Ich war ja schon begraben - Der ehemalige Ostpole Shlomo Wolkowicz erzählte Gymnasiasten über die NS-Gräuel 1941/42

Shlomo Wolkowicz mit Marina Freudenstein vom kath. Kreisbildungswerk Freising und dem Pastoralreferenten der Erzdiözese München-Freising, Hans Rehm. Foto: Günter Schäftlein

Shlomo Wolkowicz, 86, eingeladen vom kath. Kreisbildungswerk Freising zu Besuch bei den 12. Klassen des Olchinger Gymnasiums, verbrachte Kindheit und Jugend im früheren polnischen Galizien, in einem assimilierten jüdischen Elternhaus in Jagielnica/Lemberg. Erst 1990 war der 1949 nach Israel ausgewanderte Überlebende bereit, seine Erinnerungen aus den Jahren 1941/42 aufzuschreiben und danach auch darüber zu sprechen.

Das hatte die Tochter dem Vater und erfolgreichen Geschäftsmann in der Automobilbranche für sich und ihre Kinder abgerungen, ihn nach langem Schweigen genötigt, „ein kleines Fenster zu öffnen“. Shlomo Wolkowicz sah und sieht es als seine eigene Wiedergutmachung an die zu Tausenden umgebrachten Landsleute in den Massenerschießungen der SS-Einsatzgruppen, die er persönlich und wie ein Wunder im heutigen ukrainischen Zloczow überlebte. 3000 männliche Juden wurden hier, nachdem sie vorher noch die Leichen der durch die sowjetische NKWD ermordeten politischen Gefangenen weggetragen hatten, innerhalb kürzester Zeit ermordet. Das war im Sommer 1941, nach der Flucht der zuvor russischen Besatzung in den ostpolnischen Gebieten vor der einrückenden deutschen Wehrmacht, nach dem Überfall vom 22. Juni. Mit ausschlaggebend für die späte Bericht-Bereitschaft - festgehalten in dem leider vergriffenen Buch „Das Grab von Zloczow“ - des Zeitzeugen Wolkowicz aus dem israelischen Haifa, wurde der 9. November 1988: Diesen Tag erlebte er bei einem beruflichen Aufenthalt im hessischen Gießen. Es war der Tag der 50jährigen Erinnerung an die so genannten „Reichskristallnacht“ von 1938. Shlomo stand mit zahlreichen Deutschen vor der Giessener Kongresshalle, wo früher die jüdische Synagoge war. Er schreibt zu dieser Begebenheit: „Auf einmal fing es an zu regnen. Niemand lief weg. Alle blieben, gingen los, ich mit ihnen. Wieso?, fragte ich mich, was bindet diese Deutschen der ersten und zweiten Nachkriegsgeneration an die jüdischen Stätten? Wir kehrten völlig durchnässt zurück …“ Seiner Tochter erzählte er nach der Rückkehr nach Israel von diesem völlig anderen Deutschland und gestand ihr aus seinem ostpolnischen Vorleben. „Ich habe niemals erzählt, ich habe doch so viel erlebt. Ich war ja schon begraben.“ So entstand auf ihr eindringliches Bitten das Aufschreiben und die „Geschichte eines Jungen, der unter den schweren Umständen seiner Zeit lediglich leben wollte, leben wie alle Menschen auf dieser Erde.“ Der Verfasser zu den Eindrücken aus einer Zeit, die nur Verfolgung, wirtschaftliche Vernichtung und die Ermordung der jüdischen Landsleute in ihrer ostpolnischen Heimat sah, wendet sich vor allem an junge Menschen, die heute so alt sind wie er damals war. Daß Shlomo Wolkowicz - und auch seine Familie - den Holocaust überlebten, ist einer Häufung von Zufällen und Glück, der Hilfsbereitschaft auch nichtjüdischer Polen und einem ungeheuren Überlebenswillen zu verdanken. Als Shlomo 1944 von der Roten Armee eher zufällig bei Lemberg aufgegriffen wurde, konnte keiner von den sowjetischen Offizieren nachvollziehen, dass er als Jude noch lebte. Die Genauigkeit der Erinnerung an jeden dieser Tage - ohne Versprechen für einen nächstfolgenden - ist faszinierend. Die Olchinger Gymnasiasten dankten ihm für diese erstaunliche Leistung mit langem Beifall und scheuten sich auch nicht, dem sympathischen Erzähler Fragen zu stellen.

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