Strapaziös und gefährlich - Reisen mit der Postkutsche - Ausstellung im Stadtmuseum Bruck

Im 18. Jahrhundert setzte sich die Postkutsche als Verkehrsmittel durch. Mit der Einführung von Fahrplänen, dem verbesserten Straßenbau und strengen Verkehrsregeln entstand ein funktionsfähiges und schnelles Reisesystem. Geschäfts-, Bildungs- und Vergnügungsreisen erfreuten sich zunehmender Beliebtheit. So trug das Postkutschenwesen entscheidend zur Entwicklung des bürgerlichen Deutschlands bei. Am Beispiel der Brucker Poststation, die über Generationen von der Familie Weiß betrieben wurde, schildert die Ausstellung im Stadtmuseum Fürstenfeldbruck vom 20. Mai bis 18. Oktober 2009 die vielfältigen Aufgaben und logistischen Meisterleistungen eines Postmeisters. Zeitgenössische Bilder und Beschreibungen führen Gefahren und Strapazen einer Postkutschenreise, aber auch die Lust an schaurigen Sensationen vor Augen.

Nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges in der Mitte des 17. Jahrhunderts begann das so genannte Zeitalter der Postkutsche. Der in der Taxis’schen Post institutionalisierte Reiseverkehr veränderte den Charakter des Reisens in dieser Zeit von Grund auf. Musste der Reisende bisher seine Fahrt häufig unterbrechen und Straßen- oder Brückenzölle entrichten und an Landesgrenzen oder Stadttoren Visitationen über sich ergehen lassen, war man in der Postkutsche durch das vorab entrichtete Fahrgeld davon befreit und konnte passieren. Auch weite Reisen und Reisezeiten waren nun planbar, denn Anschlusszeiten der Postkutschen wurden immer besser aufeinander abgestimmt. Bereits 1708 waren stundengenaue Angaben in den Fahrplänen zu finden. Im 18. Jahrhundert stand bereits ein hoch entwickeltes Verkehrssystem zur Verfügung. Bis weit ins 19. Jahrhundert förderte dies ganz entscheidend die Entwicklung Deutschlands zu einem aufgeklärten und bürgerlichen Staat. Die Ausstellung „Reisen mit der Postkutsche“ widmet sich den unterschiedlichsten Aspekten des Reisens mit der Postkutsche. Geschildert werden die verschiedenen Reisearten im Ordinari-Postwagen, der streng nach Fahrplan verkehrte, oder mit der Extra-Post, der eigenen oder geliehenen Kutsche, die nach eigenem Fahrplan von Station zu Station tourte. Die wachsende gesellschaftliche Mobilität im 18. Jahrhundert veränderte nicht nur das Reiseverhalten, sondern auch gesellschaftliche Perspektiven. Denn in der Ordinari-Postkutsche fanden sich Reisende ohne Unterschied des Standes, des Alters und Geschlechts zusammen. Zahlreiche praktische Reisehandbücher unterstützten den Reisenden bei der Vorbereitung und Planung seiner Reise. Detaillierte Anweisungen über Reisekleidung, Sicherheitsmaßnahmen, Zusammenstellung der Reiseapotheke und vieles mehr geben ein Bild von der Reisekultur jener Zeit. Wichtig war bei einer längeren Reise natürlich die Auswahl der Herberge. Hier empfahl man, an der alten Regel festzuhalten, „dass man immer in Wirtshäusern, wo viel Einkehr ist, am wohlfeilsten herbergt.“ Dennoch konnte es passieren, dass man in einem eher primitiven Wirtshaus landete und eingewickelt in den eigenen Reisemantel, auf Stroh gebettet und umgeben von Zechkumpanen in der Gaststube nächtigen musste. Zeitgenössische Bilder und Beschreibungen führen Gefahren und Strapazen einer Postkutschenreise und auch die Lust an schaurigen Sensationen vor Augen. Das Reisen in der Postkutsche war eher beschwerlich. Nicht nur die überwiegend schlechten Wegverhältnisse und der geringe Komfort der Fahrzeuge, auch die mangelnde Höflichkeit des