Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises lud zu einem öffentlichen Vortrag im Landratsamt ein 

Sexueller Missbrauch geschieht zu über 90 Prozent im Umfeld

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Ellen und Siegfried Rachut referierten im Großen Sitzungssaal des Ladratsamtes über ein sensibles Thema: Sexuelle Gewalt: Warum schwiegen die Opfer?

Fürstenfeldbruck – Sexueller Missbrauch geschieht zu über 90 Prozent in der eigenen Familie oder im Bekanntenkreis. Die Opfer sexueller Gewalt outen sich oft erst Jahrzehnte nach der Tat. Denn die Kinder und Jugendlichen können die Schweigemauer aus Scham und Loyalität zum Täter meistens nicht überwinden. Darüber hinaus halten sie sich häufig ohnehin für die eigentlich Schuldigen.  Am 27. November, zwei Tage nach dem „Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen“ lud die Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises, Annemarie Fischer, zu einem öffentlichen Vortrag im Landratsamt ein.

Sexuelle Gewalt werde in der Gesellschaft immer noch tabuisiert, sagte sie und meinte, sie liebe das Thema auch nicht, aber als Gleichstellungsbeauftragte müsse sie dieses Thema aufgreifen. „90 Prozent, diese Zahl hat mich erschreckt“, sagte der stellvertretende Landrat Johann Wieser, der knapp 50 überwiegend weibliche Zuhörerinnen im Großen Sitzungssaal begrüßte. „Ich finde es gut, dass Ellen und Siegfried Rachut den Mut haben, über dieses sensible Thema zu sprechen.“ 

Erst als 50-Jährige habe sie sich mit Hilfe einer Therapie von den Folgen eines Missbrauchs in ihrer Kindheit befreien können, schilderte die ehemalige Realschullehrerin von ihrem jahrelangen Trauma. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Siegfried, der ebenfalls Realschullehrer war, und mit dem die 73-Jährige über 50 Jahre verheiratet ist, zeigten beide die Mechanismen der Täter auf. Sie war als Kleinkind vom „lieben Onkel Max“ und später von ihrem Musiklehrer missbraucht worden. „Warum haben sie nichts gesagt? Warum haben sie keine Hilfe geholt?“ Diese Fragen wurden ihr immer wieder gestellt, sagte Ellen Rachut. Doch die Fragen müssten eigentlich lauten: „Warum konnten sie nichts sagen? Warum konnten sie keine Hilfe holen?“

 Die Täter schleichen sich in das Umfeld eines jungen Menschen, benutzen ein wehrloses Kind für ihren Machtgewinn durch sexuelle Befriedigung. Am Ende bleibt nur einer mit Schuld- und Schamgefühlen zurück: Das Opfer. Angst, Scham, Schuldgefühle und das Gefühl, jemanden schützen zu müssen. Vielfältig können die Gründe bei den Opfern sexueller Gewalt sein. Missbrauchsfälle ereignen sich nicht nur im asozialen Milieu, so Ellen Rachut. Das zeigen Studien auf. Täter erklären die Tat zum gemeinsamen Geheimnis, bürden ihre Schuld den Opfern auf, kontrollieren ihre sozialen Kontakte und isolieren sie letztendlich. „Ich dachte immer, ich wäre die Einzige, der so etwas widerfuhr“, sagte Rachut. Reißerische Berichterstattungen in den Medien ließen die Opfer zusätzlich schamerfüllt verstummen. Wie ein Stein laste die furchtbare Erfahrung des Missbrauchs auf der Seele eines Kindes. Ein Kind wagt nicht, über sexuelle Übergriffe zu sprechen, und sieht keine Möglichkeit dem Dilemma zu entkommen.

 Kinder müssen Erwachsenen gehorchen, sei nur eine der überholten Erziehungsregeln, die es den Tätern leicht machen, an ihre Opfer heranzukommen, führte Siegfried Rachut aus. „Es ist wichtig, dass Kinder ernst genommen werden und auch nein sagen dürfen“, pflichtete seine Frau bei. Auch die Gesellschaft trage nach Ansicht des Ehepaares Rachut ihren Teil zum Schweigen der Opfer bei. Durch die Medien und die Öffentlichkeit erfahren die Missbrauchsopfer, dass sexueller Missbrauch nicht nur verwundet, sondern auch entehrt. Bezeichnungen wie „Triebtäter“, „Kinderschänder“ oder Seelenmord“ rückten Täter und Opfer in ein falsches Licht. Bei einem Triebtäter klinge es aus der Sicht der Opfer so, als wäre dies ein armer Mensch, der auf Grund seiner Triebe nichts dafür kann und man gar mit ihm Mitleid haben müsste. „Benutze Liebe als Köder. Sei nett zu ihnen. Bedrohe sie niemals. Sage, sie seien etwas ganz Besonderes.“ – Mit solchen Leitsätzen machten sich verurteilte Straftäter Kinder gefügig, berichtete das Ehepaar von ihren Ermittlungen. Täter gehen stets nach dem gleichen Schema vor. Bei der Auswahl ihrer Opfer gingen die Täter nach dem Prinzip des geringsten Aufdeckungsrisikos vor. 

„Es werden die eigenen Kinder missbraucht oder fremde Kinder, die unauffällig, schüchtern oder sozial und emotional vernachlässigt erscheinen“, berichtete Ellen Rachut. Täter sehen auch immer eine Mitverantwortung bei ihren Opfern. Kinder würden eingeschüchtert werden, indem man ihnen die Schuld an den Folgen gibt. „Wenn du davon erzählst, wird Mama krank oder verlässt uns“, sei nur eine Drohung, die Täter gern gebrauchen. „Kinder können von dem Berg von Schuldzuweisungen und Scham regelrecht erdrückt werden“, verdeutlichte Ellen Rachut die inneren Zustände Betroffener. 

Dieter Metzler

 

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