Sieben überlebende israelische Sportler des Olympia-Attentats berichteten über ihr Leben danach

Die sieben männlichen israelischen Überlebenden vom Olympia-Attentat in München 1972. Alle Fotos: Günter Schäftlein

Das Gedenken an die elf ermordeten israelischen Sportler 1972 ist im Olympiadorf München, Connollystraße 31, und im Fliegerhorst Fürstenfeldbruck festgehalten. Die bisher einmalige Olympia-Tragödie überlebten aber Menschen aus der israelischen Olympia-Delegation, die durch Zufall und Flucht der palästinensischen Terrorgruppe entkommen konnten. Nach 40 Jahren können die von der Weltöffentlichkeit Vergessenen jetzt endlich auf ihre Existenz und seelische Belastung aufmerksam machen.

Im Doppelkegel der BMW-Welt saßen neben dem Gesprächsleiter, Sportkommentator Marcel Reif, Zelig Shtorch, 66 (früherer Sportschütze), Yehuda Weinstain, 57 (Fechter), Avraham Melamed, 68 (Schwimmer), Gad Tsabary, 68 (Ringer), Dan Alon, 67 (Fechter), Henry Hershkovitz, 85 (Sportschütze), Prof. Dr. Shaul Paul Ladany, 76 (Geher). Dazu die deutschen Athleten Peter Frenkel, 73 (Geher, Olympiasieger 1972 über 20 Km), Max Geuter, 74 (Degenfechter). Vor der Gesprächs- und Berichtsrunde begrüßte Dr. Andreas Weinek als Gf. der einladenden bio. The Biography Channel die zahlreichen Gäste, darunter u.a. die Vorsitzende der jüdischen Kultusgemeinde München, Charlotte Knobloch, und Dekan Stefan Reimers vom ev. Dekanat Fürstenfeldbruck. Stadträtin Barbara Scheuble-Schäfer überbrachte die Grüße der Stadt München, gerichtet auch an die anwesenden Angehörigen der Attentatsopfer. Als damalige Angehörige der tz-Redaktion habe sie die ganze Nacht um die israelischen Geiseln gehofft und gebangt. Emanuel Rotstein, Autor und Produktionsleiter des nachfolgend gezeigten Dokumentationsfilms „Der elfte Tag - Die Überlebenden von München 1972“, dankte seinem Filmteam und den darin handelnden Personen. „Mit diesem Film ist es uns gelungen, die Erinnerung zurückzubringen.“ Auf seine Bitte erhoben sich alle Anwesenden für eine lange Minute und in aller Stille. „Eine Geiselnahme schockte die Welt. Dieses Attentat hat sich tief in die kollektive Seele der Betroffenen eingegraben.“ Das gefilmte Wiedersehen der sieben Überlebenden (von insgesamt neun der Mannschaftsmitglieder, ohne die beiden Frauen) im Februar 2012 im Münchner Olympiastadion sei ein bewegendes Erlebnis gewesen. Und unisono hätten alle im nachhinein „das Schweigen in London“ zu diesem einmaligen olympischen Verbrechen nicht nachvollziehen können. Es folgte die Aufführung der Dokumentation „Der elfte Tag“ in fast gespürter, nachvollziehender Anteilnahme an den Geschehnissen vom 5., 6. und 7. September 1972 - dem Tag der Rückkehr der Überlebenden nach Israel, „mit elf Toten in Holzkisten“. Ein Film und eine Würdigung des Erlittenen, die eine Aufführung auch dank der begleitenden Erzählungen der überlebenden Sportler in allen deutschen Lichtspielhäusern verdient. Der ehemalige Fechter und Fahnenträger 1972, Dan Alon, äußerte in der nachfolgenden Gesprächsrunde: „Ich wünschte heute, wir hätten jedes Jahr olympische Spiele …“ Doch beim Eintreffen im Olympiadorf 1972 hätte er seinen später ermordeten Fechterfreund Andre Spitzer angesichts der Quartierverhältnisse gefragt: „Wo sind denn hier die Sicherheitsmaßnahmen?“ Alles sei in der Connollystraße 31 zu offen gewesen, fast zugänglich für jedermann. Und Spitzer hätte gemutmaßt „Vielleicht sind die Bewacher auf dem Dach.“ Offensichtlich hätte niemand in den Komitees und Organisationen die latent vorhandene Bedrohung Israels ernst genommen, die sich dann nur ein Jahr später im Jom-Kippur-Krieg entlud. Man hätte unbedingt heitere Spiele in München haben wollen, um das bewachte Nazi-Deutschland von 1936 zu vergessen. „München wollte für Weltoffenheit und Friedfertigkeit stehen.“ Es kam die Frage auf „Warum haben die Deutschen es uns nicht erlaubt, uns selbst zu befreien?“ Und danach folgte prompt die Antwort: „Wir Israelis müssen für unsere Sicherheit selber sorgen!“ Marcel Reif zum Sicherheitsaspekt: „In London 2012 waren im und um den Hydepark als Sicherheitskräfte mehr Soldaten, als Großbritannien derzeit in Afghanistan stationiert …“ Die Verfügung vom IOC-Vorsitzenden Avery Brundage „Die Spiele müssen weitergehen“ am 6. September 1972 beurteilt Yehuda Weinstain (damals mit 17 Jahren jüngster Teilnehmer) heute mit Härte: „Die Entscheidung war falsch und feige!“ Avraham Melamed („Es musste weitergehen!“) und Prof. Dr. Ladany widersprachen hier: Das wäre für den Terrorismus ein Sieg und für tausende Sportler eine Bestrafung gewesen. Shmuel Lalkin, Chef de Mission der israelischen Mannschaft, hielt bei der Trauerfeier (ohne die DDR-Mannschaft und die arabischen Teilnehmer) am 6. September 1972 vor 80.000 Besuchern im Olympiastadion eine vielbeachtete Ansprache: „Wir haben elf Sportler verloren. Aber wir Israelis sind es gewohnt, weiterzukämpfen …“ Und auch heute noch engagiert er sich mit allem Nachdruck für seine damalige Mahnung, die israelische Mannschaft in ein anderes, in ein sicheres Quartier zu verlegen: „Aber auf mich wollte ja niemand hören. Da haben nicht nur die Deutschen, sondern auch unsere eigenen Leute die Augen zugemacht. Es gibt einfach keine offene Sicherheit!“ Aber die Überlebenden des Massakers sind sich sicher: „Mit den Helikoptern nach Fürstenfeldbruck wurde das Problem nur ausgeflogen. Und damit wieder jüdisches Blut in Deutschland vergossen.“ Fesselnd, packend und emotional berichten die ehemaligen Olympioniken in der Dokumentation, die BIO (u.a. empfangbar über Sky) am 5. September um 20 Uhr zeigt, über Ängste, Schuldgefühle und die Verarbeitung eines traumatischen Erlebnisses.

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