Postpersonals und die nicht zu unterschätzende Gefahr eines Unfalls konnten die Reise zu einer denkwürdigen Strapaze machen. Das Stadtmuseum Fürstenfeldbruck führt mit dem Thema „Reisen mit der Postkutsche“ auch die Ausstellungsreihe über bedeutende Persönlichkeiten der Region Fürstenfeldbruck fort, die im Jahr 2006 mit der Ausstellung über die aus Bruck stammende Erzgießerdynastie von Miller begonnen hat. Fürstenfeldbruck war mit der Entwicklung des Postkutschenwesens eng verknüpft. Schon zu Beginn der Einführung der Reichspost in Bayern im Jahr 1664 war auf der Strecke von München nach Augsburg die Errichtung einer Posthalterei auch in Bruck vorgesehen. 1681 wurde diese im Anwesen des Paulus Weiß, in einem ansehnlichen Weingasthaus mit Stallungen und Ökonomie, an der Ecke Marktplatz/Schöngeisinger Straße installiert. Die Station blieb über die Einführung der bayerischen Staatspost 1805 und selbst noch über die Eröffnung der Eisenbahnlinie München–Augsburg 1840 bzw. des Brucker Bahnhofs 1873 hinaus bis 1925 immer in der Hand der Familie Weiß. Am Beispiel der Brucker Poststation, die über Generationen von der Familie Weiß betrieben wurde, führt die Ausstellung die vielfältigen Aufgaben und logistischen Meisterleistungen eines Postmeisters vor Augen. Er hatte – vergleichbar einer heutigen Postfiliale – Briefe und Pakete zum Versand anzunehmen bzw. nach Eintreffen auszuhändigen und die hiermit verbundenen Formalitäten und Geldgeschäfte samt Buchführung zu erledigen. Er musste sich um die Fahrgäste kümmern, sie innerhalb der vorgeschriebenen Aufenthaltsdauer verköstigen und manchmal auch beherbergen. Vor allem aber hatte er darauf zu achten, dass die ankommenden Pferde angemessen versorgt wurden. Außerdem hatte er stets „in gutem, brauchbarem Stande“ Paket- und Personenwagen unterschiedlicher Größe und Ausstattung sowie ausgeruhte und anständig genährte Postpferde in vertraglich festgelegter Anzahl bereitzuhalten. Unter Umständen musste der Posthalter die Durchreise hochgestellter Persönlichkeiten mit großem Gefolge organisieren. Zum Beispiel die Rückreise Maria Amalias, der Gemahlin Kurfürst Albrechts, vom Exil in Frankfurt nach München im Dezember des Jahres 1744. Die kaiserliche Suite bestand aus Chaisen mit je sechs Zugpferden, aus zahlreichen Reitpferden und Gepäckwagen, die an mehreren Tagen hintereinander durch Bruck zogen. Insgesamt organisierte Posthalter Weiß für diese herrschaftliche Reise 417 Pferde aus der umliegenden Gegend, eine logistische Meisterleistung, die die Reiseunterbrechung wunschgemäß auf ein Mindestmaß reduzierte. Die Strukturierung des Postverkehrs mit ihren geregelten Fahrzeiten und dem erweiterten Streckennetz ermöglichte eine immer höhere Reisegeschwindigkeit für alle Reisenden und spielte dadurch eine bedeutende Rolle bei der Veränderung des Zeitbewusstseins der damaligen Gesellschaft, die sich bisher hauptsächlich an natürlichen Tagesabläufen orientiert hatte. Moderne Begriffe wie Geschwindigkeit und Zeitmanagement drangen mit dem Postkutschenwesen in das Bewusstsein der Menschen. In der Ausstellung sind viele authentische Objekte aus den Beständen der alten Postfamilie Weiß in Fürstenfeldbruck zu sehen, die uns für die Ausstellung großzügig als Leihgaben überlassen wurden. Sie bieten interessante Einblicke in das Leben einer Poststation und die Aufgaben eines Posthalters. Zahlreiche Leihgaben aus bedeutenden Museen und Sammlungen lassen die Reisesituation lebendig vor Augen treten.

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