13 Schüler der Berufsintegrationsklasse besuchen Germeringer Ausbildungsbetrieb

Motiviert und doch chancenlos

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Die Schüler der Berufsintegrationsklasse Fürstenfeldbruck zeigen sich interessiert an der Werksführung beim Fotodienstleister CEWE in Germering.

Es war bereits die vierte Station für die jungen Flüchtlinge aus aller Herren Länder, die sie im Zuge der Praktikumsbörse – veranstaltet im Namen der Bürgerstiftung für den Fürstenfeldbrucker Landkreis – durchlaufen haben. Bereits seit eineinhalb Jahren bemüht sich die Praktikumsbörse darum, die Jungen Menschen in den Arbeitsmarkt zu integrieren.

Germering - Etwa 100 junge Geflüchtete besuchen derzeit die letzte Jahrgangsstufe der Berufsintegrationsklassen der Staatlichen Berufsschule und der Fachoberschule (FOS) sowie der Berufsoberschule (BOS) in Fürstenfeldbruck. Die Ausbildung an den Schulen dauert in der Regel zwei Jahre. Im Sommer werden sie den Mittelschulabschluss und einige von ihnen den Quali, einen qualifizierende Hauptschulabschluss, erwerben, um anschließend eine Berufsausbildung beginnen zu können. Erste Termine bei der Deutschen DOKA Schalungstechnik, dem Autohaus Rasch und dem Friseursalon Haarem waren laut Bürgerstiftung positiv und ermutigend. Das Interesse der Schüler hat die Erwartungen übertroffen und es wurden etliche Kontakte für Betriebspraktika und eventuelle spätere Ausbildungsverhältnisse geknüpft.

Einblick in die Arbeitswelt

Die Bürgerstiftung vermittelt dabei jungen Geflüchteten erste Einblicke in die (deutsche) Arbeitswelt und gibt Einblicke in die teils unbekannten Berufe. Sie seien dabei in eine Marktlücke gestoßen, denn weder Staat noch Verwaltung waren auf diese Situation vorbereitet gewesen. Demnach seien auch die Bürger und die Unternehmen gefordert mit der als „Flüchtlingskrise“ betitelten Lage umzugehen. Laut Detlef Köhler, dem Projektleiter der Praktikumsbörse, sei es besonders wichtig Brücken zu bauen. Diese Brücken sollen nicht nur zwischen den Geflüchteten und den Unternehmen, sondern auch den Bürgern intensiviert werden. Denn rein zahlenmäßig seien durchaus genügend Lehrstellen vorhanden. Neben der Tatsache, dass die Jugendlichen aus einem fremden Land und damit auch Kulturkreis stammen, stelle die Sprache häufig noch eine Hürde dar. Die meisten der Anwesenden sind seit gut zwei Jahren in Deutschland und haben dafür ein gutes Niveau erreicht. Viele der 16- bis 22-jährigen besitzen vielleicht keine Schulbildung, gearbeitet haben aber die meisten von ihnen in ihrem Heimatland bereits und so ist das meist erforderliche handwerkliche Geschick gegeben.

Bürgerstiftung engagiert sich seit Herbst 2015

Seit Herbst 2015 unterstützt die Bürgerstiftung Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Allein Fürstenfeldbruck beherbergt etwa 2.200, von denen rund 900 zwischen 16 und 35 Jahre alt sind. Natürlich profitieren auch die Ausbildungsbetriebe von dieser Möglichkeit neue Praktikanten oder Auszubildende zu finden. „Denn so wie früher ist es nicht mehr“, sagt Stephan Johannes Reinhold, Geschäftsführer bei CEWE. „Auch wir als Arbeitgeber müssen uns richtig positionieren. Die Zeiten sind vorbei, dass Lehrlinge selber auf einen zukommen. Man muss als Unternehmen selbst aktiv werden, denn Nachwuchskräfte sind sehr wichtig und auch wir müssen lernen uns anzupassen“, erklärt er weiter. Für seine Firma sei der Umschwung von der analogen zur digitalen Fotografie überlebenswichtig gewesen. Durch das stetig wachsendes Demographie-Problem in Deutschland – nämlich einer drohenden Überalterung – seien vor allem Handwerksbetriebe sowie Bäckereien und Metzger froh über ein zusätzliches Potenzial, das sie ausschöpfen können. Deutsche Jugendliche seien dabei natürlich ebenso erwünscht, auch wenn Reinhold sehr stolz auf die Diversität seiner Firma ist. Bei ihm seien derzeit Menschen aus 24 verschiedenen Nationen angestellt, von Südafrika bis zu den USA sei alles dabei.

