Sohn des berühmten Psychoanalytikers Mitscherlich renovierte denkmalgeschützten Grunertshofer Pfarrhof aus dem 14. Jahrhundert

Zunächst steht man ziemlich beeindruckt vor dem jetzt blitzsauberen früheren Pfarr-Anwesen aus dem Jahr 1449 in der Von-Pfetten-Füll-Straße, direkt neben der Kirche. Ob denn das viertelstündige Glockenschlagen, so nahebei, nicht störe? Lisa Mitscherlich verneint. „Das gehört doch zur Kirche. Und das hören wir schon nicht mehr, aus lauter Gewohnheit …“ Und dabei sind René Mitscherlich, Sohn des Arztes, Psychoanalytikers und Schriftstellers Alexander Mitscherlich, und Lisa Flötzl-Mitscherlich erst vor knapp einem halben Jahr aus München nach hier aufs Land gezogen, in den Ortsteil der Gemeinde Moorenweis. Eigentlich und ursprünglich wollten sie ja einen kleinen Bauernhof erwerben.

Doch dann wurden sie von ihrem Freund und Handwerks-Chef Hubert Leib aus Eismerszell auf den vor sich hin siechenden Pfarrhof in Grunertshofen aufmerksam gemacht. Hubert Leib heute: „Da hab’ ich mich vielleicht auf was eingelassen … Niemand konnte sich vorstellen, was hieraus mal wird … Da hätte man mich in der Gemeinde auch ganz schön niedermachen können!“ Heute ist sein Urteil zum wiedererstandenen alten Pfarrhof im neuen Besitz eindeutig: „Ganz hervorragend gelungen. Einfach große Klasse.“ Und in diese Beurteilung stimmten bei der offiziellen Begehung auch die anwesenden Dr. Thomas Goppel und der Moorenweiser Bürgermeister Josef Schäffler mit Ehefrau ein. Über 400 qm Wohnfläche in vier Wohnungen und vier Etagen, versehen mit 42 Türen und 53 Fenstern, verfügt das gesamte Ensemble, saniert/renoviert mit einer auch für andere Häuser wünschenswerten Akribie und Liebe zu alten Materialien. In Holz und Aussehen, wie es früher üblich war, in noch erkennbaren sieben Umbauphasen über zusammengerechnet 560 Jahren. Der Pfarrhof strahlt auch jetzt die Großzügigkeit der pfarrherrlichen Vorgängergenerationen aus, seit dem erstmaligen massiven Ziegelbau der Renaissance-Zeit um 1450 bis zur Barockisierung ab 1711. Natürlich heute ergänzt durch die technischen Errungenschaften und Erleichterungen der Moderne, vom mit Solar-Wärme gekoppelten Heizsystem bis zum energiesparenden Kochfeld und den Energiesparlampen. Viele Treppen und Gänge sind im Pfarrhof zu bewältigen, vorbei an den zahlreichen Holzskulpturen von René Mitscherlich, der nebenbei sein Wissen als Holzbildhauer noch an Schüler weitergibt. Immer wieder gibt es aus dem hohen Haus am Hang Ausblicke in die Landschaft oder die bebaute Nachbarschaft und sogar auf den angrenzenden Kirchenfriedhof. Aber auch das ist für die Bewohner kein ständiges ‚Memento mori’. „Denn Sterben gehört ganz natürlich zum Leben“, wie Lisa Mitscherlich, eine praktizierende Homöopathin, anmerkt. Auch im Haus wirkt jeder Raum großzügig bemessen. Keiner ist vollgestellt und einzelne Einrichtungsgegenstände wie die vor dem Verfall geretteten Jugendstilkachelöfen, ein altlackierter Vitrinenschrank, der aufgearbeitete Gemeinderatstisch von Grunertshofen aus den 60er Jahren oder ein vorgefundener Mehrfach-Kerzenständer bekommen in den Räumen ihre besondere Ausstrahlung zurück. Die alten Holzfußböden sind - zeitaufwändig bearbeitet - erhalten geblieben. Der gelernte Schreiner und heutige Architekt für Altbausanierungen René Mitscherlich („Ich sammle leidenschaftlich gern alte Schlösser!“) versteht eine ganze Menge gerade auch von diesem Detail und verfügt über eine große Werkstatt im Erdgeschoß. Selbst die Kellerräume - eine Unterkellerung war in früheren Jahrhunderten eher eine Seltenheit - zeigen nach Bodenfreilegungen wieder die historische Katzenbuckelpflasterung und haben ein für einen Keller ungewöhnliches Kreuzgewölbe. Die räumliche Ausstattung verrät die Handschrift der großzügigigen kirchlichen Stiftung durch die ehemaligen Schlossherren von Pfetten-Füll gleich nebenan, heute besteht im früheren Schloß das katholische Landschulheim Grunertshofen. Die beiden Mitscherlichs haben über 30.000 Arbeitsstunden für sich und ihre Freunde/Helfer als Zeitaufwand für ihr neues Zuhause hochgerechnet. Sie haben die Leistung gern erbracht, denn das wohnliche Ziel stand immer vor ihren Augen. Und wenn schon die mitgebrachten beiden beigefarbenen Kater sich wohl im Hause fühlen, scheint es offensichtlich an nichts fehlen. Sieht man einmal davon ab, dass der kleine Wertstoffhof nur 10 m gegenüber nicht gerade ein Vorzeigeobjekt im schönen Zusammenklang von Pfarrhof, Schloß und Kirche ist. Misstöne gab es für René Mitscherlich („Ich bin 1939 zwei Tage vor Kriegsausbruch geboren …“ - sein Vater wurde als erklärter Gegner der Nationalsozialisten politisch verfolgt) nur bei den Erfahrungen mit dem unteren Denkmalschutz im Brucker Landratsamt. Und das ausgerechnet bei ihm, dem künstlerisch und handwerklich tätigen Bewahrer alter Techniken in einem so sensiblen Lebensbereich wie ‚Wohnen’.

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