijüdischen Strömung innerhalb der NS-Bewegung als Verursacher der Ereignisse in der Reichskristallnacht zu betrachten. Mit seinem ideologisch-politischen Appell habe er in voller politischer Absicht gehandelt. Mit dem Befehl zum Pogrom gegen die Juden in der Nacht vom 9. auf den 10. November sollte der in Deutschland vorhandene Antisemitismus durch das NS-Regime auf ein neues Gleis geschoben werden, zur „nächsten Etappe auf dem Weg der Vernichtung aller Juden in Europa“.

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