Soziale Not - Der Missionar Bruno Haspinger sprach in Puchheim und Bruck über Brasiliens spannungsgeladenen Nordosten

er Comboni-Missionar Br. Bruno Haspinger bei seinem Vortrag in Puchheim: Die Bänder am Birkenholzkreuz symbolisieren ermordete Geistliche und Gewerkschafter im Nordosten Brasiliens. Foto: Günter Schäftlein

Bruder Bruno Haspinger, 70, Prokurator der Comboni Missionare, arbeitete in den letzten 10 Jahren in den brasilianischen Bundesstaaten Maranhao und Para, nahe an der Amazonasmündung. Der gebürtige Südtiroler bringt in seiner Vortragsweise alle Vorzüge der alten Heimat mit: Gelassenheit, Verschmitztheit und Mutterwitz.

An zwei Abenden trat Haspinger auf Einladung des Puchheimer Podiums in Verbindung mit Campo Limpo e.V. im Pfarrsaal von St. Josef und danach auf Einladung der AG Zivilcourage im Gemeindesaal der Brucker Erlöserkirche auf. Themen: „Spannungsgeladener Nordosten Brasiliens – Zwischen Moderne und Menschenwürde“ und „Brasilianische Kleinbauern und die Agroindustrie“. Bruno Haspinger, der jetzt wieder ins Ellwanger Bruderhaus der Comboni Missionare zurückgekehrt ist, versucht eine faire Beurteilung von Politik, betroffenen Menschen und wirtschaftlichen Wachstumszwängen - und den Weg zu einer vertretbaren Ökologie in kleinen Schritten. Der Missionar urteilt im Rückblick über das größte Land Lateinamerikas mit einem Wirtschaftswachstum von zuletzt 7 Prozent: Demnächst wahscheinlich die fünftgrößte Volkswirtschaft der Erde. Haspinger lobte Expräsident Lula da Silva, jetzt, nach dem Amtsantritt der ersten brasilianischen Präsidentin Dilma Rousseff mit einer bulgarischen Abstammung. Lula war und ist - so der Referent - mit 87% zustimmender Popularität „der beliebteste Staatschef der brasilianischen Neuzeit“. In seiner Amtszeit stiegen die durchschnittlichen Einkommen unter den 191 Millionen der aktuellen Bevölkerung, von dennen 100 Millionen inzwischen zur Mittelschicht gerechnet werden: „Er hat Geld unter die Leute gebracht. Mehr als je zuvor.“ Er hat in den acht Jahren seit 2002 zwei Millionen Sozialbauwohnungen errichten lassen. Der Expräsident kam aus dem Armenhaus des Nordostens, arbeitete sich als Schuhputzer und Dreher zum Gewerkschaftsführer hoch. Bei aller Beliebtheit: Es blieben auch unter ihm die Grundübel der brasilianischen Gesellschaft und Landnahme: Landvertreibung der Kleinbauern zu Gunsten der Großagrarier, Abholzung, Brandrodung, Soja-Monokulturen, Biodiesel, Gentechnik und „Großbetriebe für 200 Millionen Rinder, um Europas Kühltruhen zu füllen“. Hinzukommend die ungelöste Situation der Bodenschätze, ein ungezügelter Abbau in den Bergwerken, der ausufernde Staudammbau - wieder zu Lasten der Kleinbauern, Sextourismus und Morddrohungen (mit Kopfgeldern bis zu 1 Million Real) gegen Bischöfe und Führungsleute im Amazonasgebiet. Weil sie gegen Großprojekte sind, vor denen Schwache weichen müssen. Weil man statt Lebensmittel Diesel produziert. Weil man sogar Friedhöfe plasttmacht, um Soja anbauen zu können. „Der Fortschritt ist teuer erkauft und mit Umweltsünden gepflastert.“ Einschließlich ‚Monsanto’. Die beliefern bereits zu 90% den brasilianischen Agrarmarkt mit Saatgut. „Obwohl Gentechnik nicht gegen den Hunger hilft. Die von der Gentechnik seit Jahrzehnten immer wieder versprochenen neuen Wunderpflanzen gegen Hunger und Krankheit bleiben aus. Stattdessen wird nur die traditionelle, kleinbäuerliche Landwirtschaft mit ihrer Pflanzenvielfalt vernichtet.“ Haspinger verweist darauf, dass in bereits 30.000 Lebensmitteln Soja enthalten ist und da, wo Soja angebaut würde, nicht anderes mehr wachse. „Dabei ist die Wirkung auf die menschliche Gesundheit ungeklärt.“ Der Missionar Bruno Haspinger hat sich gegen die Ausbeutungspolitik der Bodenschätze im Nordosten engagiert, denn „Der Reichtum geht, aber der Dreck bleibt.“ Er war und ist dagegen, dass die Mineralien wie Eingeweide aus dem Körper des Landes herausgerissen werden: Transportiert über 1000 Kilometer auf Schienenwegen zwischen der Welt zweitgrößten Erzmine Carajas und dem Atlantikhafen Sao Luis: Endlose Transportzüge, 10 Minuten lang. Dazu die Hochofen-Einschmelzungen. Insgesamt eine industrielle Verwertung, die jede Rücksichtnahme auf die anliegenden oder durchfahrenen Wohngebiete vermissen läßt. Deutsche Konzerne sind an diesem Abbau beteiligt. Die marktbeherrschende Unternehmung VALE realisierte aus diesem Abbau im Nordosten Brasiliens in 2007 einen Gewinn in Billionenhöhe an Real: 1 Prozent davon gab man für Sozialprojekte aus. Bruno Haspinger hofft, dass in all den kritischen Punkten des gesellschaftlichen Zusammenlebens und der ökologischen Probleme des Aufstiegslandes Brasilien nicht nur die Oberschicht als Gewinnerr bleibt, zumal die neue Präsidentin ihr besonderes politisches Schwergewicht für die Umwelt bereits angekündigt hat. Auch das Weltsozialforum in der Nordost-Metropole Belem hat im Vorjahr die sozialen Nöte des Landes eindringlich dargestellt und Abhilfe angemahnt.

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