Die Infobesuche in den unterschiedlichen Betrieben sollen nun dazu dienen, die Jugendlichen, die nicht nur von der FOS und BOS kommen, sondern auch von den Jobcentern und dem Asylhelferkreis vermittelt werden, eine Perspektive aufzuzeigen. Auch wenn diese von Anfang an getrübt scheint. In einem Gespräch mit den 13 jungen Flüchtlingen, die vorwiegend aus Afghanistan stammen, wird schnell klar, dass sie zwar motiviert an die Sache herangehen, ihre Hoffnung auf einen Ausbildungsplatz aber getrübt ist. „Wir haben bereits einen Ablehnungsbescheid bezüglich unserer permanenten Aufenthaltsgenehmigung erhalten“, sagt ein junger Flüchtling aus Afghanistan. Mit der drohenden Abschiebung im Nacken fällt es den meisten von ihnen schwer, sich auf eine mögliche Zukunft zu konzentrieren. „Es gibt hier so viele Möglichkeiten, viele Chancen – aber wohl nicht für uns“, erklären die Jungs weiter. In der Schule hätten sich die meisten schnell eingelebt, auch das Land und die Menschen gefallen ihnen sehr gut.

Frustration unter den Schülern

Die zumal schwierige Situation in den Heimatländern der jungen Männer erlaubt es den meisten nicht dort ähnliche Chancen in Anspruch zu nehmen. Sie wissen bereits, dass dort keine Arbeit auf sie warten wird – die Frustration ist somit groß. Gerne hätten sie auch die Gelegenheit genutzt, nach der vollendeten Ausbildung in ihre Heimatländer zurückzukehren und dort in den jeweiligen Berufen weiterzuarbeiten, so stehen sie aber wieder vor einem ungewissen Neuanfang. Einen Widerspruch gegen das Urteil haben die Männer zwar eingelegt, die Perspektive auf eine erneute Prüfung ihrer Situation scheint aber aussichtslos. „Auch für uns Lehrkräfte ist das sehr frustrierend“, sagt Helga Kispál, eine der Berufsschullehrerinnen. Ein Drittel der Schüler hat einen Ausbildungsplatz für September in Aussicht – auch wenn einige unter ihnen nicht wissen, ob sie diesen je antreten werden können.

Nichtsdestotrotz besuchen die Schüler weiterhin die Berufsintegrationsklassen in Fürstenfeldbruck und lassen alles weitere auf sich zukommen. „Jeder Schüler muss während des zweiten Schuljahres seine zwei Pflichtpraktika absolvieren“ betont

Anja Wöldering, eine weitere Lehrerin der Staatlichen Berufsschule Fürstenfeldbruck. Ihr großer Wunsch sei es, den Schülern weniger Hürden aufzubürden – besonders von Seiten des Staates. Die teilweise wechselnden Unterbringungen der jungen Menschen sowie eine daraus oftmals resultierende Veränderung des Landkreises, was eine öffentliche Verkehrsanbindung erschweren kann, macht es vielen von ihnen nicht leicht pünktlich in den Unterricht zu kommen. Drückeberger und Schulschwänzer gebe es natürlich überall, egal ob die Jugendlichen aus Deutschland oder einem anderen Land kämen – das hätten viele von ihnen gemeinsam.

Fortführung der Betriebsbesuche nach Ostern

Nach den Osterferien können die Schüler unter anderem noch in den Einzelhandel und in eine Gärtnerei hineinschnuppern. Die große Vielfalt der unterschiedlichen Betriebe beeindruckt die Jugendlichen sehr. Viele der vorgestellten Berufe kannten sie im Vorhinein noch gar nicht. Die Firmenbesuche laufen noch bis Pfingsten und werden auch im kommenden Schuljahr fortgeführt. Die Bürgerstiftung arbeitet bei diesem Projekt eng mit der Kreishandwerkerschaft, dem IHK-Regionalausschuss und der Agentur für Arbeit zusammen. Dabei soll die Vielfalt der Ausbildungsberufe herausgestellt werden. Auch wenn sich die beliebtesten Berufe der jungen Geflüchteten sehr mit denen vieler deutscher Jugendlicher ähneln: KFZ-Mechaniker, IT-Berufe sowie Elektrotechnik.

Manuel Leupold, Integrationsbeauftragter der Stadt Germering, steht voll hinter dem Projekt Praktikumsbörse und der Bürgerstiftung Fürstenfeldbruck. Für ihn ist die Zielgruppe noch auszuweiten, er kenne viele interessierte Sprachkursträger deren Teilnehmer zwischen 20 und 40 Jahre alt sind. „Wir sind froh über die Kritik“, sagt Köhler. Nur so sei es möglich Fehler auszubügeln und sich weiterzuentwickeln. Im nächsten Jahr soll die Praktikumsbörse definitiv früher starten, so viel steht fest.

Zusätzliche Informationen

Zusätzliche Informationen für mögliche Praktikanten und Arbeitgeber können auch auf www.sprungbrett-intowork.de gefunden werden. Eine bayernweite Plattform, die gemeinsam von der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft und der Bayerischen Staatsregierung und der Regionaldirektion Bayern ins Leben gerufen wurde. Interessierte Firmen, die sich auch vorstellen können, Teil des Projekts zu werden, können sich an den Leiter der Praktikumsbörse, Detlef Köhler, wenden (Telefon: 08145/3604559, praktikumsboerse@buergerstiftung-lkr-ffb.de).

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