Barrierefrei mit Umwegen

Barrierefreier Bahnhofs-Ausbau in Puchheim: Mehr Schein als Sein?

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Karl-Heinz Türkner, Vorsitzender des Seniorenbeirat lud zum Vor-Ort-Gespräch ein.
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Heinz Kroppen, Diplom-Ingenieur, erklärte den Unterschied der beiden Umbau-Varianten.
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Heinz Kroppen zeigt, wo die Unterführung durchgehen würde.
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Auf dem Parkplatz würden einige Stellplätze wegfallen, wenn die Deutsche Bahn so umbaut, wie sie es vorsieht.
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Gefährliche Engstelle: Heinz Kroppen zeigt, wie viel Platz Rollstuhlfahrer oder Mütter mit Kinderwagen zwischen Aufzug und Bahnsteigkante hätten.
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Beim Vor-Ort-Termin wird deutlich: Am Bahnsteig wird es mit Aufzug und Treppenaufgang vor allem bei schnellen Zugdurchfahrten zu gefährlichen Engstellen kommen.
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Seniorenbeirat, Behindertenbeirat und Vertreter vom VdK trafen sich am Bahnsteig, um die Umbaupläne der Deutschen Bahn zu erläutern.
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So hätte es gern die Deutsche Bahn: Zwei lange Rampen, die zur  neuen Unterführung mit Aufzug führen.

3.200 Unterschriften für einen barrierefreien Ausbau des Puchheimer Bahnhofes übergab der Behindertenbeirat 2011 dem Wirtschaftsministerium. Die damalige Staatssekretärin Katja Hessel sagte: „Es ist traurig, dass man in der heutigen Zeit für Barrierefreiheit noch kämpfen muss.“

Puchheim – Heute, sieben Jahre später, ist das Ziel erreicht. Die Bahn will den Bahnhof nun endlich barrierefrei umbauen. Doch der Schein trügt. Senioren- und Behindertenbeirat sowie der VdK Kreisverband üben Kritik an den Plänen.

"Stadt stimmte neuen Plänen nur unter Druck zu"

Das wäre die optimale Lösung für Senioren- und Behindertenbeirat: ein Außenbahnsteig auf der Nordseite sowie zwei Aufzüge in der bestehenden Unterführung.

2013 wurden der Stadt mehrere Varianten für einen Umbau vorgelegt. Sie entschied sich schließlich für den Plan, bei dem ein weiterer Bahnsteig, der Außenbahnsteig Nord, gebaut sowie zwei Aufzüge in der bestehenden Unterführung installiert werden sollen. Diesen Plan unterstützte auch der Behindertenbeirat. „Ein Jahr später rief jedoch das Ministerium an und sagte, dass sie es nun doch ganz anders machen“, erinnert sich die ehemalige Stadträtin Ingrid Krotter bei einem Vor-Ort-Pressegespräch. Die Stadt stimmte den neuen Plänen zu, „jedoch unter enormen Druck“, wie Krotter sagt. Es sei gedroht worden, dass nun entweder so umgebaut wird oder gar nicht. Die Stadt wollte die neuen Pläne abwarten. Diese sind nun da und stoßen bei den Vertretern der Senioren und Behinderten auf Missverständnis.

Statt Außenbahnsteig zwei Rampen und zweite Unterführung

So hätte es gern die Deutsche Bahn: Zwei lange Rampen, die zur  neuen Unterführung mit Aufzug führen.

Die neue Variante sieht keinen weiteren Bahnsteig vor, sondern zwei lange Rampen, jeweils nördlich und südlich der Gleise, die zu einer zweiten Unterführung führen, die etwa unter der Bahnsteighälfte verlaufen würde. Von dieser Unterführung können mobil eingeschränkte Personen mit einem Aufzug zum Bahnsteig nach oben fahren und so die S-Bahn erreichen. Klingt zunächst nicht schlecht. Doch wer die Pläne lesen kann und sich vor Ort die Situation ansieht, erkennt schnell, dass der Bahnhof in dieser Form sehr kompliziert – vor allem für gehbehinderte Personen – zu benutzen wäre. 

Zu weite Umwege

„Wer vom Bus kommt, muss erst einmal eineinhalb fußballfelderlang über die Rampe zur Unterführung, hier durch und mit dem Aufzug hoch. Rollstuhlfahrer müssten, wenn sie vorne mit der S-Bahn-Rampe einsteigen wollen, den ganzen Weg auf dem Bahnsteig wieder zurück“, erklärt Heinz Kroppen, Diplom-Ingenieur. Karl-Heinz Türkner, Vorsitzender des Seniorenbeirats, monierte zudem: „Wir wissen alle, wie oft Aufzüge kaputt sein können“. Wer den Weg also zum Aufzug geschafft hat, feststellen muss, dass dieser nicht funktioniert, darf ebenfalls den gesamten Weg zurück“, erklärte er das Szenario.

Schlecht einsehbare Unterführung

Zudem kritisiert das Dreiergespann aus Senioren- und Behindertenbeirat sowie VdK, dass die Unterführung schlecht einsehbar und mit zweieinhalb Metern auch zu schmal sein würde. Sie befürchten Vandalismus. „Alle, denen wir diesen Plan erklären, sagen, sie würden vor allem am Abend oder in der Nacht diese entlegene Unterführung niemals nutzen“, sagt Ingrid Krotter. Ebenfalls schlecht am Plan der Deutschen Bahn: Durch die lange Rampe auf der Nordseite würden fast die Hälfte der Parkplätze wegfallen, da dort nur noch parallel geparkt werden könnte.

Engstellen am Gleis

Ein weiterer Kritikpunkt sind die Engstellen am Gleis durch den Bau eines Aufzuges und einer Treppe mitten im Bahnsteig. „Irgendwann sollen hier Züge mit 160 km/h durchfahren, wer dann in der Engstelle zwischen Bahnsteigkante und Aufzug steht, lebt gefährlich“, sagt Heinz Kroppen und hat Berichte im Kopf, bei denen die Sogwirkung eines schnellen Zuges bereits Leben kostete. „Es muss ein Umbau für alle Generationen sein“, forderte Ingrid Kroppen. Das heißt für Mütter mit Kinderwagen, für den Fußballer mit Krücken, für die Oma mit Rollator oder eben dem Rollstuhlfahrer. Dies könne sie hier nicht erkennen. Deshalb machen sie sich alle für die ursprüngliche Variante, ohne den großen Umwegen und gefährlichen Stellen, stark. „Wir wollen erst die Öffentlichkeit über die Fehlplanung der Bahn informieren, und hoffen dann auch die Stadt wieder ins Boot zu holen“, erklärt Krotter ihre Ziele.

„Mit drei Bahnsteigen wäre der Bahnhof Puchheim überschlossen“

Übrigens: die frühere Variante koste mit 2,5 Millionen nur halb so viel wie der neue Plan der Deutschen Bahn. Doch die sage: „Mit drei Bahnsteigen wäre der Bahnhof Puchheim überschlossen“. Denn an dem Mittelbahnsteig würden dann nur Züge halten oder S-Bahnen in Sonderfällen. „Doch warum den Bahnhof jetzt so halbherzig ausbauen, das bleibt dann für Jahrzehnte, wenn man es jetzt gleich richtig machen kann“, fragt sich auch Felix Hechtel, Geschäftsführer des VdK Kreisverbands Fürstenfeldbruck. Und so kämpfen die Puchheimer auch weiterhin für ihre Barrierefreiheit.

Kohr

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