Unrechtssystem im Sozialismus 

DDR-Zeitzeugen im Unterricht 

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Die DDR-Zeitzeugen v.l. Sylvia Burk, Dr. Volker Bantzhaff, Dr. Barbara Marian und Hermann Winkler

Fürstenfeldbruck – DDR-Zeitzeugen nahmen auf Vermittlung der Kester Haeusler-Stiftung Kontakt zu Emmeringer Schülern auf und schilderten das menschenverachtende System in ihrer früheren Heimat. 

 

Die auch um Aufarbeitung der DDR-Lebensverhältnisse bemühte Kester-Haeusler-Stiftung nahm  den Anstoß der Emmeringer Schule zu einer Zeitzeugen-Schüler-Begegnung in der Gründerzeitvilla an der Dachauer Straße dankbar auf. An zwei Tagen zog jetzt hier junges Leben ein: Grundschüler und Mittelschüler der Klassen 5, 8 und 9.

 

Die vom Stiftungsvorstand beauftragte Karin S. Wolfrum begrüßte die Schüler/innen und ihre Projektleiterinnen Elisabeth Lintner und Christel Benzinger sowie die DDR-Zeitzeugen Hermann Winkler, geb. 1936, Dr. Volker Bantzhaff, geb. 1945, Dr. Barbara Marian, geb. 1949, und Sylvia Burk, geb. 1961. Frau Wolfrum unterstrich den engen Zusammenhang der Stiftung mit dem von Bundespräsident Dr. h.c. Joachim Gauck ins Leben gerufenen Verein „Gegen Vergessen, für Demokratie“. Den Projektleiterinnen Benzinger und Lintner ging es in der Projektwoche generell um das „Anders sein …“ in Sprache, Aussehen, Religion. Die Mittelschüler befassten sich dabei in der Lektüre erweiternd mit einer allgemein auftretenden Ausländerfeindlichkeit, speziell durch extreme Randgruppen wie Neonazis und auch das Phänomen des Salafismus. 


Mit der Schilderung von DDR-Zeitzeugen sollte den Schülern die Nachteile für Andersdenkende im früheren sozialistischen System der Deutschen Demokratischen Republik aufgezeigt werden: Mit der staatlichen Weigerung, einen Studienplatz zuzuweisen bis hin zur staatlichen Zwangsmaßnahme einer Trennung und Wegnahme der eigenen Kinder. Zeitzeuge Hermann Winkler erlebte als Kind die vernichtenden Bombenangriffe auf Dresden 1945. Danach die sowjetische Besetzung. 1947 war für ihn mit dem Kreuzkirchenchor noch ein 3wöchiger Aufenthalt in Bayern möglich. 



Nicht möglich jedoch nach Schulabschluß die Aufnahme eines Studiums: Sein Vater war kein Arbeiter- oder Bauernkind. 1956 ging Winkler in den Westen, studierte, war in der Informatik bei Siemens tätig. Mit dem neuen DDR-Passgesetz von 1958 war ihm eine Rückkehr verwehrt, nur der Besuch seiner schwerkranken Mutter im Sommer 1961 wurde erlaubt: „Ein Tag vor dem Beginn des Mauerbaues bin ich wieder abgereist.“ Erst die im Grundlagenvertrag mit der DDR durch Willy Brandt ausgehandelten Reiseerleichterungen ermöglichten die jährlichen Besuche der Mutter für 4 Wochen im Westen. Winkler, der nach seinem beruflichen Ausscheiden 1994 einen Förderverein zu Gunsten der Dresdner Frauenkirche gründete, beurteilt die Entwicklung in der alten Heimat unter SED-Diktat nach dem Gesichtspunkt „Es geschah enorm viel unter Zwang!“


 Die Zeitzeugin Sylvia Burk kam 1979 als 18jähriger Teenager - verurteilt nach § 249 - für vier Jahre in das DDR-Gefängnis Dessau: „Morgens um halb Drei aufstehen und sich dann mit 20 Frauen zwei Waschbecken teilen müssen ist nicht so lustig.“ Die heute 51Jährige, seit 1998 am Niederrhein in Meerbusch-Büderich zuhause, hat das Buch „STIGMA. Im Namen des Volkes gezeichnet.“ verfasst (inzwischen in 4. Auflage) und ist auf die DDR nicht gut zu sprechen: „Für mich war sie ein Unrechtsstaat. In jeder Hinsicht!“ Die gebürtige Dresdnerin galt als „asozial“, weil sie sich nicht bevormunden ließ, einem übermäßig strengen Stiefvater auswich und die erzwungene Ausbildung zur Verkäuferin nicht ihren Vorstellungen entsprach. Sie wurde aufsässig, stellte vieles infrage. In ihrer Biografie erzählt sie von einer ungewollten Abtreibung, von Vergewaltigung, Schlägen und der Trennung vom eigenen Kind. „Vieles war auch nur organisierte Methode des Staats zur Gehirnwäsche.“ Einzige Zufluchtsstätten in ihrer Kindheit waren für sie Urgroßmutter und Großmutter. Heute engagiert sich die Autorin im städtischen Familienzentrum in Büderich und liest Jungen und Mädchen aus ihren Märchenbüchern vor. 

Günter Schäftlein 

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